zu machen ? Von dieser Seite sah die Baronin also nicht das geringste Hinderniß der Ausführung ihres Projects . Von Seiten Helene ' s erwartete sie eben so wenig einen ernstlichen Widerstand , oder genauer , hatte sie bis zu diesem Augenblick einen solchen nicht erwartet . Sie hatte vergessen , daß sie ihre Tochter drei Jahre lange nicht gesehen , daß drei Jahre viel zu ändern vermögen und aus einem trotzigen , aber doch aus Furcht und Gewohnheit gehorsamen vierzehnjährigen Mädchen eine siebenzehnjährige stolze junge Dame machen können , die unterdessen verlernt hat , vor ihrer Mutter zu zittern , und unter Leitung einer strengen , aber hochherzigen Erzieherin viel zu selbstständig geworden ist , um ihren Willen so ohne Weiteres dem eines Andern , er sei auch , wer er sei , unterzuordnen . Dies erkannte die Baronin fast auf den ersten Blick , als sie im Empfangssaale der Pension ihre Tochter zur Thür hereintreten sah . An der Haltung der jungen Dame , die ohne Hast , aber auch nicht zu langsam , auf die Mutter zuschritt , ihr die dargebotene Hand küßte und dann einen Schritt zurücktretend , wie weiterer Befehle gewärtig , in ruhiger Haltung stehen blieb , war sicher nichts auszusetzen ; aber die großen Augen blickten so stolz und gelassen , und die Worte fielen so gemessen von den ausdrucksvollen Lippen , daß die Mutter fühlte , bei dieser ihrer Tochter , die ihr so fremd erschien , könne sie auf kindlichen Gehorsam , auf einen Gehorsam aus Liebe , mit Sicherheit nicht rechnen . Das große Project , welches sie so ganz fertig im Kopfe trug , erschien ihr plötzlich in sehr ungewissem Lichte , und die ersten Worte , die sie nach der Begegnung zu ihrem Gemahl sprach , waren : Ich glaube , lieber Grenwitz , wir werden in der Heirathsangelegenheit sehr vorsichtig zu Werke gehen müssen . Du würdest mich verpflichten , wenn Du mir die Sache vollkommen überließest . Eine ungeschickte Einleitung , ja nur eine Andeutung zur unrechten Zeit könnte leicht Alles verderben . - Der gute alte Mann kam dieser Aufforderung um so lieber nach , als selbst sein felsenfester Glaube an die Unfehlbarkeit seiner Anna-Maria nicht im Stande gewesen war , die Bedenken , welche er gegen das Heirathsproject hatte , gänzlich zu beseitigen . Die Baronin sah ein , daß , im Falle Cousin Felix vor Helenes Augen keine Gnade finden sollte - und dieser Fall war zum mindesten nicht unmöglich - durch Einschüchterung , durch Gewaltmaßregeln nichts ausgerichtet werden könnte , und daß Güte nicht nur der sicherste , sondern auch der einzige Weg sei . So war sie denn gütig , nach ihren Begriffen äußerst gütig gegen die schöne Tochter , und damit die Andern nicht merkten , worauf dies Alles hinausging , oder auch nur um in der Uebung zu bleiben , war sie es gegen diese auch . Seltsamerweise indessen schien gerade die , für welche diese Gnadensonne leuchtete , am wenigsten dadurch erwärmt zu werden . Helene veränderte ihre ruhig abgemessene Haltung , ihr höflich kühles Wesen auch nicht im mindesten : die von der Baronin stets so gerühmte Pension hatte in der Erziehung Fräulein Helene ' s offenbar ein Meisterstück geliefert . Und dennoch war dieses junge Herz , das so kalt , so unzugänglich schien , warmer Gefühle wohl fähig . Sie hatte , als sie von ihrer Freundinnen und der hochverehrten Lehrerin Abschied nahm , heiße Thränen geweint , die sie freilich , als die Mutter eine Bemerkung darüber machte , sofort trocknete ; sie erwies dem Vater manche Aufmerksamkeiten , auf welche die bloße Höflichkeit nie verfällt ; sie konnte ein armes Kind nicht blos beschenken , sondern auch an die Hand nehmen und freundlich mit ihm sprechen . Ihre Freundinnen , deren sie allerdings nur sehr wenige besaß , hatten niemals Ursache gehabt , über Lieblosigkeit von Seiten Helene ' s zu klagen ; und die Briefe , die sie von Grenwitz aus nach Hamburg schrieb , waren der Beweis , daß sie wenigstens gegen die , welche sie liebte , weder kalt noch verschlossen war . So schrieb sie unter Anderem an Mary Burton , eine junge schöne Engländerin , die sie von allen Freundinnen am meisten liebte und die einen großen Einfluß auf sie ausgeübt hatte : Doch das sind tempi passati , meine gute Mary ! Ich muß nun lernen , mich an der Musik zu ergötzen , ohne sie zusammen mit Dir zu hören , und eine Gesellschaft erträglich zu finden , in der ich nicht Deinen holden Augen begegne . Bis jetzt freilich fehlst Du mir überall , und auch die Andern ; bis jetzt halte ich es nur für eine Möglichkeit , auch ohne Euch froh sein zu können . Glaube indessen nicht , daß man mir hier unfreundlich begegnet ! im Gegentheil , ich muß gestehen , daß mir die Meinigen über all mein Erwarten liebenswürdig entgegen gekommen sind . Von meinem Vater hatte ich es nicht anders erwartet , aber - Du hast ja die Briefe meiner Mama gelesen ! Du meintest , sie glichen sich , wie eine Schneeflocke der anderen - auch sie ist viel weniger streng , als ich sie von früher her kannte und als sie in ihren Briefen erscheint . Sie läßt mir alle nur möglichen Freiheiten ; ich kann - was wir uns in der Pension immer als das Höchste dachten - thun und lassen , was ich will . Meine Zimmer liegen im Erdgeschoß des alten Schlosses , dicht über dem Garten , in welchen aus meinem Salon eine Thür mit ein paar Stufen hinabführt . So lebe ich ganz ungestört , obgleich ich mit wenigen Schritten über die Corridore in die Wohnzimmer gelangen kann . Du weißt , ich fürchtete schon , hier nicht meiner großen Leidenschaft , des Abends spät , wenn Alles rings um mich her still ist , zu musiciren , folgen zu können .