schon mehrere Geschlechter hindurch das Erbe einer andern Linie , und meine Vorfahren hatten sich rühmlich , wenn auch nicht prächtig , durch Kriegsdienste und Staatsämter erhalten . Meinen Vater hatte ich früh verloren , und meine sehr kränkliche Mutter lebte mit meiner Schwester von einer kleinen Pension sehr beschränkt , so daß ich selbst zuweilen noch einen Theil meines mäßigen Gehaltes anwenden mußte , um ihren kümmerlichen Haushalt zu unterstützen . Mit meinem Freunde Lehndorf verband mich früh eine brüderliche Neigung , und die zunehmenden Jahre steigerten diese bis zur innigsten Freundschaft , die sich in jeder Stunde unseres Lebens treu bewies . Der junge Mann sprach diese Worte mit bewegter Stimme , indem er seinem Freunde die Hand reichte , und fuhr dann mit ruhigerem Tone fort : Lehndorf war in einer besseren Lage als ich . Er war allein , und ein kleines Erbe unterstützte ihn so lange , bis er hoffen durfte , eine Eskadron zu bekommen , er genoß also seine Jugend ohne drückende Sorgen . Es konnte bei unserer Vertraulichkeit nicht fehlen , daß er meine Schwester kennen lernte . Ihre Jugend und Liebenswürdigkeit machten Eindruck auf das Herz meines Freundes , und sie schien eine Empfindung zu theilen , von der wir hofften , daß sie unser Lebensglück erhöhen würde . Es ward bestimmt , sobald Lehndorf eine Eskadron bekäme , daß alsdann der Segen der Kirche ein glückliches Paar vereinigen und mir den zum Bruder weihen sollte , den ich längst als solchen liebte . Von heftiger Bewegung ergriffen sprang der Baron Lehndorf von seinem Sitze auf und eilte einige Mal hastig durch das Zimmer . Nachdem er sich gesammelt hatte , fuhr sein Freund also fort : So standen die Sachen , als der Krieg ausbrach . Welche unglückliche Wendung er nahm , ist bekannt . Die Pension meiner Mutter wurde nicht ausgezahlt , und ich traf meine Familie in der größten Armuth , als ich mit meinem Freunde zurückkehrte , der durch den unglücklichen Frieden so wie ich verabschiedet war . Jetzt schienen alle Hoffnungen zertrümmert und wir hätten dem größten Elende erliegen müssen , wenn mein Freund nicht großmüthig den Rest seines kleinen Erbes mit uns getheilt hätte . Lehndorf machte eine ungeduldige Bewegung . Warum willst Du mich zwingen zu verschweigen , rief sein Freund , was die Wahrheit zu bekennen fordert , und was ich Dir eben so einfach und treu geboten hätte , wie Du mir , wenn die Verhältnisse die umgekehrten gewesen wären ? Zum Grafen gewendet fuhr er darauf fort : Das Liebesglück meines Freundes mußte verschoben werden bis zu einer besseren Zeit , die wir alle nicht aufgeben konnten zu hoffen . Meine Schwester gelobte die zärtlichste Treue , und unsere Sorgen richteten sich auf die nächste Zukunft . Sie selbst nahmen Theil an der innigen Verbindung deutsch gesinnter Freunde , und kennen die Verpflichtungen und den edeln Zweck unserer Vereinigung . Also können Sie denken , daß wir nicht zögerten , als mir und meinem Freunde der Auftrag wurde , einige ehemalige Kameraden , die so wie wir verabschiedet und in Unthätigkeit lebten , zu prüfen und wo möglich für unseren edeln Zweck zu gewinnen . Wir eilten den Wunsch unserer Brüder zu erfüllen und lebten daher nah an zwei Monate entfernt von unseren Lieben . Ein feindliches Schicksal wollte , daß während dieser Zeit ein französisches Regiment , welches bis jetzt zur Besatzung gehört hatte , von einem anderen abgelöst wurde , und daß der Obrist des einrückenden seine Wohnung in dem Hause nahm , wo auch meine Mutter und Schwester in strenger Zurückgezogenheit ein Paar Zimmer im Hinterhause bewohnten . Der Obrist hatte eine deutsche Frau , oder wenigstens galt sie dafür , denn ihre gemeinen Sitten haben mir Zweifel über die Art der Verbindung erregt , in welcher sie mit dem Obristen lebte . Diese suchte , unter dem Vorwande , daß ihr als einer Deutschen der Umgang mit deutschen Frauen ein Trost sei , die Bekanntschaft meiner Mutter , und es gelang ihr durch manche kleine Dienstleistungen leicht , eine schwache , kränkliche Frau für sich zu gewinnen , so wie sie die unerfahrene Jugend meiner Schwester benutzte , um diese ganz in ihren Kreis hinüber zu ziehen . Als ich und mein Freund nach mühevollen , nur halb gelungenen Geschäften zurückkehrten , und die kleine Wohnung betraten , wohin mich kindliches und brüderliches Gefühl , und meinen Freund die Sehnsucht einer innigen , treuen Liebe zog , überraschte uns , da wir unvermuthet erschienen , ein seltsamer Anblick . Meine Schwester stand vor uns in reizender Blüthe der Jugend und Schönheit , geschmückt mit allem Tand , den die Mode fordert , um auf einem Balle zu glänzen . Ein Schrei des Schreckens entfuhr dem unglücklichen Geschöpf , so wie sie uns erblickte , und meine schwache Mutter suchte ihre Verlegenheit zu überwinden , um die nöthige Auskunft zu geben ; so erfuhren wir , ein Ball , den der Obrist gebe , sei die Veranlassung des festlichen Putzes . Die deutsche Frau des französischen Kriegers habe die Einwilligung meiner Mutter erbeten , die ihrer armen einsamen Tochter doch auch nicht hartherzig jede Lust des Lebens habe verweigern wollen . Und als ich fragte , Wer denn den Tand bezahlt habe , der meine Schwester umflatterte , erfuhr ich , daß dieser der Frau Obristin gehöre , die meine Schwester so lieb gewonnen habe , daß sie Alles mit ihr zu theilen wünsche . Sie können wohl denken , wie tief ich die zehnfache schmähliche Erniedrigung empfand , daß meine entartete Schwester bereit war , mit den Feinden ihres Vaterlandes im Tanze sich zu vereinigen , gegen die ihr Bruder und ihr Bräutigam jeden Augenblick mit Freuden gekämpft haben würden , auch den letzten Tropfen ihres Herzblutes nicht sparend , um sie von der Erde zu vertilgen , und daß die Tochter eines Edelmannes sich nicht schämte , um dieß zu können , den nichtigen Putz aus