« Domina werden , so war Wunsch und Wille der Verstorbenen gewesen . Aber die früheren Antagonismen waren mittlerweile wieder zu Kraft gekommen und da sich ' s traf , daß Mathilde von Rohr , just als die Neuwahl stattfinden sollte , schwer krank darniederlag , so siegte die Gegenpartei , was schließlich vielleicht allen angenehm war , auch den Vereinzelten , die für sie gestimmt hatten . In ihrem beständigen Betonen des Rechtsstandpunktes und der wiederzuerobernden historischen Domina-Machtstellung – die Domina rangiert , glaube ich , gleich nach den Mitgliedern der großherzoglichen Familie- desgleichen in dem strengen Regiment , das sie sicherlich eingeführt und in Kämpfen gegen die » weltliche Macht « , i.e. gegen den Klosterhauptmann behauptet haben würde , flößte sie den verschiedensten Parteien eine gewisse Besorgnis für ihre Zukunft , zum mindesten für ihre Bequemlichkeit ein . Eine jüngere , trätablere Dame wurde Domina und als Mathilde von Rohr wieder eine Genesende war , war sie weitab davon , in Indisziplin zu verfallen ; sie nahm die Dinge , wie sie jetzt rechtmäßig lagen , und unterwarf sich . Noch zehn Jahre war es ihr vergönnt , frisch und freudig in ihrer Stellung auszuharren , und einzelne Freundschaften , die sie während eben dieser Zeit schloß , gestalteten diese zehn Jahre , trotz herber Schicksalsschläge , zu besonders glücklichen ihres Dobbertiner Lebens . Dann aber kam neue schwere Krankheit , ein Herzleiden . Die Anlage dazu mochte seit lange da sein , aber erst eine große Gemütsbewegung brachte das Leiden zum Ausbruch ; ein prinzipieller Streit , den sie hatte , schloß nicht bloß mit einer Niederlage , sondern , der Form nach , in der sie sich vollzog , auch mit einer schweren persönlichen Kränkung für sie ab . Gewiß hätte diese kränkende Form ihr erspart bleiben sollen , andererseits war sie wohl nicht ganz ohne Schuld , wenn der Satz richtig ist , daß man auch im Hervorkehren des sogenannten » Rechtsstandpunktes « zu weit gehen kann . Ich fürchte , daß etwas von diesem » zuviel « ihrerseits mit im Spiele war . Aber wie dem auch sein möge , sicherlich versah sie es darin , daß sie beim Eintritt in den ihr mehr oder weniger aufgedrungenen Kampf die Kräfte nicht richtig abmaß . Wer solchen Kampf aufnehmen und durchfechten will , muß im voraus wissen , daß er kraft seiner Persönlichkeit oder kraft der Unterstützung , die ihm mächtige Verbindungen und glückliche Gesamtverhältnisse leihen , den Sieg oder doch wenigstens die Chancen des Sieges in Händen hat . Siegt er nicht , so werden nutzlos die Kräfte verzehrt . Und so lag es hier . Mathilde von Rohr heimste schließlich in der von ihr geführten Fehde nichts ein , als ein zum Tode führendes schmerzhaftes Leiden . Dies Leiden selbst trug sie mit großer Ergebung und bestrebte sich dabei , was ihrem natürlichen Menschen beinahe widersprach , voll christlichen Sinnes demütig und vergebungsgeneigt zu sein . Und so verzieh sie denn auch denen , die sie gekränkt hatten . In zwei Stücken aber blieb sie sich gleich bis zuletzt : in der Liebe zu denen , an denen ihr Herz einmal hing , und in ihrem persönlichen Mut . Während ihrer letzten , von asthmatischen Beschwerden beständig heimgesuchten Leidenszeit , hatte sie das Unglück , eine freche Person als Hausmädchen um sich zu haben , und alle , die es gut mit ihr meinten , wollten dem abhelfen und namentlich in den Nachtstunden ihr eine zweite Pflegerin geben ; aber sie lehnte dies , trotz ihres absolut hilflosen Zustandes , ab , weil sie ihrer moralischen Überlegenheit vertraute . Und dies Vertrauen täuschte sie auch nicht . Mitunter schien ihr Zustand sich zum Bessern wenden zu wollen , am 15. September 1889 aber sahen alle , daß es zu Ende ging und am Vormittage des 16. entschlief sie . Die Trieplatzer Verwandten kamen ; am zweiten Tage schaffte man die Tote nach der Kirche hinüber und am Nachmittage des dritten ( 19. September ) wurde sie zur Ruhe bestattet . Unter denen , die zum Begräbnis erschienen waren , war auch der älteste Sohn ihres alten Freundes Bernhard von Lepel . Ein äußerlich nicht hervorragendes , aber innerlich tüchtiges Leben hatte aufgehört zu sein . Ihre vollste Würdigung hatte sie von der alten Domina von Quitzow erfahren , die von ihr zu sagen pflegte : » es gibt nur eine Rohr « und immer voll Anerkennung jener Ungeschminktheit und Einfachheit war , die zuletzt unser Bestes bleibt . Und einfach und natürlich waren schließlich auch noch die Aussprüche , die sie während ihrer letzten Krankheit zu Befreundeten tat : » Immer erst das tun , was vor Gott recht ist ; dann erst kommt die Rücksicht auf andere und die Liebe zu den Menschen . « Und bei anderer Gelegenheit : » Nur nicht immer bloß klug sein wollen ; wer bloß klug ist , da zeigt sich über kurz oder lang in abschreckender Gestalt , daß ihm das Beste fehlt : die Wahrheit und die Güte . Und wo die fehlen , da kommt nichts zustande . « Sie war eine richtige Lutheranerin , noch mehr ihrem Wesen als ihrem Bekenntnis nach , und wußte sich was damit . Da machte es denn einen großen Eindruck auf mich , daß sie mir , wenige Wochen vor ihrem Tode , wo ich sie noch einmal in Dobbertin besuchte , mit Ergriffenheit sagte : » Ja , wir hoffen selig zu werden und ich hoffe es auch . Aber wenn dann so die Beängstigungen kommen , da habe ich doch schon gebetet , daß es vorbei sein möchte , und wenn es auch ganz und gar vorbei wäre . Schrecklich zu sagen , aber die Seligkeitsfrage beschäftigte mich in solchem Augenblicke gar nicht mehr . « Neben ihrem lutherischen Wesen war sie vor allem spezifisch märkisch und gehörte zu denen , an denen man alle guten und auch einige schwache Seiten des alten