der Beni Khalid sich an dem westlichen Bergeszug befand , in dessen Nähe wir umgekehrt waren . Da war es denn leicht möglich , daß sie uns gesehen und beobachtet hatten . Ihr Scheik war mit einer kleinen Schar wieder nordwärts geritten , und da auch wir in dieser Richtung zurückgingen , konnten sie sich denken , daß wir dies in der Absicht thaten , ihm zu folgen . Sie wußten ihn also von uns bedroht , und so wäre es eine unverzeihliche Nachlässigkeit von ihnen gewesen , wenn sie unterlassen hätten , uns nachzukommen oder uns wenigstens eine hinreichend starke Rotte nachzuschicken . Hatten sie aber dies gethan , so war die von mir getroffene Vorsichtsmaßregel gar nicht überflüssig , zumal wir nicht wußten , wohin die Begleiter des Scheikes geritten waren , deren größter Teil sich schon vor meinem Eintreffen von hier entfernt hatte , während der Rest dann nach dem Angriffe auf die Mekkaner von ihm fortgeschickt worden war . Meine Erzählung fand einen Zuhörerkreis , der so bei der Sache war , daß ich sie sehr oft unterbrechen mußte , um den vielfältigen Ausrufungen des Beifalles , des Staunens , des Zornes und des Abscheues Raum zu lassen . Die Empörung gegen die Mörder wuchs immer mehr , und als ich geendet hatte , waren die braven Haddedihn kaum vor sofortigen Gewaltthätigkeiten zurückzuhalten . Während die Stimmen der aufgeregten Leute wirr durcheinander klangen und die Interjektionen hin und her flogen , wobei niemand auf die Umgebung achtete , geschah etwas , was so unerwartet und so außerordentlich war , daß ich es noch heut , nach Jahren , so deutlich vor mir sehe , als ob es erst vor einigen Minuten geschehen wäre . Das Stimmengewirr wurde nämlich von einem lauten , ja überlauten , schrillen Schrei unterbrochen . Hanneh hatte ihn ausgestoßen . Sie saß mit blutleeren Wangen und weit aufgerissenen Augen da und deutete mit der Hand nach der Gegend , nach welcher auch ihr vor Schreck starrer Blick gerichtet war . Wir sahen hin . Es erklangen mehrere Schreie , nicht Hannehs sondern der Haddedihn ; dann aber trat die tiefste , allertiefste Stille ein . Das , was wir sahen , wäre uns vorher so undenkbar gewesen , daß unser jetziges Erstaunen , welches nahe an Schreck grenzte , allerdings keiner Erklärung bedurfte . Khutab Agha nämlich , der Totgeglaubte , lag nicht mehr an seiner Stelle ; er war aufgestanden und kam mit sehr langsamen , taumelnden Schritten auf uns zu ! Wir mußten uns jawohl sagen , daß dies auf ganz natürliche Weise zugehe , daß sein Tod eine Täuschung gewesen sei , und doch gab es wohl wenige unter uns , die sich nicht einer Art von Grauen zu erwehren hatten ! Wir dachten gar nicht daran , aufzustehen ; wir blieben alle , alle sitzen , so groß war der Einfluß , den das Wiederaufleben des Erschossenen auf unsere Bewegungsnerven ausübte . Mit blutleerem Gesichte , aber bluttriefendem Gewande kam er uns Schritt um Schritt näher , zuweilen den Kopf hebend , den Mund öffnend und mit der Hand nach dem Herzen greifend , als ob ihm das Atmen schwer werde . Dabei wankte er bei jedem Schritte wie ein Kind , welches noch nicht die Fertigkeit des Gehens besitzt . Da sprang ich denn doch auf , um ihn zu unterstützen . Er aber hob die Hand , winkte mir ab und sagte : » Bleib - - - ! Ich - - - komme - - - hin - - - zu - - - dir - - - ! Ich will - - - neben - - - neben - - - dir sitzen ! « Das klang so dumpf , so hohl , und doch so mit Gewalt herausgepreßt ! Ich blieb stehen , bis er da war , bis er bei mir stand und sich bückte , um sich niederzusetzen . Er verlor dabei das Gleichgewicht und wäre vornüber gestürzt , wenn ich ihn nicht gehalten hätte . Dann kam er mit meiner Hilfe zum Sitzen , und ich setzte mich an seine Seite . Niemand hatte ein Wort gesagt , und auch jetzt schwiegen alle . Ich hatte eine ganze Menge von Worten und Fragen auf der Zunge , behielt sie aber zurück , denn ich sah ihm an , daß er nicht wünschte , jetzt angeredet zu werden . Woran ich das merkte , das weiß ich nicht mehr oder hätte es vielleicht auch schon damals nicht sagen können . Er hatte , auch ganz abgesehen von seiner blutigen Kleidung , etwas Fremdes , Geisterhaftes an sich , was keine Neugierde aufkommen ließ , sondern zum Schweigen mahnte . Wenn er sprach , bewegte er bloß die Lippen ; das Mienenspiel schien erstarrt zu sein . Auch seine Augen waren nicht dieselben wie vorher ; sie hatten das Aussehen , als ob ihr Blick vor Angst , vor Entsetzen gestorben sei . Ich suchte die Stelle , wo die Kugel eingedrungen war . Das Loch befand sich genau in der Gegend des Herzens . Da mußte er doch tot sein ! Und doch war zwar die Kleidung blutig , aber es schien kein Tropfen mehr zu fließen ! Jetzt wendete er mir das Gesicht zu und sagte mit tonloser Stimme : » Effendi , ich war dort ! « » Wo ? « fragte ich , indem ich eine Art von Grauen fühlte . » Dort ! « Er senkte den Kopf , hob ihn nach einer Weile wieder und fügte hinzu : » Wo der Münedschi mit Ben Nur war ! « » In der Phantasie ? « » Nein , wirklich ! « » Das kann doch nicht sein ! « » Es ist so , Effendi ! Ich bin soeben erst von dort zurückgekommen ! Da wachte ich auf und sah mich im Blute liegen . Es fiel mir ein , daß ich erschossen worden bin , und