Gedanken welche die Nähe des Todes in mir weckt , schauert mein Herz vor Freude bei der Hoffnung - ich werde dich hier noch ein Mal , und bald wieder sehen , ich werde dir meinen letzten Abschied , unserm Sohne den letzten Segen bringen ! 109 . Calpurnia an ihren Bruder Lucius . Nikomedien , im Mai 305 . Trübe und langsam schleicht die gelähmte Zeit hin , ein Tag reiht sich an den andern , keiner bringt Rettung , keiner Hoffnung , so thöricht auch oft das Herz auf eine Möglichkeit hofft , wo nicht die geringste Wahrscheinlichkeit einer Aenderung vorhanden ist . Galerius ist wüthend über den Ungeheuern Betrug , der ihm gespielt worden . Er hatte dem Constantin nachsetzen lassen , aber dieser hatte durch die kluge Standhaftigkeit seines Freundes bereits einen zu starken Vorsprung , und wir wissen sicher , daß er weit über Byzanz hinaus sich den Grenzen Illyriens nähert . Bis ihm dort die Diener , des Tyrannen nachfolgen können , hat er wohl schon Gallien , oder das Meer erreicht , und ist in Sicherheit . Nun fällt der ganze Zorn des Augustus auf seinen unglücklichen großmüthigen Freund . Er war im eigentlichen Sinne außer sich vor Wuth , er schäumte , brüllte , und mißhandelte Alle , die sich ihm näherten . Er befahl , Agathokles auf der Stelle das Urtheil zu sprechen , und ihn - mich schaudert , es zu schreiben - im Circus den wilden Thieren vorzuwerfen . Alle Freunde des Unglücklichen , alle bessern Menschen in Nikomedien fanden sich durch dies unmenschliche Urtheil empört , und vereinigten sich , dem Tyrannen Vorstellungen zu machen . Das würde indessen wenig gefruchtet haben , wenn nicht die Jovianer , deren Tribun der edle Verurtheilte war , sich laute Klagen , und ganz unzweideutige Zeichen der Unzufriedenheit erlaubt hatten . Tiridates wagte , was seit Constantins Flucht Niemand gewagt hatte , er ging zu dem wüthenden Galerius nach Cäsarea , wo dieser sich gewöhnlich aufhält , und wußte ihm die üble Stimmung des Volks , den gährenden Unmuth der Leibwache , und die Gefahren , die das Alles für eine neue Regierung haben konnte , so geschickt vorzustellen , daß Galerius von seinem rachedürstenden Ausspruch abstand . Das Leben des theuern Freundes zu erbitten , war unmöglich . Alles , was Tiridates noch erhielt , war eine Frist von einigen Tagen , die Erlaubniß , Agathokles zu besuchen , und die Hoffnung , daß auch diesem vergönnt werden würde , sein unglückliches Weib und seine übrigen Freunde noch ein Mal zu sehen . O wie lernt der Mensch genügsam seyn , wenn ihn das Unglück in seiner harten Schule erzieht ! Wie schienen diese geringen Vergünstigungen uns so bedeutend ! Wie freudig eilte ich zu der bedauernswürdigen Frau , um ihr diese Hoffnungen anzukünden , und ihr den Trost zu geben , daß Agathokles nicht ganz einsam und verlassen sey , daß mein Mann ihn täglich besuchen würde . Seit dem Augenblicke , wo sie durch mich die Schreckensnachricht hörte , war ich fast beständig bei ihr , und fand eine Art von Beruhigung und Erleichterung darin , Alles für die Gattin des edeln Unglücklichen zu thun , was in meiner Macht stand . Aber was vermag die treueste Freundschaft über einen so gerechten , so unendlichen Schmerz ! Ich fürchtete wirklich für ihr Leben , und manchmal für ihren Verstand , bis endlich gestern ein Brief von ihrem Manne eine Veränderung bei ihr bewirkte , von deren Möglichkeit ich keinen Begriff gehabt hatte . Eine Purpurrröthe übergoß die todtblassen Wangen , ein heftiges Zittern ergriff ihre Glieder , sie drückte den Brief mit stummem Entzücken an ihre Lippen , an ihre Brust , und ihr zum Himmel emporgeschlagenes Auge zeigte mir , daß sie ihrem Gott ein inniges Dankgebet brachte . Dann las sie , aber sie brauchte so lange , daß ich glaube , sie muß den Brief dreimal durchgelesen haben . Jetzt stürzten wohlthätige Thränen , die ersten , die sie seit der Zeit ihres Unglücks vergossen hatte , aus ihren Augen , und man sah deutlich , wie dieser Ausbruch ihr gepreßtes Herz erleichterte . Ich störte sie nicht , ich weinte still mit ihr . Als sie sich Luft gemacht hatte , stand sie auf , und sagte mit einer Würde und Festigkeit in Haltung und Ton , die ich lange nicht an ihr gesehen hatte : » Er hat mir geboten zu leben , so will ich ihm und der Tugend gehorchen , ich will das Leben ertragen . « Ich sah , daß sie aus dem Zimmer gehen wollte , ich unterstützte sie , und fragte , wohin sie wollte ? » Zu meinem Sohne ! « antwortete sie . » Der Vater befiehlt , mich für das Kind zu erhalten . « Ich bat sie ruhig zu seyn , und schickte um das Kind . Der Kleine kam . Die Scene , die nun vorfiel , wird nie aus meinem Gedächtnisse schwinden , sie war in demselben Grade erhebend und schmerzlich . Wahrlich , es muß ein großes Gefühl seyn , was diese Menschen Glauben nennen , denn es gibt ihnen mehr als menschliche Kräfte . Seit dem faßt sie sich mit einer Stärke und Geduld , die Alles übersteigt , was ich je gesehen habe . Sie pflegt ihr Kind , so viel es ihre Schwäche erlaubt , sie folgt allen Vorschriften des Arztes , sie spricht mehr , sie strengt sich sogar an , zu thun , als könnte sie an etwas Anderm Theil nehmen . So hat sie gestern von Sulpicien zu sprechen angefangen , ich ergriff dies Gespräch gern , weil ich dachte , es wäre ihr nützlich , sich zu zerstreuen , aber mitten im Reden , wo vielleicht irgend ein Wort , eine Nebenidee sie an ihr Unglück erinnerte , verstummte sie plötzlich , brach in Thränen aus und schwieg . Und das Alles ist Wirkung