, daß Du dies manchmal empfunden hast , wenn Du allein durch Wälder und Täler streifst ; oder wenn Du vom Schattenlager die weite Ebene am Mittag überschaust , dann glaub ich , daß Du die Sprache der Stille in der Natur verstehst ; ich glaub , daß sie mit Dir Gedanken wechselt , daß Du in ihr Deine höhere Natur gespiegelt empfindest , und wenn auch schmerzlich oft durch sie erschüttert , so glaub ich doch nicht , daß Du Dich vor ihr fürchtest wie andere Menschen . Solang wir Kinder sind im Gemüt , solang übt die Natur Mutterpflege an uns ; sie flößt Nahrung ein , von der der Geist wächst , dann entfaltet sie sich zum Genius ; sie fordert auf zum Höchsten , zum Selbstverständnis , sie will Einsicht in die inneren Tiefen ; und welcher Zwiespalt auch in diesen sein möchte , welcher Vernichtung auch preisgegeben , - das Vertrauen in die höhere Natur , als in unseren Genius , wird die ursprüngliche Schönheit wieder herstellen . Das sag ich heute vorm Schlafengehen zu Dir ; zu Dir spreche ich hier , getrennt durch Länder und Flüsse , getrennt , weil Du meiner nicht denkst ; und jeder , der es wüßte , der würde es Wahnwitz nennen ; und ich rede zu Dir aus meiner tiefsten Seele , und ob Du schon mit Deinen Sinnen mich nicht wahrnimmst , so dringt mein Geist darauf . Dir alles zu sagen , hier aus der Ferne rede ich mit Dir , und mein ganzes sinnliches Leben ist mir nichts gegen diese Geistersprache . Du bist inmitten meines Innern , es ist nicht mehr eins , es ist zu zweien in mir geworden . * * * Am Abend nach dem Gewitter , das vielleicht zu Dir gezogen ist Leg Dich , brausendes Herz , wie der Wind sich legt , der die Wolken zerreißt ; die Donner sind verrollt , die Wolken haben ausgeregnet , ein Stern nach dem andern geht auf . Die Nacht ist ganz stille , ich bin ganz allein , die Ferne ist so weit , sie ist ohne Ende ; nur da , wo ein Liebender wohnt , da ist eine Heimat und keine Ferne ; wenn Du nun liebtest , so wüßt ich , wo die Ferne aufhört . Ja , leg dich Herz ! Tobe nicht , halt ruhig aus . Schmiege dich , wie die Natur sich schmiegt unter der Decke der Nacht . Was hast du Herz ? Fühlst du nicht ? Ahnest du nicht ? - Wie sich ' s auch füge und wende , die Nacht deckt dich und die Liebe . Die Nacht bringt Rosen ans Licht . Wenn sich die Finsternis dem Lichte auftut , dann entfallen ihrem Schoß die Rosen . Es ist freilich Nacht in dir , Herz . Dunkle geheimnisvolle Nacht webt Rosen , und ergießt sie alle , wenn ' s tagt , der Liebe zur Lust in den Schoß . Ja , Seufzen , Klagen , das ist deine Lust ; Bitten , Schmeicheln , nimmt das kein Ende , Herz ? Am Abend schreib ich , wenn auch nur wenige Zeilen ; es dauert doch bis spät in die Nacht . Viel hab ich zu denken , manche Zauberformel spreche ich aus , eh ich den Freund in meinen Kreis banne . Und hab ich Dich ! - dann : - was soll ich da sagen ? - Was soll ich Dir Neues erfinden , was sollen die Gedanken Dir hier auf diesen Blättern vortanzen ? - * * * Am Rhein Hier in den Weinbergen steht ein Tempel ; erbaut nach dem Tempel der Diana zu Ephesus . Gestern im Abendrot sah ich ihn in der Ferne liegen ; er leuchtet so kühn , so stolz unter den Gewitterwolken ; die Blitze umzingelten ihn . So denke ich mir Deine leuchtende Stirne , wie die Kuppel jenes Tempels , unter dessen Gebälk die Vögel sich bargen , denen der Sturm das Gefieder aufblätterte ; so stolz gelagert und beherrschend die Umgebung . Heute morgen , obschon der Tempel eine Stunde Wegs von meiner Wohnung entfernt ist , weil ich am Abend Dein Bild in ihm zu sehen wähnte , dacht ich hierher zu gehen und Dir hier zu schreiben . Kaum daß der Tag sich ahnen ließ , eilt ich durch betaute Wiesen hierher . - Und nun leg ich die Hand auf diesen kleinen Altar , umkreist von neun Säulen , die mir Zeugen sind , daß ich Dir schwöre . Was Liebster ? - Was soll ich Dir schwören ? Wohl , daß ich Dir ferner getreu sein will , ob Du es achtest oder nicht ? - Oder daß ich Dich heimlich lieben will , heimlich nur diesem Buch , und nicht Dir es bekennend ? Treu sein , kann ich nicht schwören , das ist zu selbständig , und ich bin schon an Dich aufgegeben und vermag nichts über mich ; da kann ich für Treue nicht stehen . Heimlich Dich lieben , nur diesem Buch es bekennen ? - Das kann ich nicht , das will ich nicht ; dies Buch ist der Widerhall meiner Geheimnisse , und an Deiner Brust wird er anschlagen . O nimm ihn auf , trink ihn , lasse Dich laben ; einen einzigen heißen Mittag gehe Dein Blick unter , trunken , ein einziges Mal , in diesem glühenden klaren Liebeswein . Was soll ich Dir schwören ? - * * * Heut will ich Dir sagen , wie es gestern war : so unter Dach einer schöneren Vorwelt , vom tausendfarbigen Morgenlicht umwebt , die Hand auf diesem Altar , der früher wohl nie unter mystischen Beziehungen berührt war ; Herr ! - da war mein Herz auf eine wunderliche Weise befangen ; - ich fragte Dich zum Scherz , in süßem Ernst : » Was soll ich schwören ? « - Und