dem es keinen Halt mehr gab . Frieden fand der Mensch weder in seinem Herzen noch in seinem Hause , noch draußen auf dem Markte . In dem römischen Kaiserreich hatte die Menschheit sich an sich selber verloren , sie lag in Ketten unter dem Purpurmantel , der ihre blutenden , zerschlagenen Glieder deckte ; der Himmel war dunkel über ihr , und das Licht , das von ihrem goldenen Diadem ausging , war nur das fahle Leuchten in der Nacht des Todes . Trotz aller Pracht und Bewegung des Lebens war die Erde wüst und leer geworden wie vor dem Erschaffungswort . Ehrn Josias Tillenius sagte das in Worten , die seine Gemeinde verstand Es wagte niemand , sich zu regen ; man hörte nur das schnellere Atmen der Zuhörer , und als der fast hundertjährigen Urgroßmutter Margarete Jörensen , die allein schlummerte in der Versammlung und nach einem früheren Gebot des Predigers unter keiner Bedingung geweckt werden durfte , das große Gesangbuch vom Schoß rutschte und zu Boden fiel , ging es wie ein jäher Schrecken durch jedes Herz , und die abgehärtetsten Seeleute fuhren zusammen . » Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen ! « Es war , als ob das Wort den Bann , der auf dem Volk von Grunzenow lag , löste , wie einst die Fesseln der ganzen Menschheit . Über der Hütte zu Bethlehem stand der Stern der Erlösung ; der Heiland war in die Welt des Hungers geboren worden ; der Schmerzenssohn der Menschheit , der Sohn Gottes , der die Sünde seiner Mutter auf sich nehmen sollte , war erschienen ; und vom Felde kamen die armen Hirten , denen die Könige und Weisen erst später folgten , hergelaufen , um das Kind in der Krippe zu begrüßen , dieses Kind , das nun noch mit in die Register der Bevölkerung des römischen Reiches , die der Kaiser Augustus anfertigen ließ , aufgenommen werden konnte . Nun war die Zeit erfüllt und das Reich Gottes erschienen . Die hungrige Menschheit aber reckte die Hände auf nach dem » Brot , das vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt « . Der Himmel , der so finster und leer gewesen war , öffnete sich über den Kindern der Erde : alle Völker sahen das große Licht - die Menschheit riß die Krone von dem gedemütigten Haupt und warf den Purpurmantel von den Schultern . Sie schämte sich ihrer blutenden Wunden , ihrer gefesselten , zerschlagenen Glieder nicht mehr - sie kniete und horchte . Wahrheit , jauchzte es vom Aufgang ; Freiheit , jauchzte es vom Niedergang ; - Liebe ! sangen die Engel um die Hütte , in welcher die Erbtochter des Stammes David und Joseph , der Zimmermann von Nazareth , den Hirten das Kind zeigten , das in der Nacht geboren worden war . Ehrn Josias Tillenius aber zeigte es jetzt den Kindern seines Dorfes ; denn das Weihnachtsfest ist das Fest des Kindes , welchem die erhabenen Ostern fremd bleiben , bis es über den ersten wahren Schmerz nachdenken mußte . In die Weihnachtsworte aber , die der alte Prediger zu den Kindern sprach , dämmerte der neue Tag . Es wurde Dämmerung vor den Fenstern der kleinen Kirche , und das Licht der Lampen und Wachskerzen erbleichte vor dem rosigen Schimmer , der den Winterhimmel überzog . Wieder erklang die Orgel , die Gemeinde von Grunzenow sang den Schlußvers des Weihnachtsliedes , die Kirche war zu Ende . Hans und Fränzchen standen auf dem Kirchhofe neben dem Prediger und dem alten Oberst , und alle Grunzenower , die an ihnen vorübergingen , um wieder in das Dorf hinabzusteigen , nickten ihnen zu oder kamen auch wohl heran , um ihnen die Hand zu geben und sie in ihrer Mitte willkommen zu heißen . Röter und röter färbte sich der Himmel , die Lichter des Dorfes erloschen in der Dämmerung wie die Lichter in der Kirche . Die Orgel schwieg , der Küster kam auch lächelnd-scheu , den Kandidaten Unwirrsch zu beglückwünschen . Es wurde Tag , aber die Stimme des Meeres verklang nicht . Die letzten Bewohner des Dorfes hatten sich entfernt ; Ehrn Josias Tillenius sah auf das Brautpaar und sagte dann : » Kommt , Oberst ! Ihr müßt mir wie gewöhnlich Euren Arm leihen . Die jungen Leute werden schon ihren Weg allein finden . « Der Oberst von Bullau sah auf Hans und Fränzchen und zog die Hand des alten Freundes unter seinen Arm . Auch der Pastor und der Herr von Bullau stiegen herab von dem Kirchhofe ; - Hans und seine Braut standen allein unter den schneebedeckten Gräbern . Sie standen und hielten einander fest umschlungen . Zu gleicher Zeit kam beiden derselbe Gedanke , daß sie dereinst auch auf diesem kleinen Kirchhof liegen und schlafen würden ; aber sie lächelten und sehnten sich nicht fort . Arbeit und Liebe ! zitterte es durch ihre Herzen , und sie wußten , daß ihnen beides gegeben worden war . Klar kam der Tag vom Osten ; über der See zerrissen die Nebel - von der Freiheit sang das Meer , von der Wahrheit sang die Sonne ; die Welt aber gehörte nicht dem Doktor Theophile Stein , der einst Moses Freudenstein hieß ; über den Gräbern des armen Dorfes Grunzenow standen Johannes und Franziska und fürchteten in der Liebe weder das Leben noch den Tod . Fünfunddreißigstes Kapitel Herbst ! Auf alle Höhen Nun ist ' s geschehen ; - Da wollt ich steigen , Aus allen Räumen Zu allen Tiefen Hab ich gewonnen Mich niederneigen . Ein holdes Träumen . Das Nah und Ferne Nun sind umschlossen Wollt ich erkünden , Im engsten Ringe , Geheimste Wunder Im stillsten Herzen Wollt ich ergründen . Weltweite Dinge . Gewaltig Sehnen , Lichtblauer Schleier Unendlich Schweifen , Sank nieder leise ; Im ew ' gen Streben Im Liebesweben , Ein Nieergreifen -