Mensch allein ist es , der da ewig deutelt ! Abermals zurücktretend und wieder etwas schmäler folgte nun ein zweietagiges Geschoß . Es stellte sich , obgleich aus hellerem Material gebaut , nichts weniger als freundlich dar . Es hatte nur oben Fensteröffnungen , nicht aufrecht stehend , sondern wagrecht liegend , als solle jeder Blick von außen her abgewiesen werden . Wie schmal , wie niedrig sie doch waren ! Und unten gab es nur eine ebenso schmale Thür , deren Oberschwelle von zwei steinernen Tafeln gebildet wurde . Sie hatten eine Schrift enthalten , welche man wahrscheinlich noch jetzt entziffern konnte , doch sah ich , daß sie durch einen quer darübergehenden Riß wie ausgestrichen worden war . Sie hatten nicht Festigkeit genug gehabt , den Druck von oben auszuhalten . Dieser Bau sah ganz so aus , als müsse sein Bewohner jeden Augenblick aus der engen Thür treten , um in alle Welt hinauszurufen : » Daß sich mir niemand nahe ! Ich bin der Auserwählte von Anfang an und werde es ewig bleiben ! « Auf dem Vorhofe sah es wüst aus . Auf Haufen von Schutt und Scherben wucherte dichtes Unkraut . Besonders vor der Thür waren die Disteln und Stechranken so undurchdringlich geworden , daß der erwähnte imaginäre Bewohner am besten drinzubleiben und zu schweigen hatte . Ueppige Dornen wanden sich auch um den Ueberrest eines steinernen Gebildes , dessen Gestalt ich also nicht erkennen konnte . Es schien eine Säule zu sein , die sich in sieben Arme geteilt hatte . War es vielleicht ein Kandelaber gewesen ? Aber die Arme hatten einander nicht gekreuzt gegenübergestanden , sondern ihre noch vorhandenen Stümpfe zeigten , daß sie nebeneinander , also in gleicher Fläche , emporgerichtet gewesen waren . Wo giebt oder gab es solche Leuchter ? Wem war das siebenfache Licht verlöscht , als jener Riß dort an der Thür quer über die beiden Tafeln ging ? Hatte der » allanwesende El « da unten im Erdgeschoß nicht Macht genug besessen , die Leuchter hier oben zu schützen ? Oder hatte man sein vergessen gehabt , grad so , wie man das Vermächtnis dessen vergaß , der einst in Chaldäa sein wirklich Auserwählter gewesen war ? Jede der bisherigen Etagen hatte , wenn nicht einen besonderen Stil , so doch wenigstens Einheitlichkeit . Nun aber kam ein Geschoß , welches nur das Einheitliche besaß , daß die Gesamtfassade aus einem und demselben Material bestand . Dies war ein weißlichgrauer , dichter Kalkstein , vermengt mit den Ueberresten fossiler Organismen , Schnecken , Muscheln und Korallen . Das Bauwerk erhielt durch diese hellere Färbung , welche auch die in gleicher Höhe liegenden Brüche zeigten , ein freundliches , beinahe einladendes Aussehen ; leider aber wurde dieser gute Eindruck fast vollständig dadurch aufgehoben , daß es sich in allen übrigen Beziehungen als ein architektonisches Quodlibet darstellte . Es gab Thore und Thüren in den verschiedensten Formen und Größen . Eine imposante Freitreppe führte zu einem so engen und niedrigen Thürchen , daß man nicht aufrecht passieren konnte ; man war gezwungen , zu kriechen . Und vor einem hohen , breiten , weitgeöffneten Thore lag eine alte , schmale , wackelige , hölzerne Treppenstiege , der eine ganze Anzahl von Stufen abhanden gekommen waren . Es gab Eingänge ganz zur ebenen Erde und aber auch solche , die man nur per Leiter erreichen konnte . In so ganz verschiedener Höhe lagen auch die Fenster , bei denen die Ungleichheit noch viel größer als bei den Thüren war . Keines befand sich in gleicher Höhe mit dem anderen . Neben breiten , hohen Saal-oder Kirchenfenstern gab es kleine , arme Gucklöcher , in die kein Mensch den Kopf zu stecken vermochte . Hier war eines vollständig unbeschützt , dort ein anderes mit einem so starken Laden versehen , als ob man sich vor ganzen Räuberbanden zu fürchten habe . Man denke sich hierzu die ebenso unregelmäßig und verworren angebrachten , oft ganz schief gehenden Haupt- , Brüstungs- , Gurt- , Kämpfer- und Sockelgesimse , die Eckarmierungen und Lisenen , die » Säulen-und Pilasterstellungen « , zwischen denen es keine einzige verbindende Idee gab , so kann man sich wohl schwerlich darüber wundern , daß der Fremde , von welchem Tifl mir erzählte , dieses Bauwerk häßlich genannt hatte . Ein anderer hätte es wohl gar als lächerlich bezeichnet , was doch noch schlimmer als nur häßlich ist ! Und das Dach , oder vielmehr die Dächer ? Denn ein einheitliches Dach , das gab es nicht . Ich sah zwei einander nahestehende , sehr hohe Abteilungen , welche noch gar nicht ausgebaut waren , von ihnen eingeengt aber , kaum einige Meter breit , ein winziges Parterregelaß , dessen nadeldünne Turmspitze zwischen den beiden anderen hoch empor und weit über sie hinausragte . Tief unten eine Zwiebelkuppel , hoch oben über ihr ein Schindeldach ! Daneben ein mit Ziegeln gedeckter Balkenreiter ! An dem einen Ende ein runder Quaderturm , stolz für die Ewigkeit gebaut , und doch schon fast in sich zusammengestürzt , weil auf die allerschwächste Stelle der Unterlage gesetzt . An dem anderen ein hagerer , schiefer Campanile , auch noch nicht fertig , weil er beim Weiterführen unbedingt eingestürzt wäre , denn man hatte ihn zwar absichtlich schief gebaut , aber den Schwerpunkt falsch berechnet . Wer war der Architekt , der dieses Unikum ersann ? Oder hat ein solches Quodlibet gar nicht in seiner Absicht gelegen ? Hat er keinen Plan , keine Zeichnung hinterlassen ? Hat er keine Weisungen gegeben ? Kein einziges Wort über die Aufgaben gesagt , die er den Arbeitern zu stellen hatte ? Sollte es nicht eine Wohnung für viele unter einem einzigen Dache werden ? Wo sind die hin , welche anfingen , und dann die , welche aufhörten , hier zu bauen ? Warum steht das ganze Gebäudekonglomerat jetzt leer ? Warum haben nicht einmal die Dschamikun sich entschlossen , es zu bewohnen ? Befürchten