zu sein schien , als Trägerin eines so weit in die Umgegend hinausleuchtenden Gotteshauses dienen zu sollen . Die abfallende Lage brachte es mit sich , daß die vordern Säulen auf hohem Felsen fußten , der auf breiten Stufen zu ersteigen war , während die hintere Seite sich auf der Berührungslinie des Steines mit dem Berge erhob . Das Innere des Tempels war mit Platten ausgelegt und , wie schon einmal erwähnt , vollständig leer . Aber heut hatte man vorn , an der östlichen Säule , von welcher aus sich die beste Aussicht in die Weite und ein Ueberblick der ganzen Nähe bot , für mich einen Sitz hergerichtet , nach welchem ich direkt getragen wurde . Als ich ausgestiegen war , entfernten sich die Leute mit der Sänfte ; Tifl aber sagte : » Ich bin dein Diener für den ganzen Tag , Effendi . Ich werde stets dort an der hintersten Säule sein . Du brauchst mir nur zu winken , wenn ich zu dir kommen soll . Aber es ist der Wunsch des Ustad und auch des Pedehr , daß niemand dich belästige . Sie bitten dich , zu denken , du seiest zwar hier in unserer Mitte , aber ganz unsichtbar für Jeden , mit dem du nicht verkehren willst . Hast du jetzt etwas zu befehlen ? « » Bleib jetzt noch hier bei mir , « antwortete ich . » Ich bin doch fremd und werde dich wahrscheinlich zunächst um Auskunft zu bitten haben . « Er erwartete wohl , daß ich mich setzen werde ; aber dies zu thun war mir unmöglich . Der Blick , der sich mir von dieser Stelle aus bot , war so köstlich , so einzig , so unvergleichlich schön , daß er einen Sterbenden hätte zwingen können , die Augen wieder aufzuschlagen und nach diesem Erdenparadiese zurückzukehren . Die Sonne stand jetzt fast im Scheitelpunkte ; also lag das Innere des Tempels , durch welchen ein reger Lufthauch strich , in kühlem Schatten . Ich lehnte mich an die Außenseite der Säule und ließ mein Auge rundum wandern gehen . Im Osten schlossen sich die Berge bis auf jene Lücke , welche den Weg nach dem Hasen- und Courierpaß offen ließ . Im Norden ragten himmelhoch die stillen , ernsten Gipfel , die durch Nadel- und dann Laubwald , immer wilder werdend , zu den Gärten und mit diesen bis mitten in den Duar hinabstiegen . Im Süden stand ich hier auf frommer Höhe , und im Westen trat das » hohe Haus , « den Blick gefangen nehmend , aus dem mächtigen Massiv der schweren Felsenwand hervor . Tief unten lag der See . Da die Sonne fast senkrecht über ihm stand , so strahlte er in jenem köstlichen , adularen Blauweiß , welches den ceylonischen Mondsteinen eigen war , die mir in den Juwelenläden von Colombo zum Kaufe angeboten wurden . Auf dem Hauptwege des Duar herrschte reges Leben . Die Bewohner begannen , ihre Häuser und Zelte zu verlassen , um zum Beit-y-Chodeh emporzusteigen . Die Frauen und Mädchen trugen in malerischer Weise auf den Köpfen oder Schultern Thongefäße oder selbstgeflochtene Körbe mit Blumen und den Speisen , welche mitzunehmen waren . Die sich nicht , wie sonst im Oriente , absondernden Männer gingen ihnen würdevoll zur Seite . Die Kinder füllten , stets in lebhafter Bewegung , sämtliche Lücken aus . Das waren nicht die langsamen , schweren , melancholischen und nur selten eine Miene verziehenden Puppen , als welche im Morgenlande sich so oft die Kinder zeigen ! Auch ein Teil der Tierwelt war mit in Bewegung , denn man hatte für frische Milch zu sorgen ; die deshalb mitzunehmenden Kühe und Ziegen waren mit grünen Zweigen geschmückt , und manche von ihnen trugen bunte Sträuße auf den Hörnern . Waffen sah ich nicht . Es war ein Bild der Eintracht und des Friedens . Das alles erfaßte ich mit einem kurzen Blicke . Dann lenkte ich meine Aufmerksamkeit dem » hohen Hause « zu . Was ich in Tifls Manier von dem Gespräche des Ustad mit dem Fremden über dieses Haus gehört hatte , das sah ich nun vor meinen Augen liegen . Es war einiges dabei gewesen , was ich nicht verstehen konnte ; nun aber begriff ich es sofort . Ja ; der Ustad hatte recht gehabt : ich sah eine in Stein laut tönende Predigt der Jahrtausende vor mir liegen . War sie häßlich , war sie schön ? Das fragte ich mich nicht . Ich sah und hörte sie zu mir herüberklingen , in Tönen , die so gewaltig waren , daß für Stilfragen weder Zeit noch Raum in mir gefunden wurde . Die Wirkung war da ; was kümmerte mich der Stil ! Was sind die altindischen Tempel ? Die ägyptischen Pyramiden ? Die mittelamerikanischen Teocalli ? Gewaltige Menschenwerke , welche der Zerstörung bis heutigen Tages trotzten , ja . Doch reden sie zu uns von einer gewissen , ganz bestimmten Zeit in einem ebenso gewissen , ganz bestimmten Tone . Hier aber lag ein Bau vor mir , zu dem in unberechenbarer Vorzeit der Grund gelegt worden war ; die später Gekommenen hatten ihn fortgesetzt , und heut sah ich , daß er noch fortzusetzen war . Also kein Ueberrest aus einer vergangenen , besonderen Epoche , sondern ein steinernes Kalenderwerk von Anbeginn bis auf die Gegenwart , mit Raum auch noch für die zukünftige Zeit ! Von Anbeginn ? Ja , von Anbeginn ! Denn die lange , untere , massive , viele , viele Meter hohe und bis in das Innere des Berges reichende Mauer hatte kein anderer als nur der gegründet , der von Anfang war ! Waren vielleicht die höheren Teile dann ihm geweiht gewesen ? Wie hieß hierauf der Mensch , der mächtige , dem diese Riesenmauer noch zu niedrig gewesen war ? Vielleicht Olor , der sagenhafte ? Oder war es Hasisadra , von dem man sagt ,