allerhand Zwischenfällen gefehlt – als » Konventualin « eintrat und ihre Wohnung in einem alten Klosterkreuzgang bezog . An der Spitze des Klosters stand damals die Domina von Quitzow , eine schon neunzigjährige Dame , die , was Klugheit und Entschlossenheit anging , ihrem berühmten alten Namen alle Ehre machte . Selbst Preußin von Geburt , war sie froh , in Fräulein von Rohr » mal wieder eine Preußin « im Kloster zu haben , und in dieser Gesinnung verblieb die Neunzigjährige bis zu ihrem sechs Jahre später erfolgenden Hinscheiden ; aber diese wundervolle alte Domina war auch das einzige Element , auf das sich die neue Konventualin mit Sicherheit stützen konnte . Die Mitschwestern im Kloster waren entweder gegen oder doch mindestens nicht für sie , was in dem vorwiegend antipreußischen Gefühl des damaligen mecklenburgischen Adels seinen Grund hatte , ein Zustand der Dinge , der durch den 1866 er Krieg und unsern Sieg über Österreich eher geschärft als gemindert worden war . Klosterhauptmann zu jener Zeit war Graf Joachim Bernstorff , Sohn des alten Gartower Grafen , der aus seiner welfischen Gesinnung kein Hehl machte . Seine Gemahlin , eine Freiin von dem Busche , vordem Hofdame bei der Königin Marie von Hannover , begriff den Wechsel der Zeiten und versuchte Frieden zu stiften , was ihrem liebenswürdigen Naturell ohnehin entsprach , aber sie kam damit nicht weit , weil der Graf bei der Mehrzahl der Klosterdamen seinen eigenen Gesinnungen wiederbegegnete . Begreiflicherweise hatte Mathilde von Rohr unter dieser im Kloster herrschenden Strömung zu leiden , bis ihr ein Zwischenfall und der Mut , den sie dabei zeigte , zu einem großen moralischen Siege verhalf , der in seiner Folge die gegnerische Partei teils bekehrte , teils stumm machte . Das kam so . Eine der alten Damen – ich verschweige den Namen , um nicht nach zwanzig Jahren noch wieder böses Blut zu machen – erfreute sich einer kleinen Landwirtschaft , einer Kuh , die den Milchbedarf des halben Klosters bestritt . Aber da kam Krankheit und die Kuh wurde von einer so schweren Lungenseuche befallen , daß der Tierarzt anordnen mußte , sich ihrer so schnell wie möglich zu entledigen . Das geschah denn auch , aber nicht sehr vorschriftsmäßig , vielmehr erschien ein Schlächter aus Goldberg , um die Kuh zu kaufen und zu schlachten . Ein Zufall fügte es nun , daß Mathilde von Rohr von dem Fleisch dieser Kuh ein Suppenstück in ihre Küche bekam und sofort den widerlichen und gesundheitsgefährlichen Zustand erkannte . Der Fleischer wurde zitiert und mit Klage bedroht , was diesen endlich bestimmte , mit der Sprache herauszurücken und das empörte Fräulein wissen zu lassen , daß eine andere Konventualin ihm diese Kuh verkauft habe . Mathilde von Rohr war sprachlos und als sie sich schließlich erholt hatte , stand ihr fest , daß hier ein Exempel statuiert werden müsse . Die Domina , ganz auf ihrer Seite , berief eine Generalsitzung und hier , in großer Versammlung , erhob sich nun unser altes Fräulein , um mit siegender Beredsamkeit von Adel und christlicher Frömmigkeit zu sprechen , mit denen es freilich schlecht stehe , wenn dergleichen Ekelhaftes vorkäme , was noch dazu nicht besser sei als Vergiftung . Die Wirkung ging über alles Erwarten hinaus . In ihren Alltagsempfindungen waren all die alten Damen immer gegen » die Preußin « gewesen , aber das verletzte Rechtsgefühl war in diesem Augenblicke doch so mächtig , daß ein Umschlag zugunsten des Fräuleins eintrat , auch bei ihren ausgesprochensten Feinden . Von Liebe konnte freilich nach wie vor keine Rede sein , aber ein voller Respekt war gewonnen . Auch der Klosterhauptmann , dem trotz seiner Preußenabneigung das Herz auf dem rechten Flecke saß , war bekehrt . Bald nach diesem Vorfalle war es , daß ich meinen ersten Besuch in Dobbertin machte . Kein poetischerer Aufenthalt denkbar ! Das Zimmer , darin wir das Frühstück und abends den Tee zu nehmen pflegten , hatte noch ganz den Klostercharakter , denn aus seiner Mitte stieg ein schlanker , oben palmenfächriger Pfeiler auf ; halb verdeckt davon aber stand ein Schaukelstuhl , von dem aus ich , wenn ich mich im Pfeilerschatten hin und her wiegte , mal links mal rechts das Kohlenfeuer sah , das in dem altmodischen Kamin still verglühte . Denn ein Feuer war immer da und auch nötig , trotzdem wir mitten im Sommer waren . Um die Fenster rankte sich Blattwerk mit großen gelben Tulpenblumen dazwischen , die bis aufs Dach hinaufwuchsen und dies auf seiner Unterhälfte fast überdeckten . Um all die Baulichkeiten herum lagen Gärten , auch ein Stück Park , und wenn man diesen , mit der Richtung auf die Kirche zu durchschritt , kam man zuletzt an den Dobbertiner See , in dessen Nähe sich tagsüber nichts regte , bis dann bei Sonnenuntergang die Dohlen und Krähen zu vielen Tausenden von einem Eichenkamp her herüberkamen , um auf Turm und Kirchendach eine kurze Beratung abzuhalten . Im Mai 1875 starb die Domina , die alte von Quitzow , fast sechsundneunzigjährig . Bis zuletzt hatte sie sich bei Kraft und fast auch bei Frische erhalten . Sie hatte viel Ähnlichkeit mit der zu jener Zeit in Berlin lebenden Frau von Quast , Roonstraße 8 – Mutter des Kunstkonservators und Großmutter des Landrats von Quast – die sich noch mit dreiundneunzig in ihren Gesellschaften durch Lebhaftigkeit , Esprit und Dezidiertheit hervorzutun wußte . Der Eindruck , den ich dabei empfing – und mit der alten Domina von Quitzow ging es mir ebenso – war aber doch mehr ein Eindruck des Staunens als der Freude . Man kann auch zu lange frisch bleiben und die geistige Jugend , die sich viele so sehr wünschen , ist ein zweischneidig Schwert ; in einem gewissen Alter muß man auch alt wirken und wenn dies Natürliche sich nicht vollzieht , so berührt es mehr oder weniger unheimlich . Nach dem Tode der alten von Quitzow sollte die » Preußin