Einheit gesammelt . Es quoll aus allen Teilen der großen Kirche hervor , aus den Stufen der Altäre ; es stieg und sank - und erhob sich wieder - eine Flut , ein Orkan von Gebet , das aus dem Herzen und von den Lippen von zehntausend Pilgern kam . Jeder betete halblaut seine Gebete in seiner Sprache , weinend , klagend , frohlockend , flehend , angsthaft , zuversichtlich , jammernd , lobpreisend - der eine ein Pater , der andere ein Miserere , der dritte ein Salve Regina , der vierte ein De profundis , der fünfte ein Te Deum , der sechste ein Veni sancte . Und einige beteten mit ihren Tränen und andere mit ihren Seufzern und andere mit gebrochenen Worten : alle Leiden und Schmerzen , alle Nöten und Trübsale , alle Kämpfe und Qualen , alle Liebe und Hoffnung , welche über den Erdball ausgebreitet sind , drängten sich auf diesem einen Punkt der Erde zusammen , und schrieen auf in diesem einen ungeheuern , Mark und Bein erschütternden Akkord : es war der Geist der Menschheit , der sehnsüchtig an das Herz Gottes flüchtete . Es überfiel mich , ich weiß nicht was für ein Verlangen , einzustimmen in diese wunderbare Hymne der betenden Menschheit ; aber ich verteidigte mich auf ' s äußerste und dachte an unsere Hymnen auf den Barrikaden , auf den Gassen , bei Volksbanketten , im Theater , bei unseren Orgien ; was fangen die ? Ja , was singen die ! Blut , Mord , Lustgier , Wahn und Rausch . Ein namenloser Ekel wandelte mich an . Ich stieß sie fort - mit dem Fuß . Hinweg mit euch ! ihr seid nicht die Stimme eines höheren Geistes in der Menschheit ; denn was ist euer Grundton ? Trotz ! - Trotz gegen Gott und seine Offenbarung . Nennt ' s wie ihr wollt ! .... aber das ists : Trotz gegen Gott und seine Offenbarung . Ihr seid gerichtet ! ! - - Judith , verstehen Sie mich ? « » Ich weiß nicht ! « flüsterte sie . » Erzählen Sie weiter . « » Aber ich ! « fuhr Lelio fort , » ich sollte einstimmen in die Hymnen des Gebetes zu Ehren eines menschgewordenen , eines gekreuzigten Gottes und Erlösers ? ich glaubte ja nicht an ihn ! Mein Glaube lag ja begraben unter jenen Disteln und Dornen , die mir das weiße Kleid der Gnade zerrissen hatten . Wer nicht glaubt , kann nicht beten ! Da fiel mir die Frau mit dem schönen liebreichen Blick ein und ihr Wort : Figlio mio , bete ein Ave Maria für mich ! Nun schloß ich einen Kompromiß mit mir selbst ab und sprach heimlich : Ich habe die Frau gekränkt ; dafür will ich ihr den Gefallen tun und ein Ave Maria für sie sprechen . Auf diese Weise war halb und halb mein Verlangen befriedigt , halb und halb meine Ehre gerettet . Es gibt nichts Elenderes unter der Sonne , als ein Kompromiß mit der Wahrheit . Dann verließ ich die Kirche , begab mich in meine Herberge und suchte zu schlafen . Es ging aber nicht recht . Teils hielten mich wahre Gedankenstürme wach ; teils störten mich die Pilger , die in neuen Scharen herbeikamen und ohne Obdach zu suchen geradesweges zur Kirche gingen und auf den Stufen gelagert , Rosenkranz und Litaneien beteten und geduldig harrten , bis sich um zwei Uhr Morgens die Türen öffneten und sie zum Teich Bethesda der Seelen - zum Bußsakrament eingehen ließen . Schlief ich aber ein paar Minuten , so war mir unaussprechlich wohl , denn das unbeschreibliche und unvergeßliche Nachtgebet der Pilger säuselte über mich fort wie ein Wiegenlied . Um drei Uhr läuteten alle Glocken . Ich sprang so eilig auf , als dürfe ich keinen Moment des Festtages verlieren und eilte in die Kirche ; nicht aus Andacht , aber wir Künstler lieben allerhand Emotionen , nicht wahr , Judith ? Wie das aber zu gehen pflegt : sucht man sie , so findet man sie nicht . Um vier Uhr begann der Gottesdienst . Die ganze Kirche und alle Kapellen waren erleuchtet . Am Hochaltar feierte der Abt das heilige Meßopfer und an den übrigen Altären die Mönche und fremde Geistliche . Dann wurde die heilige Kommunion ausgeteilt - an tausende und tausende . Zuweilen trat eine Pause in der heiligen Ausspendung ein . Dann flutete aber wieder ein Menschenstrom zum Tische des Herrn und wieder erschien der Priester und brach das Vrod des Lebens . Um zehn Uhr wurde ein prachtvolles Pontifikalamt celebriert und zwar vom Nuntius des Papstes - was mich denn wieder in meine allergiftigste Stimmung versetzte . Der alte schwache Priesterfürst in Rom hat seine Gesandten überall , bei Kirchenfürsten , bei weltlichen Fürsten und wie sie ; und die Oberhäupter des ächten , des republikanischen Roms , ein Mazzini , ein Garibaldi , werden als Revolutionäre verbannt , gehaßt und mißachtet ! Überdies mißfiel mir die frohe Stimmung des Volkes , das sich nach dem Hochamt wie ein bunter , beweglicher , tausendsarbiger Teppich über den Platz und den Bergabhang und die Gassen hinzog . Und ach ! was war das doch für eine unschuldige Fröhlichkeit ! sie waren mit Gott ausgesöhnt , sie waren mit der Speise der Engel erquickt : nun lagerten sie sich traulich zusammen , die Familien , die Freunde , die Gemeinden - auf dem Rasen , um den Brunnen , in den Gaststuben , wo sie eben ein Plätzchen fanden - und genossen das Wenige , was sie mitgebracht hatten , oder was sie mit knapper Not sich kauften . Und wer etwas hatte , der teilte es mit dem Dürftigen und labte den Krüppel und den Armen . Wie hätten die nicht froh sein sollen ! Da waren ja alle beisammen , die Christus auf Erden geliebt und denen er im Himmel die Seligkeit