auf die der unsichtbaren zu übertragen . Sidonie , die während dergleichen » Transfigurationen « nicht immer streng bei der Sache war , summte vor sich hin : » Zart Gebild wie Regenbogen wird auf dunklem Grund gezogen « , Rose aber sog den Duft einer Hyazinthe ein , lächelnd mit halboffenem Munde , so als ob auch ihr ein heiteres Gebilde sich auf dunklem Grunde male , und als ob auf ihren Lippen der Ruf schwebe , » sieh , die liebe Sonne ist wieder durchgebrochen ! « Dezimus gedachte des Tages , wo ihm der Vater das Wunder der bunten Himmelsbrücke als eine Tat der göttlichen Versöhnung erklärt hatte und er , hinauslaufend , um noch eine Spur aus der himmlischen Werkstatt zu entdecken , sein weißes Fräulein wie einen Engel der Verheißung stehen sah . Und bei diesem Erinnern überkam ihn so völlig wie noch nie das Bewußtsein dessen , was er diesem herrlichen Wesen schuldig geworden war ; nicht bloß durch die Wirkung , welche es auf ihn geübt , sondern mehr noch durch die , welche ihm gestattet worden war , dagegen auszuüben . Und das ist ja wohl das Höchste , was ein Mensch dem anderen danken kann . Seine Blicke hingen an dem edlen Gebilde , das auch ihm sich auf dunklem Grunde erhob ; er sah , wie sie die Brücke der Versöhnung , die aus dem eigensten Gemüte heraus in den Himmel führt , dem Greise gedankenvoll nachbaute , wie sie verständnisvoll mit einem innigen Blicke ihm die Hand drückte . Dann aber sah er sie , erbleichend , plötzlich auf ihrem Stuhle zurücksinken : die Tür ihr gegenüber war leise geöffnet worden , und in ihrem Rahmen stand , wie von der unerwartetsten Erscheinung gebannt , die Blicke auf sie geheftet , ein schlanker , bleicher Mann , die unerwartetste Erscheinung auch für sie . » Max ! « jubelte Sidonie auf , indem sie sich in seine Arme stürzte , » Max ! « Ja , Max ! Länger als vier Jahre waren es , daß er den Groll des Titaniden in diesem Raume ausgeströmt ; länger als vier Jahre , daß er mit neuen Titanengelüsten gegen den alten Himmel gestürmt , Menschen nach seinem Bilde gedichtet und - wohl mehr denn der ursprüngliche Prometheus - genossen und sich gefreut als geweint und gelitten hatte . Die Büchse der Pandora hatte sich auch über seinem Haupte ergossen ; die Jünglingsblüte , das Erbe eines kampfgestählten Geschlechts , war auf dem Antlitz des Mannes verwelkt ; die bleiche Farbe , das erweiterte Auge , die gedehnten Züge sprachen von der Müde , die der Überreizung folgt , und dennoch , ja darum erst recht , war er der schönste Mann , welchen alle in dieser Minute auf ihn gerichteten Blicke jemals geschaut hatten oder schauen würden , und darum erst recht war er , wie man es so nennt , ein interessanter Mann . Menschen aus einem Gusse wie Lydia , oder nach seiner Art auch Held Dezimus , werden schwerlich , sogar von schmeichelnden Biographen , als interessante Leute aufgeführt werden . In Max von Hartensteins Anlage und Schicksal , ja bis auf den äußerlichen Habitus hinab , lag jedoch wie selten in einem jenes zwiefältige oder zwiespaltige Etwas , das als Zauber der Interessantheit wirkt . Er war nach Geblüt und Neigung Edelmann und nach Gesinnung Demokrat ; er fühlte sich einen Dichter und lebte wie ein Kind der Welt ; er wußte sich und stellte sich dar als den Erben einer Million und darbte wohl manchmal um das tägliche Brot ; er betrat den heimischen Boden als ein Fremdling und den Kreis der Gleichgestellten nahezu mit dem Stigma des Ausgewiesenen , aber mit den Ansprüchen und dem Gebaren des Herrn ; er trug noch das strenge Trauerkleid um seine Mutter , aber von einem Schnitt , wie im weiten Umkreis seines künftigen Dominiums noch kein Kleiderschnitt gesehen worden war . Und wie trug er das Kleid ! Wie ließen dem blondlockigen Germanen mit dem tiefblauen , treuherzigen Hartensteinschen Blick und Ton die flüssigen Allüren , die spielenden Aperçüs eines Eingewohnten von Paris ; wie verstand er , wenn er wollte , und heute wollte er es , jedem zu sagen , was ihm zu hören gefiel , wie kaum merklich zu schmeicheln , wäre es auch nur mit einem Augenaufschlag , einer Bewegung der Hand . Und doch war er zum Komödienspiel zu gründlich Stimmungsmensch und zur Koketterie zu selbstbewußt und stolz . Er war seiner Überraschung alsobald Herr geworden und grüßte nun rund im Kreise mit vollkommener Unbefangenheit . Nachdem er sich vor Vater Blümel ehrerbietig wie vor einem Patriarchen verbeugt , zog er die Hand , die Lydia ihm schweigend gereicht hatte , ebenso schweigend an seine Lippen und hielt sie ein paar Sekunden an denselben fest . Etwas anders nüanciert , nicht ganz so ernsthaft oder vielleicht ritterlich war die Berührung der rosigen Fingerspitzen ihrer Nachbarin , der erste Handkuß , mit welchem irgendein Mensch das Pfarrröschen ehrte ; selber ihr alter Dezem war in den Tagen seiner Rosenwonne auf solche Galanterie nicht verfallen ; und wer in aller Welt hatte vor diesem aristokratischen Demokraten das Pfarrröschen jemals » gnädiges Fräulein « tituliert , wer sich so ausdrucksvoll gewundert , wie bis zum Nichtwiedererkennen in den Jahren der Trennung eine freundliche Gönnerin größer und schöner - das letzte Epitheton wurde nur mit den Augen gelächelt - geworden sei ? Auch der Herr Kandidat würde mit dem biderben Handschlag , den er erntete , wohl zufrieden gewesen sein , wenn die nachfolgende Gratulation zu seinem Verlobungsglück ihm nur nicht wie ein Stich durch die Brust gefahren wäre . Endlich aber die kleine Sidi , die ließ der prächtige Mensch gar nicht aus dem Arm , nicht von seiner Hand . Er streichelte ihre blassen Wangen , ihren schlichten Scheitel , blickte und nickte ihr zu wie eine Mutter ihrem kranken Kind , und alles das