Abend saß Frau Hadwig im Gärtlein ihrer Burg , die treue Praxedis zur Seite . Die Griechin hatte unerquickliche Zeiten . Ihre Gebieterin war verstimmt , mißzufrieden , unzugänglich . Auch heute wollte ein Gespräch nicht gelingen . Es war ein schlimmer Gedächtnistag . » Heute ist ' s ein Jahr « , hub Praxedis scheinbar gleichgültig an , » daß wir über den Bodensee fuhren und beim heiligen Gallus ansprachen . « Die Herzogin schwieg . - » Es ist viel geschehen seitdem « , wollte Praxedis beifügen - das Wort verhauchte auf den Lippen . » Wißt Ihr auch , gnädige Herrin , was die Leute von Ekkehard sagen ? « fuhr sie nach geraumer Weile fort . Frau Hadwig schaute auf . Es zuckte um ihre Lippen . » Was sagen die Leute ? « sprach sie gleichgültig . » Herr Spazzo hat neulich den Abt von Reichenau getroffen « , erzählte Praxedis , » der sagte : Wisset Ihr auch etwas Neues ? Den Alpen ist Heil widerfahren , das Joch des Säntis ertönt von Lyraklang und Dichtergezwitscher , ein neuer Homer hat sich droben eingenistet , und wenn er wüßte , in welchen Höhlen die Musen hausen , so könnt ' er ihren Reigen anführen wie ein cynthischer Apollo282 . Und wie Herr Spazzo kopfschüttelnd erwiderte : Was geht das mich an ? da sprach der Abt : Es ist Euer Ekkehard , aus der Klosterschule von Sankt Gallen hat ' s die Fama zu uns getragen . Herr Spazzo hat lachend dazu gesagt : Wie kann der singen , der nicht einmal erzählen kann ? « Die Herzogin war aufgestanden . » Schweig ! « sprach sie , » ich will nichts davon wissen . « Praxedis kannte das Zeichen ihrer Hand und ging betrübt von dannen . Frau Hadwigs Herz aber dachte anders , als ihre Zunge sprach . Sie trat an des Gärtleins Mauerwehr und schaute hinüber nach den helvetischen Bergen . Dämmerung war eingebrochen , schwerfällige lange stahlgraue Wolkenstreifen standen unbeweglich über dem Abendrot , wie darauf genagelt , das zitterte und flammte wehmütig drunter vor . Im Rinnen und Zerrinnen des letzten Tagesstrahls ward auch ihr Denken weich . Ihr Auge blieb drüben auf dem Säntis haften , - es war ihr , als hätte sie eine Erscheinung , als täte sich der Himmel auf und seine Engel kämen durch die Lüfte gefahren und senkten sich hernieder zu jenen Höhen und brächten einen Mann getragen im wohlbekannten Mönchsgewand - und der Mann war blaß und tot und ein Lichtglanz , schön und lauter , umschwebte das luftige Geleit ... Aber Ekkehard war nicht gestorben . Ein zischender leiser Ton schreckte die Herzogin auf , ihr Auge streifte an dem Felsabhang vorüber , über den einst der Gefangene entronnen , eine dunkle Gestalt entschwand im Schatten , ein Pfeil kam über Frau Hadwigs Haupt geflogen und sank langsam zu ihren Füßen nieder . Sie hob das wundersame Geschoß auf . Nicht Feindeshand hatte es dem Bogen entschnellt , seine Blätter Pergamentes waren um den Schaft gewunden , die Spitze umhüllt mit einem Kränzlein von Wiesenblumen . Sie löste die Blätter und kannte die Schrift . Es war das Waltharilied . Auf dem ersten Blatt stund mit blaßroten Buchstaben geschrieben : » Der Herzogin von Schwaben ein Abschiedsgruß ! « und dabei stund der Spruch des Apostel Jakobus : » Selig der Mann , der die Prüfung bestanden ! « Da neigte die stolze Frau ihr Haupt und weinte bitterlich . - Hier endet unsere Geschichte . Ekkehard zog in die weite Welt , er hat den hohen Twiel nimmer gesehen , auch sein Kloster Sankt Gallen nicht . Er hatte sich zwar überlegt , ob er nicht bußfertig wieder eintreten wolle , wie er von den Alpen niedersteigend den bekannten Mauern nahe gekommen war . Aber es fiel ihm ein Sprichwort seines alten Alpmeisters ein : » Wenn einer lang ' Senn war , wird er nimmer gern Handbub « , und er ging vorbei . Man hat später am Hofe der sächsischen Kaiser viel von einem Ekkehard gehört , der ein stolzer , trotziger , in sich gekehrter Mann gewesen , bei frommem Gemüt von tiefer Verachtung der Welt beseelt , aber lebensfrisch und gewandt , in jeglicher Kunst erfahren . Er war des Kaisers Kanzler , erzog dessen jugendlichen Sohn , sein Rat galt viel in des Reichs Geschäften . » In kurzem « , schreibt ein Geschichtschreiber von ihm , » erschien er ihnen als ein so Hervorragender , daß es durch aller Mund ging , sein warte noch die höchste Würde der Kirche . « Die Kaiserin Adelheid wandte ihm ihre volle Hochachtung zu283 . Er war auch einer der Hauptursächer , daß der übermütige Dänenkönig Knut mit Heeresmacht überzogen ward . Es ist unbekannt , ob dies derselbe Ekkehard war , von dem unsere Geschichte erzählte . Andere haben auch behauptet , es seien mehrere des Namens Ekkehard im Kloster Sankt Gallen gewesen , und der den » Walthari « dichtete , sei nicht der nämliche , der die Herzogin Hadwig des Lateins unterwies . Aber wer der Geschichte , die wir jetzt glücklich zu Ende geführt , aufmerksam folgte , weiß das besser . - Von den weiteren Schicksalen der übrigen , die unsere Erzählung in buntem Wechsel der Gestalten vor des Lesers Auge gestellt hat , ist wenig zu berichten . Die Herzogin Hadwig vermählte sich nicht wieder und erreichte in frommem Witwenstand ein hohes Alter . Sie stiftete später ein bescheidenes Kloster auf dem hohen Twiel und vergabte ihm ihre Güter in alemannischen Landen . Über Ekkehard durfte in ihrer Gegenwart nie mehr gesprochen werden ; aber das Waltharilied ward fleißig von ihr gelesen und war ihre stete Trösteinsamkeit ; nach einer unverbürgten Aussage der Mönche von Reichenau soll sie es sogar fast ganz auswendig gewußt haben . Praxedis diente ihrer Herrin noch etliche Jahre getreu , aber mählich und mählich stieg eine