Sie zogen sich auf der großen Smolensker Straße zurück , vermieden jedes Rencontre mit unsern Vortruppen und schienen Moskau ohne Schwertstreich preisgeben zu wollen . Es war aber anders beschlossen ; auf russischer Seite wechselte der Oberbefehl , Kutusow kam an Barclay de Tollys Stelle , und unserm Einzuge in Moskau ging ein Zusammenstoß voraus , von dem der Kaiser selbst bei hereinbrechender Nacht sagte : » Ich habe heute meine schönste Schlacht geschlagen , aber auch meine schrecklichste . « Das war bei Borodino am 7. September . Schon der 5. gab uns einen Vorschmack . Als wir am Abend dieses Tages ins Biwak rückten , hörten wir , daß in unserer Front ein heftiges Gefecht stattgefunden und die Division Compans , zu der auch das 61. Linienregiment gehörte , eine russische Schanze gestürmt habe . Unmittelbar darauf sei der Kaiser erschienen und habe , die Lücken in dem genannten Regimente wahrnehmend , unruhig gefragt : » Wo ist das dritte Bataillon vom Einundsechzigsten ? « , worauf der alte Compans geantwortet habe : » Sire , es liegt in der Schanze . « Am 6. hatten wir Gewißheit , daß uns die Russen eine Schlacht bieten würden , und tags darauf standen wir ihnen in aller Frühe schon auf Kanonenschußweite gegenüber . Es war ein klarer Tag . Die Sonne , eben aufgegangen , hing wie eine rote Kugel über einem Waldstrich am Horizont und sah auf das kahle Plateau hinunter , das sich , halb Brache , halb Stoppelfeld , in bedeutender Tiefe , aber nur etwa in Breite einer halben Meile , vor uns ausdehnte . Die Höhenstellung , auf der wir hielten , erleichterte es mir , mich in dem Terrain zurechtzufinden , und ich erkannte bald , daß das vor uns liegende Plateau keineswegs eine glatte Tenne sei , sondern mehrere kleine Senkungen und Steigungen habe . Namentlich eine dieser Senkungen , allem Anscheine nach ein ausgetrocknetes Flußbett , markierte sich scharf und zog sich , das voraussichtliche Schlachtfeld in zwei Hälften teilend , wie ein Wallgraben zwischen unserer und der feindlichen Stellung hin . Hüben wir , drüben die Russen . Dies ausgetrocknete Flußbett hieß der Semenowskagrund . Wer angriff , mußte diesen Grund passieren , und in der Tat drehte sich die neunstündige Schlacht um den Besitz desselben und dreier teils am diesseitigen , teils am jenseitigen Rand gelegenen Positionen . Diese drei Positionen waren die folgenden : 1. die Bagrationfleschen ; 2. das Dorf Semenowskoi und 3. die große Rajewskischanze . Position zwei und drei lagen jenseit des Grundes , auf der von den Russen besetzten Hälfte des Schlachtfeldes , Position eins aber , die Bagrationfleschen , waren brückenkopfartige , bis an den diesseitigen Rand des Semenowskagrundes vorgeschobene Werke . Alle drei Positionen bildeten das feindliche Zentrum , an das sich ein rechter und linker Flügel anlehnte . Der rechte bei Borodino , der linke bei Utiza . In tiefen Kolonnen stand der Feind , scheinbar endlos . Wir sahen weithin das Blitzen der Bajonette und in Front seiner Stellung , am Rande des Grundes hin , die dunkeln Öffnungen seiner Geschütze . Soweit der Feind . Aber das helle Licht des Morgens , dazu die Höhen , die wir innehatten , gönnten uns auch einen Überblick über unsere eigene Aufstellung . Unmittelbar vor uns , in sechs Divisionsmassen , standen die Corps von Davoust und Ney , hinter uns Junot und die Garden , während wir selber , zehntausend Reiter unter König Murat , sowohl in Länge wie Tiefe die Mitte des diesseitigen Schlachtenkörpers einnahmen . Der Plan Napoleons ging dahin , erst die Flügelpunkte : Borodino und Utiza , jenes durch die italienischen Garden des Vizekönigs , dieses durch die Polen unter Poniatowski , nehmen zu lassen , dann aber , und zwar unter Mitwirkung der ebengenannten von rechts und links her einschwenkenden Flügelcorps ( deren rasches Vordringen er nicht bezweifelte ) , die furchtbare Zentrumsposition des Feindes zu durchbrechen . Erst die Fleschen , dann Semenowskoi , dann die Rajewskischanze . Schon vor Tagesanbruch war der erste Kanonenschuß gefallen , um sieben begann die Schlacht . Der Vizekönig nahm Borodino ; aber Poniatowski , auf einen stärkeren Feind stoßend , als er erwartet hatte , konnte nicht Terrain gewinnen . So blieb , als namentlich auch bei Borodino der Angriff wieder ins Stocken kam , die Mitwirkung von den Flügeln her aus und zwang die zu unseren Füßen haltenden Corps von , Davoust und Ney , die Durchbrechung des feindlichen Zentrums in weder von links noch rechts her unterstützten Frontalangriffen zu versuchen . Die Division Compans , dieselbe , die am 5. das erbitterte Gefecht gehabt hatte , hatte wieder die Tête . Sie warf sich auf das nächste Angriffsobjekt , die Bagrationfleschen , nahm sie , verlor sie und nahm sie zum zweiten Mal , aber nur , um sie zum zweiten Mal zu verlieren . Der tapfere Compans fiel , Rapp und Davoust , mehr oder minder schwer verwundet , mußten das Schlachtfeld verlassen , und immer neue Divisionen wurden vorgezogen , um uns den Besitz dieses vorgeschobenen Werkes zu sichern . Erst nach dem vierten diesseitigen Sturm gaben die russischen Grenadiere , die hier unter Fürst Woronzow gestanden und geblutet hatten , jeden Wiedereroberungsversuch auf und zogen sich , soviel ihrer noch waren , auf den jenseitigen Rand des Semenowskagrundes zurück . Zu schwach , noch selber feste Körper zu bilden , reihten sie sich in andere Truppenkörper ein , die sie hier vorfanden . Es waren ihrer noch vierhundert Mann , der Rest von sechstausend . Fürst Woronzow , als er am Abend des Tages seinen Bericht an den Kaiser abfaßte , schloß mit den Worten : » Meine Grenadierbataillone sind nicht mehr ; aber sie verschwanden nicht von dem Schlachtfelde , sondern auf ihm . « Um elf Uhr hatten wir die Fleschen , und der Grund mußte nun überschritten werden , um zunächst das schon an vielen Stellen brennende Dorf Semenowskoi ,