Mein Vater betete also und suchte die Arbeit seiner Hände durch Absingen frommer Lieder zu fördern . Halbe Nächte hörte ich seine wohllautende , nur häufig von Thränen halb erstickte Stimme , wenn ich frierend mit meiner älteren Schwester auf gemeinsamem Lager den Schlaf nicht finden konnte . Was ich von guten Liedern noch weiß - so nennt das ehrliche Volk die Kirchengesänge - das habe ich in jenen Nächten gelernt , wo der arme Vater auf Gott vertrauend für uns arbeitete . Leider blieben mir nur die Worte im Gedächtniß , Sinn und Bedeutung derselben gingen mir verloren ! « » Meine um einige Jahre ältere Schwester hatte um diese Zeit ihr sechzehntes Jahr erreicht , war hübsch , von gutem Wuchs und freundlichem Betragen . Jedermann fand an ihr Gefallen und hatte sie gern , und da unsere höchst mißliche Lage kein Geheimniß war , so würde es Niemand den Aeltern verdacht haben , wenn sie die Schwester in die Dienste Fremder hätten treten lassen . Der Vater wollte dies aber nicht , einmal , weil die Schwester der schon hinfälligen Mutter zur Hand gehen und mich gelegentlich auch beaufsichtigen konnte , und sodann , weil das hübsche Kind für Bauernarbeit zu schwächlich war . So blieben wir denn beisammen , bis ein eigener Zufall uns trennte und unser Aller Unglück herbeiführte . Dieser Zufall war ein Gespräch meiner Mutter mit einer Frau von einem nahen Gebirgsdorfe , die als Botenweib häufig in die belebten Städte , namentlich nach Erfurt und Weimar ging und von dort nebst allerhand Neuigkeiten auch sehr freie Ansichten mit in unsere stille Waldeinsamkeit zurückbrachte . Ein Ungefähr machte mich zum Zeugen dieses charakteristischen Gesprächs , das ich damals leider nicht verstand ! Vielleicht wäre sonst Alles anders und besser gekommen . « » Die Mutter kehrte aus dem Walde zurück mit einem Bund Schachtelholz , das sie vom Förster auf Credit für den fleißigen Vater geholt hatte . Müde vom scharfen Gehen setzte sie sich vor der Thür auf die Bank , legte das Holzbündel an die Erde und sah den goldenen Wolken , die von Abend her gleich beschwingten Engeln langsam über die blauen Berge schwebten , mit gefalteten Händen nach . Da ging die Botenfrau vorüber und grüßte die Mutter . « » Guten Abend , Käthe ! So andächtig ? Und seht doch aus , als hättet Ihr in acht Tagen kein warmes Gericht mehr nur von weitem gerochen ? Wie möchte ich mich nur so placken für nichts und wieder nichts ! « Dabei blieb sie wenige Schritte von der Mutter stehen , stemmte sich mit beiden Händen auf ihren langen Stock und heftete ihre falschen grünlich-grauen Augen fest auf meine betende Mutter . Ich fürchtete mich immer vor diesem langen , hagern Weibe mit dem braunen , von zahllosen Runzeln bedeckten Gesicht , in dem die falschen Augen wie grüne Flammen brannten . Im Allgemeinen war das Weib beim Volke seiner Klugheit und seines körnigen Witzes wegen beliebt , auch konnte ihr Niemand offenbare Schlechtigkeiten nachsagen . » Wer nicht arbeitet , soll auch nicht essen ! « entgegnete meine Mutter . » Ihr kennt ja den Spruch , Korbmartha ! « So hieß man nämlich ihres übergroßen Tragkorbes wegen die Botenfrau . Indem hüpfte meine Schwester aus der Hütte , um Wasser im vorüberrauschenden Bache zu schöpfen . Korbmartha sah ihr nach und blickte dann noch lebhafter auf meine Mutter . » Ist das Euere Tochter ? « fragte sie , den Stecken aufhebend und nach der Schwester zeigend . » Ihr wißt es ja , « sagte die Mutter . » Gott erhalte sie mir nur gesund ! Das liebe Kind ist meines Mannes Augapfel . « Die Botenfrau schüttelte den Kopf , und als meine Schwester im Hause wieder verschwunden war , sagte sie : » Käthe , Ihr verdientet gradezu Hungers zu sterben für Eure Unvernunft ! Warum füttert Ihr das Mädel wie ein Wickelkind ? Sie könnte ja , weiß der Herr , von der Mutter weg flugs heirathen , wenn sie Groschen hätte ! Wäre die mein , die müßte dienen , und Ihr werdet recht wohl thun , Käthe , wenn Ihr die hübsche Blitzkröte lieber heut als morgen fortschafft und ein Maul weniger zu füttern habt . « » Lieber Gott , « versetzte meine Mutter traurig , die Hände immer wie zum Gebet verschlungen , » wohin soll ich sie denn bringen ? Sie ist schwach und zart , und die Bauern mögen sie nicht . « » Wer spricht denn von groben Bauern , « fiel die Botenfrau ein . » Ein Mädel , so nett und flink und schelmisch , wie Eure Rese , muß in die Stadt . Solche Waldforellen hat man da gern . Die werden Euch dreimal so theuer bezahlt , wie das plumpe Volk , und hat sie erst ein halbes Jahr gedient , dann sollt Ihr Eure Freude an dem Mädel sehen , wenn sie Euch ' mal besucht . Wie eine Bürgermeisters-Tochter wird sie einhergehen und Kleider haben von halbseidenem Zeuge . « » Ach Martha , das wäre schon Alles recht gut , aber bedenkt nur die Verführung in den Städten ! Die jungen Herren laufen da jedem frischen Dinge nach , das ein paar rothe Bäckchen und muntere Augen aufzuweisen hat , und wie bald läßt sich da solch ein unerfahrenes Kind durch schöne Worte bethören ! Nein , nein , Martha , da will ich mir lieber den Bissen vom Munde abdarben , ja , wenn es sein muß , hungern , bis mich Gott in seiner Barmherzigkeit ausspannt ! Nur mein Kind nicht dem Bösen Preis geben ! « Die Botenfrau lachte hellauf , trat meiner Mutter ein paar Schritte näher und sagte verächtlich : » Käthe , Ihr seid eine Närrin ! - Teufel noch ' mal , in welcher Zeit denkt Ihr denn , daß wir leben ? Wir sind heutigen Tages aufgeklärter , wie