sie geduldig zu stimmen , hielt ihnen Döderlein bisweilen Vorträge über die verwickelte Anlage der Künstlernatur , oder er machte geheimnisvolle Andeutungen über die große Erbschaft , die seine Tochter zu gewärtigen habe . Eben dieser Umstand nötigte ihn zur Rücksicht gegen Dorothea . Von ihrem Trotz und ihrer Unberechenbarkeit war zu befürchten , daß sie eine Dummheit beging und den alten Narren Carovius beleidigte . Es war ja schon eine große Hilfe , daß er Dorothea hie und da ein wenig Taschengeld gab . Denn die Vermögenslage Andreas Döderleins war trostlos . Nur mit Mühe hielt er den Schein der Wohlhabenheit noch aufrecht . Die Hauptschuld hieran trug eine langjährige Beziehung zu einer Frau , mit der er drei Kinder gezeugt hatte . Diese zweite Familie zu ernähren , von deren Existenz niemand in seiner Umgebung etwas wußte , bürdete ihm eine Sorgenlast auf , unter der er die heitere Jupitermiene kaum bewahren konnte . Seit vierzehn Jahren führte er ein Doppelleben ; seine regelmäßigen Gänge zu der Geliebten , die zurückgezogen am äußersten Ende einer Vorstadt hauste , unauffällig zu machen , das Verhältnis selbst mit all seinen Folgen vor den wachsamen Augen seiner Mitbürger zu verbergen , erforderte eine beständige Verstellung , Vorsicht und Schlauheit ; unter dem Druck der Geldnot erfüllten sie den Mann , der sie üben mußte , mit stiller Wut und Furcht . Er fürchtete sich auch vor Dorothea . Es gab Augenblicke , wo er sie am liebsten mit Fäusten traktiert hätte ; und sah sich doch gezwungen , sie mit süßen Worten in Schach zu halten . Sie war ihm undurchdringlich . Dabei war sie immer da , immer in lästiger Weise gegenwärtig , immer voll von Wünschen , Plänen , Geschäften und Intrigen . Man glaubte sie zu beherrschen und entdeckte plötzlich , daß sie einen tyrannisierte . Eben war sie einer Lappalie wegen in Tränen ausgebrochen , jetzt lachte sie , als ob nichts gewesen wäre . Die Rosen , die ihr die ernsthaften und wohlhabenden Bewerber brachten , zerpflückte sie vor deren Augen und warf sie dann ins Kehrichtfaß . Man ließ ihr herzliche Ermahnungen im Hinblick auf Sittsamkeit und Haltung zuteil werden , sie hörte zu wie eine Heilige , fünf Minuten später lag sie am Fenster und liebäugelte mit einem Friseurgehilfen . Ich bin ein unglücklicher Vater , sagte sich Andreas Döderlein , als er zu allem Überfluß auch an der künstlerischen Begabung Dorotheas zu zweifeln begann . Kurz nach dem Nürnberger Erfolg hatte sie in Frankfurt gespielt , aber es blieb ziemlich still danach . Dann produzierte sie sich in einigen Mittelstädten , wurde bejubelt und mit Lorbeerkränzen bedacht , doch davon war nicht viel zu halten . Eines Abends lernte sie bei der Kommerzienrätin Feistmantel , einer Frau , deren Vergangenheit mancher stadtbekannte Skandal verunzierte , den Schauspieler Edmund Hahn kennen . Er hatte wollige , blonde Haare und ein aufgeschwemmtes blasses Gesicht . Er war ziemlich groß und hatte lange Beine . Dorothea schwärmte für lange Beine . Es war eine sinnliche Atmosphäre um ihn , und er verschlang Dorothea mit frechen Blicken . Seine Person , sein Auftreten , seine bald blasierte , bald emphatische Redeweise machten Eindruck auf Dorothea . Bei Tisch saß er neben ihr und suchte mit seinen Füßen die Füße des Mädchens . Endlich erwischte er mit seinem linken Stiefel ihren Halbschuh und trat darauf . Sie wollte den Fuß zurückziehen , er trat fester darauf . Verwundert schaute sie ihn an . Er lächelte zynisch . Bald hernach waren sie schon ganz vertraut miteinander und zogen sich in eine Ecke zurück , von wo man Dorothea kichern hörte . Es wurde ein Stelldichein verabredet , und sie trafen sich in der Dunkelheit an einer Straßenecke . Er schenkte ihr Freikarten zu » Maria Stuart « und zu den » Räubern « ; er gab den Mortimer und den Kosinsky und brüllte , daß das Gebälk zitterte . Er machte Dorothea mit mehreren seiner Freunde bekannt , diese brachten ihre Freundinnen mit , und sie saßen im Nassauerkeller , bis der Morgen graute . Ein gewisser Samuelsky war darunter , Prokurist des Bankhauses Reutlinger ; er hatte die Manieren eines Lebemanns , zahlte Champagner und war von Dorothea ganz hingerissen . Sie ließ sich seine Anbetung gefallen , auch nahm sie kleine Geschenke von ihm an , doch schien es stets , als ob sie sich zuvor der Zustimmung Edmund Hahns versicherte . Einmal wollte er sie küssen , da gab sie ihm eine schallende Ohrfeige . Er wischte sich die Backe und nannte sie eine Sirene . Die Bezeichnung gefiel ihr . Sie stand bisweilen vor dem Spiegel und flüsterte lächelnd : » Sirene . « Als Andreas Döderlein von dem Treiben erfuhr , bekam er einen Anfall von Raserei . » Ich verstoße dich , « schäumte er , » ich schlage dich zu einem häßlichen Krüppel . « Aber in seinen Augen war wieder jene Furcht , die seinen Berserkerzorn Lügen strafte . » Eine Künstlerin braucht sich nicht nach den Vorschriften der Philistermoral zu richten , « sagte Dorothea mit größter Unverfrorenheit ; » es sind feine Leute , mit denen ich verkehre ; jeder ist ein Herr . « Ein Herr ; das war ein Argument , gegen welches kein Einspruch bei ihr galt . Der war ein Herr in ihren Augen , der sich ' s was kosten ließ , Kellnern und Kutschern imponierte und gebügelte Hosen trug . » Keiner darf mir zu nahe kommen , « sagte sie stolz , und das entsprach der Wahrheit , denn noch keiner hatte ihre tiefste Neugierde aufgeweckt , und sie war entschlossen , sich teuer zu verkaufen . Nur Edmund Hahn hatte Macht über sie , weil er vollkommen fühllos war und eine Art von Schamlosigkeit besaß , die sie entwaffnete und erschreckte . Andreas Döderlein mußte sie gewähren lassen und sich mit der Überlegung trösten , daß eine echte Döderlein sich nicht