der auserwählten Persönlichkeiten zu halten , die berufen sind , auf der großen Weltbühne vor einem Auditorium von Völkern hervorzutreten . “ Ernestine errötete tief . Leonhardt fuhr fort : „ Jeder Mensch findet Genossen , in deren engem Kreise er die Hauptrolle spielt , und ein Publikum von Freunden , deren Anerkennung ihn belohnt . Für diese Wenigen ist er keine Episode , sie ist er nicht < < aufgetaucht , um wieder zu verschwinden . > > Ein Weib und ein Freund oder ein Gatte und eine Freundin , denen man Alles war , sind sie nicht wert , für sie gelebt zu haben ? “ „ Vater Leonhardt , das ist nur für die ein Trost , die nie aus ihrer Subjektivität herausgetreten , den Schwerpunkt ihres Seins in ihr Gemütsleben , und was damit zusammenhängt , verlegen . Wer aber so weit aus sich heraustrat , um die Interessen der Welt zu den Seinen zu machen , der kann nur noch mit der Welt und für sie leben und so wenig mehr zu dem subjektiven Genügen an persönlichen Freuden zurückkehren , als die Pflanze sich in das Samenkorn rückbilden kann , dem sie entsproß . “ „ Wirklich , Ernestine ? “ rief eine wohlbekannte Stimme hinter ihr . Sie wandte sich erschrocken um . Johannes hatte unter der geöffneten Tür den Rest des Gesprächs mitangehört . Sein ganzes Wesen fieberte , seine breite Brust hob und senkte sich leidenschaftlich , als er auf sie zutrat . „ So — so — konntest Du mir entfliehen ? “ Er nahm Ernestinens Hand in die Seine , er heftete einen feuchten , schmerzvollen Blick auf sie , als wolle er in den Grund ihrer Seele tauchen , um die Perle zu suchen , die Perle der Liebe , die sie so tief verbarg . Inbrünstig flehend , bestürmend sah er sie an , preßte ihre schmale Hand in der seinen und jeder seiner schweren Atemzüge war eine Bitte — jeder Tautropfen auf seiner glühenden Stirn war eine Klage . — Schmerz , Angst und Hast der Verfolgung erschütterten diesen ehernen Körper , daß er bebte . Ernestine sah , hörte , fühlte das Alles , aber sie stand stumm und regungslos , sie konnte die Lippen nicht öffnen , sie konnte keinen Laut hervorbringen — sie war wie erstarrt , wie betäubt . „ Ernestine ! “ rief Johannes nochmals . „ Ernestine ! “ Und der Ton drang ihr bis ins Mark , ein leises Stöhnen entrang sich ihren Lippen , sie neigte das Haupt seiner Brust entgegen , sie war nahe daran , in seine Arme zu sinken — da trat ein Schatten , der Schatten seiner Mutter zwischen sie und ihn und umnachtete ihren Blick , daß sie den Mann nicht mehr sah in seiner reinen Schönheit , die Tränen nicht mehr sah , die ihm im Auge standen . Es ward kalt und dunkel um sie her , wie wenn Wolken vor die Sonne treten , der Schatten der Mutter verscheuchte sie von seinem Herzen . Sie bog den Kopf zurück und entzog ihm langsam die Hand . Hoffnungslos ließ er die Arme sinken . Der furchtbaren Aufregung folgte ein Moment des Ermattens , er wischte sich die Stirn , es war ihm , als müsse das Tuch in Blut getränkt von seinem Antlitz kommen . Alle Adern schlugen in ihm , es brauste in seinen Ohren , es wogte in seiner Brust , als solle sein ganzes Sein sich auflösen . Er nahm sich zusammen und ging fast wankend zu Leonhardt . „ Gott stärke Sie , lieber Herr Leonhardt , “ sagte er in abgebrochenen Sätzen . „ Ich weiß Alles durch den Boten an Ihren Sohn , den ich unterwegs traf . Ich brauche Ihnen nichts zum Troste zu sagen . Sie sind ein Mann und werden es als solcher tragen ! “ „ Ich bin ein Christ , lieber Herr Professor , das ersetzt dem schwachen Greise die Männlichkeit ! “ „ Wahr , wahr ! “ sagte Johannes und streifte mit einem trüben Blicke die fern stehende Ernestine . Sie trat heran und sprach mit zitternder Stimme : „ Vater Leonhardt , ich muß nach Hause und sage Dir für heute Lebewohl . Wenn Dein Sohn kommt , so sende ihn zu mir . “ Sie reichte Möllner die Hand : „ Vergeben Sie mir , ich konnte nicht anders . “ Johannes bekämpfte seine Bewegung und sagte mit scheinbarer Fassung : „ Ich werde Ihnen noch schreiben ! “ Ernestine neigte stumm das Haupt und ging . Der Greis horchte . Er vernahm ihre sich entfernenden Schritte und Johannes ’ fliegenden Atem und wieder sah er mit blinden Augen ! „ O , Herr Professor , lassen Sie sie nicht gehen , eilen Sie ihr nach und sprechen Sie sich mit ihr aus . O , glauben Sie mir , sie ist ein Engel und verdient es wohl , daß Sie ihr noch ein gut ’ Wort gönnen . Mit dem Schreiben ist nichts getan , denken Sie an den Oheim , der kann ja den Brief unterschlagen . Selbst reden ist immer das Beste . Eilen Sie , eilen Sie — sonst machen Sie sich und das Fräulein unglücklich ! “ „ Dank für dieses Wort , alter Freund , Sie haben Recht ! “ rief Johannes , in dem es wieder hell auflohte , und ehe er vollendet , war er auch schon zur Tür hinaus . Die Schulmeisterin kam mit der Suppe und sah ihm verwundert nach . „ Der Herr hat ’ s eilig ! “ sagte sie . „ Laß ihn nur , liebe Mutter . Die jungen Leute streben mit tausend Ängsten und Schmerzen einem Ziele zu , auf das wir Alten längst mit befriedigtem Blicke zurückschauen . Gott leite sie ! “ * * * Johannes rief seinem Kutscher , der unweit des Schulhauses hielt , zu , ihn hier