den Händen derselben Feinde zu empfangen , die ihr Vaterland zertreten und beraubt hatten , um nun mit diesem Raube eine prahlerische , entehrende Großmuth zu üben . Ich sagte meiner Mutter und Schwester alles , was mein empörtes Gemüth mir eingab , und nur meinem Freunde gelang es mich zu besänftigen , indem er um Schonung für die Geliebte bat . Es versteht sich , daß aller Putz sogleich zurückgesendet werden mußte , und meine unvermuthete Ankunft diente als Entschuldigung dafür , daß meine leichtsinnige Schwester nicht auf dem Balle erschien . Aber ich hatte die Kränkung zu erfahren , daß es nicht das erste Mal war , daß meine Mutter und Schwester sich geneigt gezeigt hatten , solchen Einladungen zu folgen , und ich mußte erfahren , daß letztere auf früheren Bällen , ungestört durch einen mürrischen Bruder , hatte glänzen und Beifall gewinnen können . Mit scheinbarer Demuth hatte sie meine heftigen Verweise hingenommen ; sie war blaß und still . Ich verbot allen Umgang mit den Franzosen auf ' s Strengste und glaubte , daß mir pünktlich Folge geleistet werden würde . Gegen meinen Freund verhielt sie sich leidend und ließ sich seine Zärtlichkeit eben nur gefallen , und er machte mir Vorwürfe , indem er behauptete , meine heftige Art zu tadeln habe einen tiefen , schmerzlichen Eindruck auf das zarte Gemüth meiner liebenswürdigen Schwester gemacht . Auch die Mutter meinte , so gar groß könne das Versehen nicht sein , da ja ihre Tochter nicht die einzige deutsche Dame sei , die auf den Bällen des Obristen getanzt habe . Da ich Mutter und Schwester nach wenigen Tagen wieder verlassen mußte , um noch unausgeführte Aufträge zum Besten unserer Verbindung zu besorgen , so ließ ich mich , im Vorgefühle der nahen abermaligen Trennung , leichter versöhnen , und der Friede in unserer kleinen Familie war hergestellt . Als ich nach wenigen Tagen mit meinem Freunde von Neuem abreisen mußte , forderte ich von meiner Schwester das Versprechen , sich während unserer Abwesenheit fern von den Feinden des Vaterlandes zu halten und keiner leichtsinnigen Lust nachzugeben . Sie reichte mir ohne zu antworten die Hand , indem ihre Augen von Thränen überflossen . Ich hielt das für ein feierliches Versprechen , und nachdem ich meiner Mutter meine Wünsche ernstlich an ' s Herz gelegt , reiste ich mit meinem Freunde ruhig dahin , wohin unsere Bestimmung uns führte . Wir fühlten uns beide unbehaglich in der Ferne , mein Freund in dem Verlangen , das Gemüth meiner Schwester wieder völlig mit sich auszusöhnen , denn ihm schien es , als ob meine Strenge ihre Liebe zu ihm vermindert habe , und ich , weil ein dunkles Gefühl mir sagte , daß diese Schwester einer anderen Aufsicht , als der einer zu schwachen Mutter , bedürfe . Wir eilten also beide nach wenigen Wochen zurück , wenn auch mit manchen Sorgen im Herzen , doch ohne Ahnung des Jammers , der uns erwartete . Wir fanden die Mutter allein , verzweifelnd , dem Tode nah , die Schwester war verschwunden . Als unsere starre Verzweiflung so weit nachließ , daß wir nach den näheren Umständen fragen konnten , erfuhren wir , den Tag nach unserer Abreise habe der Bruder des Obristen ebenfalls die Stadt verlassen , um nach Paris und von dort zu einem Regimente an der spanischen Gränze zu gehen ; in der folgenden Nacht sei meine Schwester verschwunden . Ein zurückgelassener Brief an die Mutter erklärte mit all den Redensarten , die jetzt so häufig gemißbraucht werden , sie sei durch eine unwiderstehliche Leidenschaft zu diesem Schritte gezwungen worden . Ein Kästchen , worin sie manche Kleinigkeiten aufhob , war vermuthlich im Drange dieser Leidenschaft vergessen worden , denn darin fanden sich mehrere Briefe , die den Gegenstand ihrer Neigung bezeichneten , dem die Unglückliche das Glück des Lebens , die Ehre ihrer Familie und das Herz des edelsten Mannes geopfert hatte . Es war niemand anders als der Bruder des Obristen , und einige deutsche Billets von der Hand der Frau oder Geliebten des Obristen belehrten uns , daß sie das Ganze geleitet hatte . Mit diesen Briefen in der Hand ließen wir uns beim Obristen melden . Wir wollten von ihm den Weg erfahren , den sein Bruder genommen , um ihn zur Rechenschaft zu ziehen und die Unglückliche ihrem Verderben zu entreißen . Er wollte die Sache leicht französisch nehmen und gab ausweichende Antworten . Als mein Freund heftig und dringend wurde , sagte er lachend , für so unritterlich und unbrüderlich würden wir ihn doch nicht halten , daß er selbst uns seinem Bruder nachsenden würde , um ihm sein Glück zu entreißen . Als ich mit Heftigkeit von der Genugthuung sprach , die der erlittene Schimpf fordere , sagte er kaltblütig , er sei bereit , diese im Namen seines Bruders zu geben . Ich nahm ihn beim Worte und der nächste Tag wurde zur blutigen Entscheidung bestimmt . Mein großmüthiger Freund ließ den kleinen Rest seines Vermögens beinah ganz in den Händen der kranken , ihre Schwachheit zu spät bereuenden Mutter und sehnte sich statt meiner , von der Kugel des Franzosen zu sterben . Ich bestand auf meinem Recht , er war mein Sekundant . Wir trafen am andern Morgen mit unserm Feinde zusammen ; seine Kugel streifte mir den Arm und riß eine große Wunde hinein , ich aber traf meinen Gegner , wie wir glauben müssen , tödtlich , denn er blieb leblos in den Armen seines Sekundanten , der uns wohlmeinend zur Flucht antrieb , und mein Freund riß mich besinnungslos hinweg . Herr von Wertheim schwieg . Tiefer Ernst lag auf der Stirn des Grafen , und Lehndorf bedeckte sein Gesicht mit der Hand , den Arm auf die Lehne des Sessels stützend . Nach kurzem Schweigen fuhr Wertheim fort : Alle unsere Handlungen nach der Flucht meiner Schwester waren in schmerzlicher Verzweiflung rasch auf einander gefolgt und Keiner hatte an einen