vor und siehe , der Herr Curatus kam lachend und freudigst selbst die Stiege herunter und hob eine Person aus den Betten im Wägelchen , die nur dem Kopfe nach der Menschheit angehörte ! Nach unten zu hing ein Körper , der völlig schlaff , ja nur eine einzige unförmliche und unausgebildete Masse war . Es war ein Mädchen von vielleicht dreißig Jahren und ein halbes Kind ! Der Curatus trug sie auf seinen Armen in seine Wohnung und in seinen Kaffee . Nun band ich mir , wie eine Augenleidende , mein Taschentuch über die Stirn und tastete mich auch hinauf . Da war denn eine Damengesellschaft beisammen aus lauter Blinden , Tauben und Gichtbrüchigen , und sie war so lustig , so vergnügt wie jeder andere Damenkaffee auch , wenn es nur etwas zu lästern gibt ! Unser kindlicher Niggl hatte nur immer zu dämpfen , daß wir die gesunden und schönen Menschen nicht auch zu schlecht machten ! Ja , wo gibt es solche Entsagungen wie in unserer Kirche ! rief Hunnius . Wo solche muthvollen Bewährungen ! Solche Triumphe dann auch und solche Belohnungen wieder ! Er erörterte dann die Situation , in der sich Lucinde in der Dechanei befinden würde . Er wiederholte öfter seine Bitte um Discretion wegen der von ihm vorgelesenen Briefe . Er warnte vor der Erwähnung der Jesuiten , die man von obenher noch verfolge wie Verbrecher , und doch wären sie die Sehnsucht aller Gläubigen ! Schon wenn einmal ein einzelner Mönch außer Clausur leben sollte , kostete das die größte Anstrengung ... Wer ist dieser Pater Sebastus ? warf Lucinde erbebend ein . Pater Sebastus , sagte Hunnius , ist erst seit kurzem aus der Dunkelheit eines Klosters bei Witoborn in der Residenz des Kirchenfürsten erschienen . Seine außerordentlichen Geistesgaben wurden die Veranlassung , daß man ihm gestattete , auf einige Zeit seine Zelle zu verlassen . Man weiß nicht , soll man seine Begeisterung für das Interesse der Kirche höher anschlagen oder seinen Lebenswandel . Sie sollten doch schon , mein ' ich , von diesem Mönch gehört haben , der den Gelübden seines Ordens gemäß sich die größten Entbehrungen auferlegt ! Sebastus lebt nur von dem , was er sich erbettelt hat ! Er geht auf die Dörfer in der Umgegend der Residenz mit einem alten Topf in der Hand , um sich selbst die Mahlzeit von den Thüren zu holen ; er geht gerade vor die Thüren , wo er in Erfahrung gebracht hat , daß hier die geizigsten Herzen wohnen ! Zum ersten male nach Jahren wieder gestattete er sich heute bei mir eine Cigarre und kaum ein halbes Glas Wein ! Lucinde war von einem Schauer durchrieselt . Diese Entbehrungen paßten für das Bild nicht , das von Klingsohrn noch in ihr lebte , und doch war er es ! Klingsohr mit einem Topf vor Bauerhäusern ! Klingsohr nicht rauchend , nicht trinkend ! Und doch war er es - der Stadtpfarrer nannte ihn Heinrich Klingsohr und erzählte den Tod seines Vaters - vor ihren Augen stand das Christusbild , an das er einst ihren Hut gehängt hatte mit den Worten : Am Bilde des Erlösers Hängt ihr pariser Hut ... Und ihre dunkeln Locken Netzt heil ' ger Wunden Blut ... Da Hunnius sie in die Dechanei zurückzubegleiten versprach , störte beide der Schlag der elften Stunde nicht . Er machte der sinnend Träumenden die lebhafteste Schilderung von dem Leben in der Residenz des Kirchenfürsten . Er gab Lucinden den Einblick in eine geheimnißvolle geistige Werkstatt , von der sie die Ahnung gehabt hatte , ohne die Thür zu finden , die ihren Eingang bildete . Sie sah , was sie in Bonaventura ' s Nähe schon oft zu erblicken geglaubt hatte , nahe und entfernte Ziele , sah Zusammenhänge von Zuständen und Personen , erblickte ein harmonisches Vereintwirken , ein lautloses , geräuschloses und dennoch von ersichtlichen Wirkungen begleitetes . Ob auch kein deutscher Staat mehr vom Krummstab regiert wird , gibt es doch geistliche Höfe , gibt es geheime Sitzungen in geheimen Cabineten und Anekdoten und geheime Verkehre aller Art. Auch , das erfuhr sie : Einflußreiche Frauen stehen diesen geistlichen Höfen nahe . Der Reiz des Verschwiegenen verbindet die Geister und die Gemüther . Stürmisch und fest ist der Wille , aber zurückhaltend die Form , ihn zu äußern ; unhörbar geht , wie auf unsichtbaren Teppichen , der Schritt , und dabei keine wilde Zumuthung , nichts Rohes , nichts Begehrliches . Das Streben nach Läuterung und Religion ist äußerlich die Oriflamme und das heilige Feldzeichen dieser ganzen geisterhaften Bewegung und doch bringt man duldsamst dabei die menschliche Natur in Rechnung . Man setzt das wahre Verdienst eben immer nur in den Kampf mit der Sünde , nicht in den Sieg über sie . Und wie gering auch die innere Treue Lucindens für Religion überhaupt war , Haß für alles Norddeutsche und Protestantische hatte sie . Ihre ganze Vergangenheit hatte sich in das verwandelt , was ihr neuer Glaube bekämpfte . Und von diesem Gesichtspunkte aus war sie den Gesinnungen ihrer jetzigen Freunde verwandt . Galt es Kampf , so empfand sie die dämmernden Schauer ihres neuen Bekenntnisses , ja empfand sogar den Reiz , daß in alle diese Intriguen die langen Schatten der Kirchen fielen , die Glocken der Dome läuteten , die Farben der priesterlichen Gewänder blitzten . Bis in die unabsehbare Ferne war die wühlende Ahnung freigegeben : in die Ferne des Raumes sowol wie in die der Zeit . Vor allem prangte Rom durch die Nebel hindurch wie die Stadt des ewigen Sonnenscheins ! Dort fand der müdeste Fuß auf den Trümmern der Jahrhunderte einen schattigen Ruheplatz , das wundeste Herz Heilung in den Melodieen der Sixtinischen Kapelle ; der Blinde wurde dort sehend , der Taube hörend ; alles lief aus und vereinigte sich in dem Centralnervensitz des historischen Europa ... Dies Bild war es , das Lucinden aus halben und träumerischen Zuständen ,