, daß es nur einer hülfreichen Hand von außen bedurfte , um ihn aus dem Sumpfe von Thorheit zu erretten , an dessen Rande er in jugendlicher Unvorsichtigkeit und kindischem Muthwillen herumgauckelte . « Daß Gabriele dieser rettende Engel gewesen sey , brauchte Hippolit seinem weltklugen Freunde nicht zu vertrauen , um ihn davon zu überzeugen . Auch schwiegen beide über diesen Punkt , aber es entstand zwischen ihnen jenes zarte wortlose Verstehen , das einem wunden Gemüthe so wohl thut . Ernesto machte es sich von nun an zur heiligsten Pflicht , durch ernste Vorstellungen und anhaltendes Beschäftigen mit einem großen Gegenstande , den ihm mit jedem Tage werther gewordnen Jüngling dem muthlosen Schmerz , der trübsinnigen Verworrenheit zu entreißen , in die er nur zu oft noch versank . Der klassische Boden , den sie jetzt langsam durchzogen , bot ihnen Anlaß und Stoff zu geisterhebender Betrachtung einer kolossalen Vorwelt , und Ernesto benutzte alles , um seinen Liebling auf das gründlichste und vielseitigste auszubilden . Es währte nicht lange , so entdeckte er in ihm einen jener Seltenen , von der Natur Hochbegünstigten , denen das Schwere leicht wird , denen das unerreichbar Scheinende von selbst zufällt , und die ohne Anstrengung , ja beinahe ohne Fleiß , alles Wissenswerthe nicht sowohl erlernen , als es sich aneignen mit Kraft und Geist . Dabei bemerkte er abermals mit großem Wohlgefallen , wie ihm Hippolits erste fast gelehrte Erziehung kräftig vorgearbeitet habe . Bei jedem Anlaß dazu entwickelte dieser Kenntnisse , von deren Besitz er kurz vorher kaum selbst eine Ahnung gehabt haben mochte ; weil sie in ihm geschlummert , und nun , durch den Zufall geweckt , wie neu gewonnen ihm erschienen . So knüpfte jede mit einander verlebte Stunde beide fester an einander , und Ernestos Blick ruhte oft mit wahrhaft väterlichem Stolz auf dem geliebten Zögling , der ihn dafür , wie ein liebender Sohn , treu und innig verehrte . Moritz zog indessen von einem Bade in das andre , um seine neuerfundene Theorie des Spieles zu vervollkommnen , jedoch ohne dabei auf Gabrielens Begleitung Ansprüche zu machen ; eine Schonung , die sie ihm um so herzlicher verdankte , da sie dadurch zu der lange gewünschten Reise zu ihren Freundinnen in Lichtenfels Zeit gewann . Der kleine Kreis , in dessen Mitte sie einst so schöne Tage verlebte , fand sich dort wieder ungetrennt beisammen , denn der General hatte Adelberten mit dem Anfange des Frühlings den Seinigen wieder gegeben . Alle empfingen Gabrielen , wie man ein lang vermißtes Glück empfängt , und das Leben ging im Aeußern wieder den lieben gewohnten Gang ; doch im Innern war es anders geworden . Adelbert und Auguste wandelten so still , mit so ängstlicher Schonung neben einander her , als wären sie von Todtkranken umgeben . Die Liebe war geblieben , aber das Vertrauen war entflohen , und eben weil es entflohen war , strebten sie sich zutraulicher als je zuvor gegen einander zu bezeigen , um nur keinem geliebten Herzen wehe zu thun . Nur der von allen gleich verehrte Greis , der General Lichtenfels , trat mit gewohnter Sicherheit , fröhlich und nichts ahnend unter ihnen auf . Weil keine Klage laut ward , weil aller Blicke ihm lächelten , glaubte er jede Wunde geheilt . Und wenn er auch zuweilen das ehemalige rege Leben unter ihnen vermißte , so schob er dieses auf die zu große Einförmigkeit , in der sie so lange Zeit hingebracht hatten . Gastfrei , wie in glücklichern Tagen , suchte er diesem bald abzuhelfen ; er öffnete von neuem sein Haus ; Freunde und Bekannte strömten wieder herbei , und aufs neue wurde das frühere gesellige Treiben in Gang gebracht , das einst Augusten und Adelberten zusammenführte . Alles zeigte sich ihm heiter und fröhlich wie damals , und so glaubte er gern an ein Glück , das er so innig wünschte und so angelegentlich herbeizuführen sich bemühte . In stiller Wehmuth betrachtete indessen Gabriele das zerstörte Lebensglück ihrer Freunde ; obgleich man ihre Ehe nicht eigentlich unglücklich nennen konnte . Nie ward ein Zwiespalt zwischen ihnen laut , vielmehr suchte jedes von ihnen dem unausgesprochnen Wunsche des andern mit geschäftiger Aemsigkeit zuvorzukommen . Mit ängstlicher Sorgfalt vermied Auguste jedes Wort , jede Miene , die in ihrem Gemahl den leisesten Argwohn erregen konnten , als gedenke sie noch jener Verirrung , die er so schmerzlich bereute und so streng zu büssen im Begriff gewesen . Adelbert war seinerseits ebenfalls lauter Liebe und Aufmerksamkeit und beide erschienen in der Gesellschaft als Muster des schönsten ehelichen Verhältnisses . Nur das scharfblickende Auge inniger Freundschaft konnte hier ahnen , daß jenes sonst sie beseligende Empfinden gegenseitigen Glücks , jenes Leben des einen in dem andern , den laut Gepriesnen auf ewig entschwunden sey . Sie liebten sich noch , aber wie Verstoßene aus dem Paradiese einer Unschuldswelt sich lieben können . Das stille , ruhige , vertrauensvolle Gefühl war zu einer Art Leidenschaft umgewandelt , die in Momenten des glühendsten Aufwallens oft in der Tiefe ihres Gemüthes einem verbissenen Hassen glich . Trotz aller Anstrengung konnte Adelbert nie vergessen , daß Auguste ihm vergeben habe , so wie sie stets daran denken mußte , daß sie ihm etwas zu vergeben gehabt habe . Beide fühlten den Zwang , auf etwas achten zu müssen , was ihnen sonst nie in den Sinn gekommen war , auf ihr Benehmen gegen einander . Und so geschah es denn oft , daß sie mit ausbrechender Wehmuth sich von einander abwandten , wenn der Zufall sie ohne Zeugen einmal zusammen führte , und sich dann mit wilder Hast mitten im Strudel der Gesellschaft vor dem eignen Herzen zu retten suchten , welches ihnen ihre ehemalige Seligkeit und ihr jetziges Elend laut zurief . Frau von Willnangen sah anfangs tief bekümmert dem Verhältnisse ihrer Kinder zu , dessen trübe Seite ihr nicht entgehen konnte . Bald aber bewährte sich von neuem ihr glückliches