ich Abends den Markt , so begleiteten sie mich in Masse unter dem Vorgeben , mich zu beschützen , und mehrmals , wenn ich mich dankend an der Thür meiner Herrschaft gegen sie verbeugte , ließen sie mich hoch leben . Obwohl solche Aufmerksamkeit meiner erwachenden Eitelkeit schmeichelte , erschreckte sie mich doch auch , um so mehr , als meine Herrschaft mich ernstlich bat , der wilden zügellosen Jugend keinerlei Anlaß zu fortgesetzter Huldigung zu geben . Dies fiel mir nun zwar nicht ein , so wenig , als ich mir in meiner Unschuld irgend etwas dabei dachte , nur fand ich bei häufigerem Beschauen meiner Person im Spiegel , daß ich nicht garstig sei , und seit dieser unglücklichen Entdeckung verwandte ich weit mehr Sorgfalt auf meinen Anzug , als bisher . Fast alle meine kleinen Ersparnisse , von denen ich bereits Einiges nach dem Vorbilde meiner älteren Schwester den Aeltern hatte zufließen lassen , zehrte der Ankauf neuer und modischer Kleidungsstücke auf . Ein in dem muntersten Tone geschriebener Brief Theresens meldete mir bald darauf , daß sie ebenfalls nach Jena kommen würde und wir fortan ein recht geschwisterliches Leben zusammen führen wollten . Meine Freude war sehr groß . Ich konnte Theresens Ankunft kaum erwarten und wußte mich nicht zu fassen vor innerlicher Glückseligkeit , als ich die geliebte Schwester nun wirklich in meine Arme schloß . Therese war in den letzten beiden Jahren sehr schön geworden . Sie konnte mit ihrem tadellosen Wuchse , dem schönen Blond ihrer weichen Haare und dem feurigen Ultramarinblau ihrer länglichen Augen unter so vielen jungen Männern nicht unbemerkt bleiben . Schon nach Verlauf einiger Tage sprach man nur von dem schönen Dienstmädchen , hatte ermittelt , daß es meine ältere Schwester war , und begann nunmehr in galantester Weise vollkommen Jagd auf sie zu machen . Ich erschrak bei dieser unerwarteten Wendung der Dinge , nicht weil ich mich im Augenblick vernachlässigt sah , sondern weil ich für meine Schwester fürchtete . Diese hatte aber während ihrer mehr als vierjährigen Dienstzeit die Welt und das Gebahren der jungen Männer hinlänglich kennen gelernt und wußte die Zudringlichsten und Kecksten mit erstaunlichem Tacte in gehöriger Entfernung zu halten . Es fehlte ihr nie an den schärfsten und treffendsten Entgegnungen auf kecke oder gar zweideutige Anfragen , und so wußte sie sich denn inmitten einer Unzahl von Anbetern vollkommen sicher . So verstrich wieder mehr als ein halbes Jahr . Wir Schwestern lebten in freien Stunden viel zusammen , sendeten so oft wie möglich Botschaft an unsere Aeltern und erhielten dergleichen wieder zurück . Es hatte ganz den Anschein , als sei uns das Glück nicht abhold . Da bemerkte ich , daß Therese , die von Natur lebhafter und gesprächiger war , als ich , immer stiller wurde und oft sinnend vor sich hinstarrte . Ich beobachtete sie wochenlang , ohne nach dem Grunde zu fragen , schlich ihr unbemerkt nach , wenn sie am dunklen Abend zu mir kam und wieder nach Hause ging , und entdeckte einen ihrer harrenden Begleiter . Es war ein hoher , schöner Mann , wie ich späterhin hörte , ein Lievländer , von adliger Geburt und sehr reich . Bei dieser Entdeckung fielen mir zum ersten Male wieder die Worte der häßlichen Korbmartha ein und eine peinigende , nicht mehr von mir zu wälzende Angst schnürte mir das Herz zusammen . Ich entschloß mich , meine Schwester in theilnehmendstem Tone auszuhorchen , zur Rede zu setzen und sie zu warnen . Die Gelegenheit fand sich schon am nächsten Abend , wo ich Therese mit ihrem Galan auf der Hausflur in zärtlichster Umarmung überraschte . Der Lievländer verließ die Erschrockene mit einem Scherze , wobei ich selbst auch etwas abbekam , und wir hatten nun Muße , uns nach Herzenslust gegenseitig auszusprechen . Meine sehr eindringliche Rede hörte Therese mit tiefem Schweigen an . Sie rechtfertigte sich nicht , sie versuchte es auch später nie ; sie hörte mir gesenkten Kopfes zu und seufzte nur . Als ich endlich ausrief : Bedenke , gute Schwester , daß ein reicher Baron so weit her Dich , ein armes Dienstmädchen , nie heirathen wird , da fiel sie mir laut schluchzend um den Hals , küßte mich inbrünstig und drängte mich dann aus der Thür , die sie rasch hinter sich verriegelte . Nachdenklich ging ich heim . Die ganze Nacht konnte ich kein Auge zuthun . Sollte ich die Aeltern von der Neigung Theresens benachrichtigen oder dieselbe verschweigen ? Darüber zerbrach ich mir den Kopf , bis ein wüster Schmerz mich befiel . Um die Schwester nicht gar zu sehr zu betrüben , schwieg ich und beschloß , ferner nur im Stillen aufzupassen . Dies fruchtete jedoch nichts . Therese ließ sich nicht mehr überraschen , blieb aber still und sinnend , wie zuvor . Ob sie noch mit dem Lievländer umging oder um ihn trauerte , konnte ich damals durchaus nicht errathen . Mit schwesterlichem Bedauern bemerkte ich nur , daß die Liebende bleicher und immer bleicher ward , und schrieb dies auf Rechnung ihres Grames . Nur einmal fragte ich noch theilnehmend , was ihr fehle und warum sie so ganz eine Andere geworden sei ? Da warf sie mir einen so entsetzlichen Blick zu , daß ich zurückschauderte und mich fortan zuweilen vor der Schwester sogar fürchten konnte . Sechs Wochen später weckte mich früh am Morgen ein entsetzlicher Tumult . Ich eile an ' s Fenster , reiße es auf und sehe mitten auf dem Markte eine Menge sich drängender Menschen . Nun stürze ich die Treppe hinunter , frage , was es gibt ? und dringe , da mir Jeder schüchtern ausweicht , immer weiter vor , bis ich vor meinen Füßen den bleichen , schönen Körper meiner armen Schwester liegen sehe . Fest umschlungen und zum Schutz noch mit Stricken an die Brust gebunden hielt sie ein neugebornes Kind . Die Unglückliche hatte sich unmittelbar nach erfolgter Entbindung in die