Kehlchen . Das Rankengefieder der chinesischen Glycinen steigt hoch am Hause und zu seiten meiner Fenster bis an das Dach empor , mit genau solchen Ferndurchblicken , wie von meiner Wohnung aus auf der großen Sundainsel . Es ist mir , als ob ich mich heut in dieser Wohnung befände . Ich denke mich in sie zurück . Das Zimmer Raffleys nebenan steht offen . Ich trete hinein . Er sitzt mit dem Onkel und dem alten Heidenpriester am Tische . Der letztere ist gekommen , um uns Ade zu sagen - - - Da ertönen die Glocken ; es wird geläutet . Ich rufe mich aus Sumatra zurück , um mich zu besinnen , daß ich mich körperlich in Radebeul befinde . Ich wohne da in unmittelbarer Nähe der Kirche . Man läutet zum ersten Male . In einer halben Stunde erklingen die Glocken zum zweiten Male , zum Zeichen , daß der Gottesdienst beginne . Da sehe ich die allsonntäglichen Kirchenbesucher an meinem Hause vorübergehen . Gehe auch ich ? Ich greife zur Bibel , um nachzusehen , über welche Stelle heut gepredigt wird . Es ist der Text Matthäus 5 , Vers 20 bis 26. Da heißt es : » Denn ich sage Euch : Wenn Eure Gerechtigkeit nicht besser ist als diejenige der Schriftgelehrten und Pharisäer , so werdet Ihr nicht in das Himmelreich eingehen . - Ihr habt gehört , daß zu den Alten gesagt worden ist : Du sollst nicht töten ; wer aber tötet , der soll des Gerichts schuldig sein . Ich aber sage Euch : Wer mit seinem Bruder zürnet , der ist des Gerichts schuldig ; wer aber zu seinem Bruder saget : Raka , der ist des Rates schuldig ; und wer zu ihm sagt : du Narr , der ist des höllischen Feuers schuldig . Daher , wenn du deine Gabe nach dem Altar bringst und wirst da eingedenk , daß dein Bruder etwas wider dich habe , so laß deine Gabe vor dem Altar dort , und geh zuvor hin , und versöhne dich mit deinem Bruder , und dann komm und opfere deine Gabe . - Besänftige deinen Widersacher , so lange du mit ihm noch auf dem Wege bist , auf daß der Widersacher dich nicht einst dem Richter übergebe , und der Richter dich dem Diener überantworte und du in den Kerker geworfen werdest . Wahrlich , ich sage dir , du wirst von da nicht herauskommen , bis du auch den letzten Heller bezahlt hast ! « Das war der heutige Predigttext ! So stand da , genau so , in der heiligen Schrift ! Christus hat es gesagt , und da wir Christen sind , haben wir es wörtlich zu befolgen ! Also , schon wer mit seinem Nächsten zürnet und ihn mit Worten beleidigt , der ist dem Mörder gleich , ist des Gerichtes , des Rates und des höllischen Feuers schuldig ! Der Christ soll sich nie zum Gottesdienste wagen , wenn er sich nicht zuvor mit seinen Widersachern ausgesöhnt hat ! Und er soll niemals und keinen Augenblick zögern , Verzeihung zu erlangen , denn es wird ihm von seiner Schuld an seinem Nächsten kein einziges Jota und kein einziger Heller abgelassen werden ! Soll ich heut in die Kirche gehen ? Oder vielmehr , darf ich ? So frage ich meine Widersacher ! Wo ist der Christ , der nach diesem Worte seines Heilandes noch würdig ist , die Kirche zu betreten ? Wie viele Menschen , die ihren Brüdern zürnen , die ihre Brüder beleidigten , die ihre Brüder hassen , die also des Gerichtes , des Rates und des höllischen Feuers schuldig sind , werden heut in die Kirchen gehen und die Predigt über diesen Text nicht im geringsten auf sich selbst beziehen ! - » Du sollst nicht töten ! « Wenn schon die Beleidigung dem Morde gleich zu achten ist , was soll man da erst über die Arten und Abarten des wirklichen Mordes sagen ! Mir wird angst ! Es läutet zwar jetzt zum zweiten Male , aber ich gehe nicht ; ich bleibe daheim ! Ich will , während die ersten Töne der Orgel zu mir herüberklingen , das Buch über die Heldentaten der christlichen Krieger auf den chinesischen Schlachtfeldern lesen und dann hierauf den Schluß meiner friedlichen Geschichte erzählen . Ich brauche viel Sonnenschein dazu , viel Liebe und viel Versöhnlichkeit , und das ist nirgends so wie hier bei mir in meinem Heim zu finden . Ich denke mich also wieder hin nach Kota Radscha , wo ich schon vorhin war , und höre den alten , ehrwürdigen malaiischen Priester zu John Raffley sagen : » Und steigt in meines Lebens Abendröte von Westen her ein lieber Gruß empor , umsäumt vom goldenen Lichte dessen , was ich wünsche , so ist es kein Abschied gewesen , den wir jetzt hier nehmen , sondern Ihr seid bei mir geblieben in Eurer Liebe , wie ich Euch begleitet habe mit der meinigen . Vergeßt nicht diese meine Worte , und laßt den Gruß mir steigen ! Ich möchte ihn so gern noch sehen , bevor mein Abendrot zur Morgenröte wird ! « Indem ich diese seine Worte zum zweiten Male niederschreibe , hier im Abendlande , im Westen , von wo aus er sich einen lieben Gruß ersehnt , bevor sein Geist im Morgenland zur Abendröte steigt , klingt aus der Kirche die Responsorie zu mir herüber : » Der Herr sei mit Euch ! « singt der Pfarrer . » Und mit deinem Geiste ! « antwortet die Gemeinde . Ja , wüßte dieser Geist den Weg von hier nach dort ! Ich wollte ihn bitten , unsere Grüße dem Osten zuzutragen , heute , bald , so lange es noch am Tag des Schaffens ist ! Ich wollte ihm sagen , daß auf den fernen Atjeh-Bergen ein liebes , klares Augenpaar allabendlich in die niedersteigende Sonne schaut , ob