das Mädchen gab ihm keine Ruhe . » Komm , Butzi , « rief sie dabei , » komm , Onkelchen , sei nicht langweilig , « und näherte sich immer wieder mit der Maske . » Wart , ich will dich lehren , Respektspersonen zum Narren zu halten , « gilfte Herr Carovius in wohlwollendem Ärger und glich einem alten Hund , der Sprünge macht , wenn sein Herr einen Spazierstock ins Wasser wirft . Da er aber in dem Eifer , das Attentat auf seine Würde zu verhindern , die Papierkrone auf seinem Haupt vergessen hatte und diese bei all seinen Bewegungen komisch wackelte , geriet das junge Mädchen vor Lachen völlig außer Atem . Nun trat eine Magd ins Tor und brachte Schnee , den sie vom Hof geholt und in ihre Schürze getan hatte . Das Mädchen lief ihr entgegen , füllte die Hand mit Schnee und erhob sie scherzhaft drohend gegen Herrn Carovius . Herr Carovius winselte um Gnade , mit dem Schnee als wirksamem Zwangsmittel kam sie heran , und Herr Carovius hatte solche Furcht vor dem kalten Bombardement , daß er keinen Widerstand mehr leistete und sich die Larve umbinden ließ . Das Mädchen legte , erschöpft vom Lachen , die Stirn auf seine Schulter , und die Magd , es war Döderleins Magd , stieß vor Vergnügen Laute wie ein gackerndes Huhn aus . Die Szene wurde vom dürftigen Licht eines an der Mauer hängenden Lämpchens beleuchtet und hätte deshalb auch ohne den Anblick des Herrn Carovius mit der Papierkrone und der Säufermaske etwas Phantastisches gehabt . Daß das Mädchen Dorothea Döderlein war , wußte Daniel nicht , obwohl er es halb und halb erriet . Doch wer sie auch sein mochte , er war betroffen von dieser Fröhlichkeit , dieser Lachlust , dieser unbändigen Ausgelassenheit . Er kannte dergleichen nicht , und wenn er es jemals gekannt hatte , erinnerte er sich nicht mehr daran . Die jungen Züge , die leuchtenden Augen , die weißen Zähne , die behenden Gesten , das alles flößte ihm Ehrfurcht ein , und in seinen Augen malte sich ein erschüttertes Gemüt . Er fühlte sich so alt , so fremd ; so ohne Sonne und ohne Blüte ; ihm war , als zeige sich ihm das Leben mit einem Mal von einer neuen , freundlichen und verlockenden Seite . Zögernd schritt er herab . » Ist ' s die Möglichkeit ! « schrie Herr Carovius und riß die Larve von seinem Gesicht ; » was sehen meine Augen ! Unser Maestro ! Oder ist ' s sein Geist ? « » Er und sein Geist , beide , « entgegnete Daniel trocken . » Geister haben hier nichts zu tun , « rief Dorothea und schleuderte einen Schneeball , der seine Schulter streifte . Unter Daniels Blick errötete sie plötzlich und schaute Herrn Carovius fragend an . » Kennst du denn unsern Daniel Nothafft nicht , du ungebildete Katze ? « sagte dieser ; » weißt du nichts von unsrer Koryphäe ? Wieder in der Heimat , Meister ? Ruhmbedeckt zurückgekehrt ? « Zu anderer Zeit hätte der gallige Spott des Herrn Carovius Daniels Unwillen erweckt ; jetzt bemerkte er ihn kaum . Wie jung sie ist , dachte er , indem er die befangen lächelnde Dorothea musterte , wie herrlich jung ! Dorothea ärgerte sich , daß sie nicht ihr rotes Kleid anhatte , das sie sich in München hatte machen lassen . » Dorothea ! « tönte eine gewaltige Stimme im ersten Stock . » Och , der Vater ! « flüsterte Dorothea erschrocken und lief auf den Fußspitzen , den langen Schleier raffend , die Treppe empor . Die Magd folgte ihr . » Ein Teufel , ein wahrer Teufel , Maestro , « wandte sich Herr Carovius triumphierend zu Daniel . » Sie müssen einmal zu mir kommen und hören , wie sie den Fiedelbogen streicht . Ein Teufel , sag ich Ihnen . « Daniel wünschte Herrn Carovius gute Nacht und trat gesenkten Hauptes auf die Straße . 12 Für unsere Provinz war Dorothea Döderlein , nachdem sie aus der Hauptstadt zurückgekehrt war , eine Erscheinung , die alles Interesse auf sich lenkte . Ihr Betragen erschien zwar etwas frei , aber da sie eine Künstlerin war und ihr Name bisweilen in den Zeitungen genannt wurde , sah man ihr vieles nach . Als sie ihr erstes Konzert gab , war der große Adlersaal beinahe ausverkauft . Der Musikkritiker des » Herold « war begeistert von ihrem kapriziösen Spiel . Er nannte sie eine phänomenale Kraft und prophezeite ihr eine glänzende Zukunft . Andreas Döderlein nahm gönnerhaft die Gratulationen entgegen , Herr Carovius schwamm in Wonne . Von Kritik war bei dem ehemals so Gestrengen keine Rede mehr ; der Kultus , den er mit Dorothea trieb , machte ihn ganz urteilslos . Anfangs fehlte es Dorothea nicht an Einladungen zu allerlei Kränzchen , Hausbällen und Familienassembleen . Sie wurde lebhaft umschwärmt , und die heiratsfähigen Töchter konnten vor Neid nicht schlafen . Bald aber zogen sich die soliden jungen Männer , gewarnt durch ihre Mütter , Schwestern und Basen , ängstlich zurück . Es erregte Mißbilligung , daß sie mit ihren Verehrern öffentlich lustwandelte . Auch sah man sie häufig in Gesellschaft mehrerer Offiziere in der Eisenbeißschen Konditorei sitzen , wo sie Schokolade trank und ausgelassen lachte . Einmal war sie mit einem blonden Schweden von den Schuckertwerken im Tingeltangel gesehen worden ; dann verbreitete sich das Gerücht , sie habe in München ein lüderliches Leben geführt , die Nächte durchschwärmt , Schulden gemacht und mit allen möglichen Männern kokettiert . Indessen tauchten doch einige ernsthafte Bewerber auf , die durch Andreas Döderleins diplomatisches Wirken ins Haus gezogen wurden und am Sonntag mit Vater und Tochter speisten . Aber Dorothea schien es nur darauf anzulegen , einen gegen den andern zu hetzen , und da es bürgerlich denkende Männer waren , wurden sie unsicher und verwirrt . Um