bleibt immer die Hauptsache . Die geschichtlichen Kenntnisse ? Ein gräßliches Spinnennetz von Jahreszahlen und aneinandergereihten unerklärten Begebenheiten umklammert den armen jugendlichen Kopf und saugt ihm für immer und ewig jedes Interesse an der Geschichte fort . Jene wenigen schätzbaren Geister nehme ich aus , die wie Faust ' s Famulus mit unendlichem Behagen im Pergamentstaub der historischen Spezialforschung wühlen und oft mit krasser Unwissenheit im Ueberblick der allgemeinen Weltgeschichte eine wundervolle Werthschätzung ihrer eigenen Maulwurfsweisheit in » Quellenforschung « vereinen . Für diese Lumpensammler der Historie mag allerdings gerade der biedere stramme Daten-Unterricht besonders bahnweisend gewesen sein . Aber aus solch bevorzugten Geistern , welchen etwa eine Monographie über einen hohlen Zahn des Königs Ramses gelingt , besteht doch nur ein Millionstel der Unterrichteten . Entschädigt uns die erquickende Anregung solch künftiger » Quellenforscher « für die ertötende Qual , mit dem das geistlose öde Repetiren den jugendlichen Geist niederdrückt und ihm für immer unüberwindliche Abneigung gegen alles Historische einflößt ? Ja , nicht einmal in jenem rohen Ballast von Auswendiglerne-Pensum sind Sinn und Ordnung zu erkennen . Zwar lernt der Deutsche verhältnißmäßig mehr von der Geschichte andrer moderner Völker , als diese von der unsern , obwohl mir auch dies Maß ein recht geringes erscheint und der deutsche Durchschnittsgebildete doch wenig Grund hat , sich über die Ignoranz der Engländer und Franzosen in dieser Hinsicht aufzuhalten . Aber während seine eigne Geschichte natürlich ganz wüst und ordnungslos , ihm spärlich und bruchstückweise vorgekaut wird , so daß er wohlweislich von diesem bösen Jahrhundert nichts zu hören bekommt , - werden ihm die Cantönlifehden der Griechen und Römer in einer Breite und mit einer Selbstgefälligkeit vorgetragen , als hinge das Wohl der ganzen Bildung davon ab , wie Cäsar ' s Legaten , Tribunen , Centurionen und Primipile geheißen . Ebenso fordern dieselben Erzieher , welche die deutschen Gesetze und politischen Constitutionen ängstlich zu behandeln vermeiden , unbedingteste Kenntniß der Gesetze des ehrwürdigen Servius Tullius - um so ehrwürdiger , da er nie gelebt hat - und die Gesetzveränderungen je nach Stand der Parteien werden mit allen Klauseln unauslöschlich dem Gedächtniß eingeprägt . Bravo ! Deutscher Student , kennst Du die Declaration of human rights ? Kennst Du die Verfassung des Englischen Parlaments ? Nein . Kennst Du die Déclaration des droits de l ' homme ? sowie die Decrete des National-Convents ? Nein . Kennst Du endlich die politischen Gesetze , um welche Deutschland seit Napoleon rang ? Nur in nothdürftigen Phrasen . - Aber man frage Dich von der lex Acilia de repetundis bis zur lex Voconia das ganze alphabetische Verzeichniß der leges durch - da bist Du zu Hause . Und das auch nur , falls Du ein strebsamer und erfolgreicher Lernender gewesen - was ich immer zur Voraussetzung nehme , obschon noch nie ein origineller selbstthätiger Geist der deutschen Gymnasialbildung das Geringste verdankt hat , ja verdanken konnte . Denn selbst die Kenntniß der Antike flösse den Wenigen , die derselben bedürfen , auf dem Wege des Selbststudiums in kürzerer Zeit viel gründlicher zu . Wer wäre je auf der Schule in den wahren Geist der antiken Dichter und Geschichtsschreiber eingedrungen , da die Repetition der » unregelmäßigen Verba « daran hindert ! Die lateinische und griechische Grammatik , nicht die Litteratur , derentwillen angeblich die todten Sprachen gepflegt werden , trägt der deutsche Gymnasiast nach Hause . Und dieser Formelkram , der den Geist ertötet , setzt sich auf der Universität fort . Die Studenten , die nicht einzig irgend einem Brodstudium fröhnen , sollen mit ihrer allgemeinen Unwissenheit von geschichtlichen Vorlesungen profitiren , welche irgend einen kleinen specialistischen Winkel-Abschnitt der Historie behandeln , den man in Wahrheit nur durch überschauende Kenntniß der allgemeinen historischen Verhältnisse begreifen könnte . Wo man aber gar einen » Lehrstuhl der Aesthetik « amtlich besoldet , da wird der angehende Bierphilister durch widerliche Shakespeareomanie und Goethepfafferei um den letzten Gran gesunden Urtheils und natürlicher Empfindung gebracht . Ein künftiges Jahrhundert wird darüber richten , ob die einseitige deutsche Gelehrsamkeit die Nation nicht vielfach in Entfaltung ihrer Kräfte gehemmt habe . Das Buch der Bücher , die Weltgeschichte , lehrt , daß aller vernunftwidrige Unsinn eines Tages seine Grenze findet . Ich verlasse hier den Größenwahn des deutschen Schulmeisters , der als würdiger Bruder des Unteroffiziers und geistiger Knote jede freie Geistesentfaltung zu nivellirender Uniformität herabdrillen möchte . Jetzt wende ich mich zum Schluß einigen allgemeinen Beobachtungen über den deutschen Nationalcharakter zu . Wir verstehen diesen am besten , sobald wir den französischen und englischen zum Vergleich heranziehn . Der Franzose ist ein Sanguiniker . Mit leicht beweglicher , jedoch rein in die sinnliche Wahrnehmung gebannter Phantasie verbindet er im Ganzen eine erstaunliche Kälte des Herzens . Er ist grausam , unbarmherzig im Verfolgen egoistischer Pläne und Leidenschaften , zu welchen besonders seine phänomenale Sinnlichkeit zu rechnen ist , brutal im Besitze der Macht und wesentlich nur aus Eitelkeit zur sogenannten französischen Courtoisie und Ritterlichkeit geneigt . Nichtsdestoweniger berauscht ihn seine oberflächliche schillernde Phantasie sehr oft bis zur größten Noblesse und Empfindsamkeit , sobald man an seine Würde als Glied der großen Nation appellirt . Somit ist Eitelkeit und wieder Eitelkeit die Triebfeder seiner guten wie seiner schlechten Handlungen und Eigenschaften . Sein Idealismus ist stets aus diesem einen Beweggrund herzuleiten , persönlicher oder nationaler Eitelkeit . Darum wird er mit Begeisterung Jeden betrachten , der den äußern Glanz Frankreichs fördert , um so mehr er im Ganzen von erstaunlicher Unselbständigkeit ist und sich am liebsten von einem zusammenfassenden energischen Willen leiten läßt . Er ist mit Begeisterung servil , ebenso wie er mit Begeisterung die Freiheit anbetet - Beides , um seiner Phantasie ein Idol zu bieten , heiße es nun gloire oder liberté . Seine aufopfernde Hingebung für dies momentane Idol schlägt natürlich in das Gegentheil um , sobald diese Hingebung dem Heißhunger seiner phantastischen Eitelkeit nicht mehr genug entsprechende Sättigung gewährt . Aber der künstlich zur National-Eitelkeit großgezogenen Eitelkeit seines Naturells und seinem Leithammelsuchenden Instinkt verdankt