Hunnius , gestattet , daß ich Sie tiefer in unsere Interessen einblicken lasse ! Aus demselben Portefeuille zog er einen zweiten Brief und ließ auch diesen Lucinden lesen , indem er auf- und niederging , bald zum Fenster blickte und auf jedes Geräusch achtete , bald sich aber auch an dem Anblick Lucindens , dem Ton ihrer Stimme , dem erneuten Ueberblick des ganzen , so wunderbar überraschend ihm gekommenen Verhältnisses weidete . » Die Zeit ist reif ! « las Lucinde . » Man muß mit Gewalt alles ergreifen ! Der Herr Kirchenfürst gibt zu allem seinen Segen , thut aber einstweilen bei allem noch die Augen zu , sodaß unsere Unternehmungen nur Privatunternehmungen sind ! ... Ich will kurz nacheinander in unserer Kirchenresidenz vier Jesuiten , in der nahe gelegenen Universität einen unterbringen ! Diese werden schon einen Wirkungskreis erhalten ... Ich ziehe einige talentvolle Knaben ganz zu diesem Zwecke heran und an der Universität sind mehrere der talentvollsten Theologen , die in den Orden treten wollen . Mit diesen errichten wir einen Glaubensbund und bringen sie dann mit den hiesigen Jesuiten in Verbindung ... Von Rom werden zwei Jesuiten erwartet . Sie bringen scheinbar ärztliche Atteste mit , welche ihnen nur vorschreiben , in unserer Gegend zu verweilen ... Die Missionen treten da und dort ins Leben ; bei uns ist es noch schwer . Der Herr Kirchenfürst wünschen sehr , daß alle Wallfahrten wieder ins Leben treten ! Ich bitte , arbeiten Sie wie Sie können , daß alles Abgeschaffte wieder aufgenommen werde . Mit aller Verehrung Ihr ergebenster M. Alles zur größern Ehre Gottes ! Der Sicherheit wegen nicht frankirt . Thun Sie es ebenso . « 2 Und einen dritten Brief las Hunnius dann noch selbst . Sie thaten ihm als Ableiter seines Zornes wohl . Triumphirend betonte er : » Die gute Wendung der Wallfahrtsangelegenheit macht mir erstaunliche Freude . Wie gerne macht ' ich selbst einmal die Springprocession mit , wenn es meine Geschäfte erlaubten ! Sorgen Sie für Ihre Gegend : nur daß man es mit der Regierung nicht unrecht angreift , dann ist alles verloren ! In all der Drangsal , die wir leiden , habe ich doch auch manche Freude . Mehrere Pfarrer sind verklagt . Je mehr , desto besser ! ... Geben Sie dem Kirchenboten mehr Nahrung ! Man muß immer hervorheben , wie jede Beschränkung und Hemmung der Kirche und jede Auflösung des Gehorsams gegen Bischöfe und Rom auch die Grundfesten des Staates untergrabe ! Das ist für die Fürsten ein Argumentum ad hominem ! ... « Hunnius unterbrach sich , um diese Worte zu übersetzen ... Das greift den Fürsten an ihre eigene Krone ! fiel Lucinde schon ein . Wie ? erwiderte er staunend . Aber kein Wunder , mein im Heiland geliebtes Fräulein ! Niggl schreibt mir ja von Ihnen , daß Sie ein Wunder nicht nur in - Bitte ! unterbrach sie und ermahnte den sich ihr Nähernden zum Lesen . » Die guten Folgen der Mission freuen uns ! « fuhr Hunnius fort . » Es muß uns glücken , über ganz Deutschland die Jesuiten als Prediger auszubreiten . Ich erwarte mit jedem Tage 2000 Missionszettelchen . Es wird alles gut gehen ! Ihr ergebener M. Alles zur größern Ehre Gottes ! « 3 Lucinde dankte für das ihr geschenkte Vertrauen und wollte sich entfernen . Es schlug von den Thürmen der Stadt schon ein Viertel elf Uhr ... Fräulein , sagte Hunnius , ich begleite Sie selbst zurück ... ich stehe , obgleich geistig auf völlig anderm Boden , doch gesellschaftlich sehr gut mit der Dechanei ... Bitte ! Lesen Sie aber noch , was Niggl von Ihnen selbst geschrieben hat ! Da sie es wiederholt ablehnte , ließ Hunnius nicht nach ... Es wird uns enger verbinden ! sagte er mit Salbung . Es wird das Symbol unserer von ihm gewünschten Vereinigung werden ! Wir haben dann ein gleichsam ausgesprochenes Bekenntniß , das sichere Fundament unsers Verständnisses , den geschriebenen Pact unsers Seelenbündnisses ! Der gute Curatus ! sagte Lucinde sich zurückziehend und ließ die Vorlesung geschehen ... theils um ihren neuen so schnell gewonnenen Freund zu zerstreuen , theils aber auch , weil sie auf diese Art allerdings erfahren konnte , warum Grützmacher hatte sagen können , er wäre über sie » ins Klare « und Schulzendorf sie so scharf und wie eine mit Steckbriefen Verfolgte beobachtete . » Mein innigstgeliebter und gefeierter Seelenfreund ! « las Hunnius ( und diese Worte nicht ohne beschämt niederblickende Genugthuung ) , » Sie lernen mit diesem herzinniglichen Gruße nach langem , unverzeihlichstem Schweigen ein Fräulein Lucinde Schwarz kennen , wie man sagt , die Tochter eines einfachen protestantischen Dorfschullehrers . Vor drei Jahren kam diese Seltenste ihres Geschlechts als Gehülfin in die Ihnen bekannte orthopädische Heilanstalt und wurde an demselben Tage , wo wir drei , Sie , mein innigstgeliebter Freund , Asselyn und meine Unwürdigkeit , die letzten Weihen empfingen , in plötzlicher Erleuchtung vom Geiste der Wahrheit ergriffen . In unserer ehrwürdigsten Kathedrale wurde sie von unserm hochwürdigsten Bischof selbst dem Schoose unserer gnadenreichsten Mutter einverleibt ... Ja Ihnen , Ihnen , Hunnius , der Sie so ganz der Musik der menschlichen Seele in ihren tiefsten Accorden nachzulauschen verstehen - Ihr letztes Gedicht : Myrrhe und Aloe - « Eine kleine Pause und Auslassung im Lesen war hier natürlich ... » Ihnen schreib ' ich « , fuhr Hunnius nach einigem Murmeln fort ; » das Leben dieser Neugeborenen muß ein außerordentlich bewegtes gewesen sein ! Da sie bald durch Anmuth und Geist hervorragte , so bildete sich , wie in solchen Fällen zu geschehen pflegt , in kurzem gegen sie eine Anfeindung , die eine Beschuldigung nach der andern gegen sie aufbrachte . Aber allen diesen Angriffen stellte Fräulein Schwarz ihre aufrichtige Wiedergeburt entgegen . Diese wurde ihr reiner , heller , metallener Schild , der sie gegen alles Ungebührliche schützte ! Ihre Andacht wurde jene glühende