ich mehr als ein paar einsylbige Worte gewechselt habe . Du siehst , daß dieß der gerade Weg ist , das Reden zu verlernen , wenn man auch der redseligste aller Athener gewesen wäre . Wohl möchte mir ' s übrigens bekommen seyn , wenn ich mich immer mit Ja und Nein zu behelfen gewußt hätte . Denn daß du mich hier siehest , kommt allein daher , daß ich ehmals meiner Zunge mehr Freiheit ließ als einem klugen Manne ziemt . « Du kannst dir leicht vorstellen , Kleonidas , daß ich meinen Wirth nach dieser Rede schärfer als zuvor ins Auge faßte . Du wohnst schon zwanzig Jahre hier ? fragte ich . - » Nicht völlig so viel ; aber vorher lebte ich einige Zeit auf dem Landgute eines Freundes so sorgfältig versteckt , daß ich außer ihm selbst keine Seele zu Gesichte bekam . « - Das muß eine schlimme Race von Menschen seyn , vor welchen ein Mann wie du sich so verstecken muß , sagte ich . - Ich sehe daß du mich näher kennen möchtest , erwiederte er . Wenn deine Neugier nicht schwächer ist als meine Neigung mich dir zu entdecken , so bleibst du ein paar Tage bei mir , um mich wieder reden zu lehren , und du sollst allerlei erfahren , das vielleicht dieses Opfers werth ist . Mein Wirth kam durch diese Einladung einem Wunsch entgegen , den ich nicht gewagt hätte laut werden zu lassen . Wir redeten nun von andern Dingen , und wiewohl er sich noch immer sehr lakonisch ausdrückte , so verrieth doch das Wenige was er sagte einen Mann von freiem Geist , vieler Erfahrung und ausgebreiteter Menschenkunde . Als die Zeit zum Schlafengehen gekommen war , führte er mich in eine kleine , mit Binsenmatten behangene und belegte Schlafkammer , und ließ mich allein . Hier konnt ' ich mich der Thorheit nicht erwehren , hin und her zu sinnen , wer der sonderbare Alte seyn könne , mit dem ich auf dem Ossa so unvermuthet in Bekanntschaft gerathen war ; aber alles Nachsinnen war umsonst . Ich ergab mich also in die Nothwendigkeit meine Neugier bis morgen einzuschläfern , und sie schlief so gut , daß die Sonne schon über der Spitze des Athos schwebte , als ich in dem Saal erschien , wo mir mein Alter , in einen langen Pelz gehüllt , so munter entgegenkam , daß ich erröthete , mich in einer Tugend , die meinen Jahren besser ziemte als den seinigen , von ihm übertroffen zu sehen . Er führte mich sogleich in den Garten , wo ein sanfter , wiewohl etwas scharfer Morgenwind die Luft mit dem lieblichen Athem der Kräuter und Blumen durchwürzte . Ich habe , fing er an , mehr als die Hälfte meines Lebens mit Beobachtung aller Arten von Menschen zugebracht , und besitze einige Fertigkeit in der Kunst das Innere einer Person aus ihrer Gesichtsbildung und Miene zu errathen . Deine Physiognomie hat dir mein Zutrauen auf den ersten Blick erworben ; ich wünsche von dir gekannt zu seyn , und überlasse mich ohne Bedenken dem Vergnügen , nach einer so langen unfreiwilligen Verborgenheit einen Menschen gefunden zu haben , dem ich mich aufschließen darf . Ich bin kein Menschenhasser , wie du aus meiner seltsamen Lebensweise vermuthen mußt ; im Gegentheil , daß ich es zu gut mit den Menschen meinte , ist mein Unglück gewesen . Sie haben mich ausgestoßen , verbannt , einen Preis auf meinen Kopf gesetzt , und bloß um kein Schlachtopfer ihrer Wuth zu werden , hab ' ich mich in eine Höhle des Ossa verbergen müssen . - Du wunderst dich was ich verbrochen haben könne , um die Menschen , mit denen ich einst lebte , so heftig gegen mich aufzubringen ? Ich wollte sie weiser machen als sie ertragen können . - Bei diesem Worte hielt er inne und seine Stirn verfinsterte sich einige Augenblicke so sehr , daß ich Bedenken trug , ihm zu zeigen , wie sehr er durch diese Worte meine Neugier gespannt hatte . Wir waren indessen unvermerkt auf eine Anhöhe gekommen , die , in einem Kreise von ungefähr dreihundert Schritten , mit einer dreifachen Reihe von Pappeln , und zwischen den Bäumen mit hölzernen Schnitzbildern besetzt war . Aber was für Bildern ! Nie ist mir etwas Auffallenderes in meinem Leben vorgekommen , als diese in ihrer Art gewiß einzige Bildergalerie ; man müßte sie aber selbst gesehen haben , um sich die Wirkung vorzustellen , die der Ueberblick des Ganzen auf einen keines Argen sich vorsehenden Anschauer macht . Doch , du bist ein Künstler , mein Kleonidas , und deine Phantasie wird ohnehin das Beste bei meiner Beschreibung thun müssen . Bilde dir also ein , du sehest alle Götter der Griechen , vom Zeus Olympius bis zum bocksfüßigen Pan , und von der weißarmigen Herrscherin Here bis zu den schlangenhaarigen Erinnyen , einzeln und gruppenweise , unter Beibehaltung einer gewissen Aehnlichkeit mit ihren gewöhnlichen Darstellungen , in die pöbelhaftesten Mißgestalten travestirt , aber mit einer so komischen Laune in der Art der Ausführung , daß es mir bei ihrem Anblick eben so unmöglich war , mich des Lachens als des Unwillens zu erwehren . So zeigten sich ( um dir nur etliche Beispiele zu geben ) Jupiter auf der einen Seite , wie er , in Gestalt eines erbosten vierschrötigen Sackträgers , im Begriff ist , seine eheliche Widerbellerin mit einem Amboß an jedem Fuß in die Luft herabzuhängen ; auf der andern , wie er sich auf dem Gipfel des Ida von der listigen Matrone , im Costume einer nächtlichen Gassenschwärmerin , zu einer Thorheit verführen läßt , für welche die armen Trojaner übel büßen werden . Du kennst die sonderbare Art , wie Homer seinen unbefangenen und von der Zaubergewalt des Gürtels der Venus unwissend überwältigten Zeus der schönen Dame die Wirkung , die sie auf ihn macht , zu erkennen