Hingebung an die ewige Liebe , die auch nach dem Rauschen Ihrer Harfe , Hunnius , die Seele von allen Schlacken reinigt ! Sie sah und sie hörte auf nichts , was sie umgab . Sie lebte nur ihrem Berufe , ihrem neuen Glauben . Ihre Augen , von denen sie behauptet hatte , daß sie nie geweint hätten , obgleich sie Vater , Mutter , Geschwister , Freunde , Glück und alles , nur die Ehre nicht , verlor , waren stets umflort von dem feuchten Schimmer frommer , wie vergessen gewesener Thränen . Führen Sie das einst aus , Hunnius , in einem Gedichte ! Vergessene , verstockte , sitzen gebliebene Thränen ! Wenn die einst zu strömen und zu rinnen anfangen ! Diese Flut , dieser heilende Bethesdateich dann ! ... Diese Seele gestand mir oft , daß ihr alles Leid , was ihr je widerfahren , erst jetzt den Zoll der Thränen abforderte , daß sie über alles , worüber sonst ihr Auge trocken geblieben , nun erst nachträglich weinen müsse und - das ist der Triumph der Wiedergeburt ! - weinen könne ! Hunnius , ich sage Ihnen nur , Fräulein Schwarz blieb im genannten Institute einige Jahre . Sie hatte die besondere Obhut zu führen über Comtesse Paula von Dorste-Camphausen , jene Erbin , deren Lebensverhältnisse unsere Aufmerksamkeit jetzt so dringend in Anspruch nehmen ! Der Vater derselben war gestorben ; Vormund und Verwandte riefen sie zurück : es war in jenen Tagen , als uns auch Asselyn verließ , diese emporwachsende Ceder , diese edle Palme ... « Hunnius stockte wieder und überschlug auch jetzt einige Stellen ... » Um « , fuhr er , den Zusammenhang suchend , fort , » um bei Ihnen die Kaplanei zu St.-Zeno anzutreten . Laßt aber diese Seele nur anklagen ! Laßt die Stimmen über sie getheilt sein ! Laßt - « Hunnius schien Anstand zu nehmen , der ganzen , hier den Tadel wiederholenden Wortfülle des Freundes zu folgen ... Lesen Sie alles , sagte Lucinde . Es sind Anschuldigungen - ! O , auch das ist manchmal gut , erwiderte sie , zu wissen , was man von uns Uebles denkt ! » Die Stimmen sind getheilt , fuhr Hunnius fast mit Lucinden über die Parodie seiner frühern Worte liebäugelnd fort . Die einen sehen in ihr ein Wesen , das seiner persönlichen Eitelkeit alles opfert , ein herzloses , undankbares - « Lucinde , die Arme übereinandergeschlagen , stand in einer Stellung wie ein furchtloser , unerschrockener Feldherr ... » Doch « , überschlug Hunnius beruhigt diese ominöse Partie , » unsere Stadt , Sitz einer Universität , einer starken Garnison , weiß nichts von einer irgend unpassenden Beziehung zu erzählen : größtentheils nur in unsern geistlichen Kreisen verkehrte sie . Aber sie kennen ja unsere Mit-Leviten ! Sie kennen die Lauheit der Zeit , kennen die Bequemlichkeit unsers Standes , dem nichts störender ist als mitgearbeitet zu sehen an seinem Beruf auch von der Laienwelt aus ! Niemand soll da reden , ohne gefragt zu sein ! Niemand soll das Entzücken , das ihm der Glaube macht , in Bildern und Anschauungen wiedergeben , die über das Maß einer gewöhnlichen Erbaulichkeit hinausgehen ! Da irrt nun eine glühende Seele von Beichtstuhl zu Beichtstuhl ! Niemand weiß ihr ein Herz , ein Verständniß , eine Hingebung entgegenzutragen ! Ihr Verstand ist diesen Menschen lästig und selbst unsere Collegen - brauche ich Ihnen die Namen zu nennen ! - verkehren lieber mit der Gewöhnlichkeit , wenn sie nur Whist spielt ! Hunnius ! Wenn diese Feuerseele in der Dechanei so verbraucht würde ! ... Sie tritt dort als Gesellschafterin ein ... Ich dachte an Sie , Freund , an Ihre Verbindungen , Ihre Beziehungen zu Ihrem Kirchenfürsten , an die ernsten und wichtigen Dinge , die von Ihrer hohen Warte aus das Zeichen geben werden für das übrige Deutschland ! O , diese Convertitin hat für die Flammen , die in ihr lodern , noch keine Nahrung gefunden ! Wer einen Schritt thut , wie sie , will ihn doch anerkannt sehen , will doch wissen , bezeugen , täglich bezeugen , warum er ihn that ... Was thut man aber hier ? Man fordert sie auf zum Vergessen , zur Ergebung ! Immer diese Abneigung gegen Neugewonnene ! Immer diese Kälte gegen den Enthusiasmus , der sich bewähren will ! Convertiten , gehegt und gepflegt , sind ein Segen unserer Kirche ; Convertiten , vernachlässigt , zurückgestoßen , einsam gelassen und wol gar zur Reue gedrängt , können ihr zur fürchterlichsten Geisel werden ! Das Schicksal Lucindens ist in Ihrer Hand ! Sie Schöpfer , Gestalter , Dichter ! Vollenden Sie den Triumph dieser gottberufenen Bekennerin ! « Der gute Niggl ! sagte Lucinde , als Hunnius diesen enthusiastischen Brief vollendet hatte . Er war seinerseits gerührt von den Schmeicheleien für seinen Genius ; sie ihrerseits erstaunte , wie sie sagte , » über den langen Schatten , den sie würfe « ... Ich lernte Niggl kennen , erzählte sie , als ich von ihm eines Tages erfuhr , daß er jeden Sonntag Nachmittag einen Kaffee für Damen gibt . Ich wurde neugierig auf einen so gemüthlichen Priester , erkundigte mich näher und ließ mich eines Sonntags Nachmittags an sein Haus bei der Barfüßerkirche führen , wo er Curatus ist . Ich wollte , aufrichtig gesagt , die Damen belauschen , die bei ihn zum Kaffee kamen . Ich stand im Schatten der alten Kirche . Es schlug vier Uhr . Der Nachmittagsgottesdienst war vorüber . Der Kaffee begann nach vier . Wie ward ich beschämt ! Welche Damen kamen ! Erst eine Blinde , die von einem Kinde geführt wurde ; dann kam eine kleine Buckelige , die stolz auf ihre Begleiterin hinaufsah , denn diese durfte nicht mit zum Kaffee , sie aber stieg zum Herrn Curatus hinauf ! Nun kam eine Lahme an einem Krückstock ! Jetzt fuhr ein Rollwägelchen