jenem Abend heimkamst , Johanna : obgleich Du wahrscheinlich nicht wußtest , daß ich an Dich dachte oder auf Deine Rückkehr wartete . Am nächsten Tage beobachtete ich Dich - selbst ungesehen - eine halbe Stunde lang , während Du mit Adelen in der Gallerie spieltest . Es war ein Schneegestöber , wie ich mich erinnere , und Du konntest nicht aus dem Hause gehen . Ich war in meinem Zimmer ; die Thür war nur angelehnt : ich konnte horchen und beobachten . Adele nahm Deine äußere Aufmerksamkeit auf eine Weile in Anspruch ; doch ich bildete mir ein , daß Deine Gedanken anderswo waren : aber Du warst sehr geduldig mit ihr , meine kleine Johanna , Du sprachst mit ihr und unterhieltest sie eine lange Zeit . Als sie Dich ehrlich verließ , versankest Du in eine tiefe Träumerei und begannst langsam in der Gallerie auf- und abzugehen . Von Zeit zu Zeit , wenn Du an einem Fenster vorüberkamst , blicktest Du hinaus nach dem dichtfallenden Schnee ; Du horchtest auf den seufzenden Wind und gingst dann leise weiter und träumtest . Ich denke , diese Visionen bei Tage waren nicht düster : es war zuweilen ein freudiges Aufleuchten in Deinem Auge zu bemerken , eine sanfte Aufregung in Deinem ganzen Wesen , die kein bitteres , gallichtes , hypochondrisches Brüten verrieth : Dein Blick zeigte vielmehr das süße Sinnen der Jugend , wenn der Geist auf willigen Schwingen dem Fluge der Hoffnung auf zu einem idealen Himmel folgt . Die Stimme der Mistreß Fairfax , die in der Vorhalle mit einer Dienerin sprach , erweckte Dich : und wie eigenthümlich lächeltest Du für Dich und über Dich selbst , Johanna ! Es war viel Sinn in Deinem Lächeln : es war sehr schlau und schien über Deine eigene Zerstreutheit zu spötteln . Es schien zu sagen “ ” Meine schönen Traumbilder sind alle sehr gut , aber ich darf nicht vergessen , daß sie durchaus unwesentlich sind . Ich habe einen rosigen Himmel und ein grünes , blumenreiches Eden in meinem Gehirn ; aber draußen , das sehe ich wohl , liegt eine rauhe Fläche , über die ich wandern , und um mich her sammeln sich schwarze Gewitterwolken , denen ich begegnen muß . ” ” Du eiltest die Treppe hinunter und fordertest eine Beschäftigung von Mistreß Fairfax : die wöchentliche Haushaltungsrechnung zu besorgen oder etwas dergleichen , meine ich . Ich war ärgerlich über Dich , daß Du mir aus dem Gesichte kamst . Ungeduldig erwartete ich den Abend , wo ich Dich zu mir rufen konnte . Ich vermuthete , daß Dein Charakter ein ungewöhnlicher , für mich völlig neuer sei : ich wünschte ihn näher zu prüfen und besser kennen zu lernen . Du tratest mit zugleich scheuem und unabhängigem Blick und Miene ins Zimmer : Du warst zierlich gekleidet : — fast so wie jetzt . Ich brachte Dich zum Reden : bald fand ich Dich voll seltsamer Widersprüche . Deine Kleidung und Dein Benehmen waren einer gewissen Regel unterworfen ; Deine Miene war oft mißtrauisch und durchaus die eines Wesens von höherer Natur , aber nicht an die Gesellschaft gewöhnt , und sehr furchtsam , sich auf unvortheilhafte Weise durch einen Sprachfehler oder irgend ein anderes Versehen bemerkbar zu machen ; doch als Du angeredet wurdest , erhobst Du ein lebhaftes , kühnes und glühendes Auge zu dem Gesichte des Anderen : es lag Scharfsinn und Kraft in jedem Deiner Blicke , wenn man genaue und bestimmte Fragen an Dich richtete , fandest Du sogleich passende Antworten . Sehr bald schienst Du Dich an mich zu gewöhnen — ich glaube , Du fühltest das Vorhandensein der Sympathie zwischen Dir und Deinem trotzigen und gebieterischen Herrn , Johanna ; denn es war erstaunenswerth zu sehen , wie schnell eine gewisse angenehme Ruhe in Deinem Wesen sich zeigte : ich mochte brummen , wie ich wollte , Du zeigtest keine Ueberraschung , Furcht , Aerger oder Mißfallen über mein mürrisches Wesen ; Du beobachtetest mich , Du lächeltest zuweilen über mich mit einer einfachen und doch verständigen Anmuth , die ich nicht beschreiben kann . Ich war zugleich zufrieden mit dem , was ich sah , und wurde davon angereizt : mir gefiel , was ich gesehen , und ich wünschte mehr zu sehen . Doch lange Zeit behandelte ich Dich fremd und suchte nur selten Deine Gesellschaft . Ich war ein verständiger Epikuräer und wünschte den Genuß dieser neuen und reizenden Bekanntschaft zu verlängern : überdies wurde ich von einer Furcht beunruhigt , daß die Blüthe verwelken möchte , wenn ich die Blume zu frei berührte — daß der süße Reiz der Frische sie verlassen könnte . Ich wußte damals nicht , daß es keine vorübergehende Blüthe sei , sondern vielmehr das strahlende Bild eines Gegenstandes in einen unzerstörbaren Edelstein geschnitten . Ueberdies wünschte ich zu sehen , ob Du mich aufsuchen würdest , wenn ich Dich vermiede — aber Du thatest es nicht ; Du hieltest Dich in Deinem Schulzimmer so ruhig wie Dein Schreibpult und Deine Staffelei : wenn ich Dir zufällig begegnete , gingst Du so schnell an mir vorüber und mit so geringen Zeichen des Erkennens , als sich nur immer mit dem Respect vertrug . Dein gewöhnlicher Ausdruck in jenen Tagen , Johanna , war ein gedankenvoller Blick ; nicht trostlos , denn Du warst nicht kränkelnd ; aber auch nicht freudevoll , denn Du hattest wenig Hoffnung und kein wirkliches Vergnügen . Ich war begierig zu wissen , was Du von mir dächtest — oder ob Du überhaupt je an mich dächtest : um dies zu entdecken , beschäftigte ich mich wieder mehr mit Dir . Es lag etwas Frohes in Deinem Blicke , etwas Geniales in Deinem Wesen , wenn Du Dich unterhieltest : ich sah , Du hattest ein geselliges Herz , die stille Schulstube — die Langeweile Deines Lebens stimmte Dich traurig . Ich gestattete mir die Wonne , freundlich gegen