den diese außergewöhnliche Persönlichkeit mehr denn je auf ihn und die Seinen ausgeübt . Sie erwiderte im Augenblick nichts ; aber er dankte ihr schon die Frage ; es war das erstemal , daß sie den Namen des einst so tiefgeliebten Mannes vor ihm oder irgendeinem anderen ausgesprochen hatte . Liebte sie ihn noch , oder liebte sie ihn wieder ? Nach einer langen Stille sagte sie : » Es ist etwas Seltsames um solch ein Wiedersehen . Man merkt an ihm erst das Wirken der Zeit . Mir ist , als ob eine Binde von meinen Augen gefallen wäre . « Sie ahnete wohl nicht , daß sie mit diesen Worten dem Freunde ein Rätsel aufgegeben hatte . Denn die Zeit versöhnt , und die Zeit verlöscht . Rose war heute ausnahmsweise noch nicht in ihr Stübchen gegangen . Sie stand wieder am Fenster und schaute in das Tal hinab , das jetzt vom Mond beleuchtet ward . » Wie langweilig diese Lydia ist , « sagte sie mit krauser Stirn , ein Gähnen unterdrückend . » Hätte Sidonie nicht ein bißchen Leben in die langen Winterabende gebracht , sie wären nicht zum Aushalten gewesen . « Als sie Dezimus zur guten Nacht die Hand reichte , fragte sie : » Glaubst du , Dezimus , daß Lydia den Baron noch liebt ? « Das war ja eben die Frage , die ihm so mächtig in Kopf und Herzen herumging ; aufrichtig aber , wie er nun einmal war , auch wenn er mit seiner Aufrichtigkeit sich selbst ein Leides tat , antwortete er , daß er das allerdings nicht wissen könne , aber ihre Liebe zu ihm ebenso natürlich finden würde wie die seine zu ihr . » Er - sie ? Ach warum nicht gar ! « rief Rose unmutig . » Es ist Torheit , was man von alter Liebe sagt . Was im Herzen gestorben ist , wacht nicht wieder auf . Und wie viele mag er in der Zwischenzeit angebetet haben ! Sie ist ja auch viel zu alt für ihn . « » Sie ist zwei Jahr jünger als er . « » Aber steif wie eine Großmutter . « Das liebe Röschen war keineswegs , wie die kluge Sidi behauptete , ihrer Stimmungen allezeit Herr , sonst würde sie die heutige fein für sich behalten haben ; denn wehe tun wollte sie ihrem armen Dezem gewißlich nicht . Am nächsten Sonntag , dem , an welchem das dritte Aufgebot und nach ihm die Trauung stattgefunden haben würde , war Max mit seiner Schwester in der Kirche . Er hatte seinen Platz dem Herrenstuhl gegenüber gewählt , wo er von Lydia bemerkt werden mußte , sobald sie den Blick der Kanzel zuwendete . Sie wendete , nach ihrer Gewohnheit , während der Predigt ihn kaum von der Kanzel ab , der Prediger hätte aber nicht die leiseste weltliche Störung ihrer Andacht wahrnehmen können . Wenn die alte Liebe wieder aufgewacht war , mußte der heilige Ort den gebührenden Bann ausüben . Unter der Kirchpforte stieß das Geschwisterpaar mit dem nominellen Brautpaar zusammen und geleitete es zu einer Staatsvisite in die Pfarre . Der Herr Baron wunderte sich , daß er das gnädige Fräulein nicht in der Kirche bemerkt habe , worauf das gnädige Fräulein mit einem allerliebsten Schelmenblinzeln erwiderte , der Herr Baron habe eben mit dem Rücken gegen den Pfarrstuhl gelehnt gestanden . Das hätte der Herr Baron sich nun für künftige Kirchbesuche gesagt sein lassen können . Leider hatte es jedoch bei diesem ersten Besuche sein Bewenden . Es wäre der Werbenschen Erbgruft nur ein Erinnerungszoll dargebracht worden , äußerte der Herr Baron . Überhaupt drückte in dem Baron der Umschlag aus einer interessant gemütlichen in eine interessant ironische Stimmung sich deutlich aus . Er beglückwünschte Pastor Blümel über das Wunder der Toleranz , das sein Beispiel in der Gemeinde gewirkt habe . Wie müsse dem standfesten Onkel Propst im Chore der himmlischen Heerscharen zumute sein , wenn er seine Tochter mit so seelenruhiger Andacht einem unionistischen Gottesdienste beiwohnen sähe ? Schreite die Freisinnigkeit in gleicher Progression fort , könne die einstmalige Seelenfreundin des Professor Hildebrand es noch zur Adeptin von Papa Zacharias bringen . Pastor Blümel erwiderte ruhig , daß er diese Befürchtung nicht hege , und lenkte das Gespräch auf ein Gebiet , wo er seinen Gast mehr als in dem eines gläubigen Herzens zu Hause halten durfte : auf das der Politik ; indessen auch auf dieses nur so weit , als es die vaterländische Grenze nicht berührte . Er bat um eine nähere Erklärung der Reformbankette , die in den Zeitblättern ja nahezu als eine Existenzfrage des französischen Staates behandelt würden , war aber nach erhaltener Aufklärung merklich enttäuscht , da er hinter dem ungestümen Verlangen , ein Mahl zu halten und beliebige Toaste auszubringen , eine karbonaristische Verschwörung oder andere dergleichen Heimlichkeit , welche die Regierung ausgewittert , vermutet hatte . Worauf denn Herr von Hartenstein lächelnd erwiderte , es sei in Frankreich nichts Neues , mit Explosivstoffen in der Form von Knallbonbons eine Feuersbrunst zu entzünden . Im teuren Vaterlande walte die entgegengesetzte Manier ob . Wenn die Mine bis zum Platzen vollgeladen sei , leite man sie in Äderchen und Kanälchen ab , und der erste beste Landregen spüle sie in den Strom der Zeit . Nun , Konstantin Blümel wußte von einer vaterländischen Mine , und er hatte sie selbst mit laden helfen , die gar wuchtig einen Koloß über den Ozean geschleudert hatte ! Doch verlautbarte er diese Erinnerung nicht , sondern erkundigte sich nach dem Befinden des Herrn Amtmann Mehlborn . Der Pulsschlag seines Entzückens hatte sich während dieser Sonntagsvisite indessen bedeutend ermäßigt . Am anderen Tage fand Rose es dringlichst angemessen , daß der amtliche Stellvertreter des Vaters diese Visite erwidere , fühlte sich selbst auch hinlänglich zu einem Spaziergang bei so prachtvollem Winterwetter gekräftigt , begleitete den väterlichen Stellvertreter demnach ein Endchen und bekam bei Wege ein unwiderstehliches Gelüste