an welchem Bischof Konrad die himmlische Erscheinung wahrnahm . Dort ergießen sich seit tausend Jahren die Menschenherzen in Gebet und Tränen ; dorthin wenden sich zuerst die Pilger . Ich aber , als ein Neugieriger , schlenderte auf und nieder in den breiten Schiffen der Kirche und besichtigte alle Seitenkapellen . In einer derselben kniete eine einsame Frau . Sie fiel mir auf , denn in ihrer edlen Haltung war etwas , das mich an meine Mutter erinnerte . Auch in deren Alter mochte sie sein ; aber sie trug noch die Spuren einer so ausgezeichneten Schönheit , daß es mich verdroß , solch ein edles Menschenbild in dem Verdummungsprozeß des Rosenkranzgebetes zu sehen . Ich pflanzte mich seitswärts vom Altar , vor dem sie kniete , auf und starrte sie an . « » Aber Lelio , Sie sind unerträglich ! « unterbrach ihn Judith . » Gönnen Sie doch den Leuten das Gebet - besonders den Frauen ! Wer weiß , in welchen Schmerzen es die einsame Beterin getröstet hat . « Nein , Signora , das dürfen wir nicht dulden . Die Apostel des Lichts müssen Licht verbreiten und Finsternis erhellen ! Ich nahm meine ganze Frechheit zusammen und sagte auf italienisch ganz laut zu der Beterin : Nicht wahr ? du bist eine perfekte Magdalena ? Sie schlug ein paar große , milde , müde Augen zu mir auf und sagte im reinsten Italienisch mit einem unaussprechlich friedlichen und sanften Lächeln : » Nicht in der Buße , mein Sohn ! bete ein Ave Maria für mich . « - Judith ! mein Gefühl war ungefähr das von Don Juan , als die Marmorstatue des Komthurs ein vernehmliches Ja ! sagt ; nur mischte sich in meinen Schreck eine grenzenlose Beschämung . Ich hätte mich unsichtbar machen und aus der Kapelle , aus der Kirche , aus ganz Einsiedeln verschwinden mögen . Ich fand mich auf dem freien Platz wieder , ohne Lorgnon vor dem Auge . Wie ich hinaus gekommen , weiß ich gar nicht ! mir schien , alle Blicke müßten auf mich gerichtet gewesen sein . « » O wie gönne ich Ihnen die Beschämung ! « rief Judith und klatschte in die Hände . » Sie waren ja von einer ganz giftigen Insolenz . « » Es scheint , die heilige Atmosphäre habe die Macht gehabt , alle Herzen zu öffnen , und als das meine sich auftat - sieh ' ! da kam Gift heraus ! Und hätten Sie nur die Frau gesehen mit dem schönen Blick und der schönen Sprache und wie sie so mild sagte : Figlio mio ! so würden sie sich noch mehr meiner Beschämung freuen ! In der frischen Luft und im heitern Sonnenschein , der die bunten bewegten Bilder glänzend umrahmte , kam ich wieder zu mir und kehrte in die Kirche zurück , als zur Vorfeier des festlichen Tages die Vesper begann . Die Menschenmasse war so groß , daß sich Kopf an Kopf und Schulter an Schulter drängte ; doch kein profanes Wort wurde laut und keine profane Neugier gab sich kund . Ich fand gar keinen Stoff für meine Beobachtungen und horchte deshalb auf die Musik . Das Magnifikat wurde prachtvoll gesungen , mit einer Würde , einem Schwung , einer Ruhe , einem feierlichen Ernst , daß jedes Wort und jeder Ton wie Perlen in Gold gefaßt dahin rollten und in mein Ohr fielen . Was das für eine seltsame Verheißung ist , dachte ich bei mir selbst : Die Mächtigen stößt er vom Stuhl und erhöhet die Niedrigen . Sollte Gott wirklich mit den Republikanern gemeinsame Sache machen , die Fürsten und großen Herren wegjagen und das Volk auf den Thron bringen wollen ? Dann kämst du auch auf den Thron , Lelio ! - Aber du hast schon deinen Thron , inwendig in dir ! - Am Ende gehörst du zu Denen , welche gestürzt werden sollen , und die kleinen niedrigen Geschöpfe rings um dich her kämen dann in die Höhe ! Ja , klein und niedrig von Gesinnung wie jene Frau , die zu dem bösen Buben , der sie zu beleidigen versucht , mild sagt : Mein Sohn , bete für mich ! Solche kuriose Gedanken hatte ich bei dem Magnifikat . Nach der Komplet mit ihren wunderbaren Tönen , die wie Abendglocken zur Ruhe läuten , wurde es still in der Kirche und dämmernd . Die Kerzen erloschen . Vor dem Tabernakel hing eine Lampe mit dem ewigen Licht und vor dem Gnadenbild eine andere . Wie selige Gestirne flimmerten sie in die Schattenwelt hinein . Ein Teil der Pilger hatte sich in die Gallerie begeben und umlagerte die Beichtstühle so massenhaft , so ausdauernd , wie unsereiner die Aspiranten zu einer anderen Gallerie vor der Türe des Opernhauses zu sehen pflegt - wenn Judith die Norma oder die Desdemona singt . In der Kirche , um die Beichtstühle , allüberall , Stillschweigen , Sammlung , Ruhe und keine andere Bewegung als die , welche durch das leise Kommen und Gehen vieler Menschen verursacht wird . Ich fragte einen Kirchendiener , der am Eingange ein paar Lichter anzündete , damit die Dunkelheit nicht überhand nehme , ob später noch irgend eine Zeremonie statt fände . Er verneinte es mit dem Zusatz , daß die Beichten bis Mitternacht fortdauerten und daß am anderen Morgen um vier Uhr die ersten Messen gelesen würden . Ich fing an mich zu langweilen . Ich hatte genug gesehen , gehört , mein Mütchen gekühlt ; ich dachte an meinen Rückzug . Aber ich blieb wie eingewurzelt auf meinem Platz , denn es erhub sich plötzlich ein ganz eigentümliches Getön , flüsternd erst , wie das Laub im Winde , wie ein Bächlein , das über Kiesel und Moos behende fortrieselt ; dann steigend , anschwellend , rauschend wie ein gewaltiger Sturm - brausend wie die Meeresbrandung - unmelodisch und doch voll übernatürlicher Harmonie - regellos , und doch zur übernatürlichen