starke Sympathien und Antipathien hatte , was mir persönlich zugute kam . Ich war ihr Verzug , fast mehr als Lepel , und konnte tun , was ich wollte – sie fand immer eine Entschuldigung . Eine Nachsicht und Milde , die sie keineswegs für jeden hatte ! Die letzte Wurzel davon war , gleichviel nun ob es mir zukam oder nicht , ihr großes Vertrauen zu mir , was einmal einen mich tief rührenden Ausdruck annahm . Als ich nämlich vor jetzt zwanzig Jahren in meine gegenwärtige Wohnung zog und ihr erzählte , das alte Weib , das bis dahin in dieser meiner Wohnung gewohnt und dieselbe sehr ungern verlassen habe , habe beim Hinausgehen so was wie einen Hexenfluch ausgesprochen und mir allerhand Böses gewünscht , was mir nun doch im Kopf herumgehe , da nahm sie meine Hand und streichelte sie und sagte : » Das tut Ihnen nichts ; Sie kommen da drüber weg . « Und so verwöhnte sie mich in allen Stücken , hatte nur Liebe und Güte für mich und war mir auch , um eine Hauptsache nicht zu vergessen , bei meinen Arbeiten vom allergrößten Nutzen . Ihrer Natur nach , wie ich nur wiederholen kann , mehr gewollt als wirklich literarisch , hat sie mir trotzdem auf eben diesem Gebiete sehr ersprießliche Dienste geleistet und wohl ein Dutzend der lesbarsten Kapitel in meinen » Wanderungen « verdanke ich ihrem nie rastenden Eifer , der mir Empfehlungsbriefe schrieb und mir mitunter auch fix und fertige Beiträge verschaffte , die nur ein wenig der Zurechtstutzung bedurften . Ein solcher Beitrag ist beispielsweise der ein völliges Charakterbild gebende Brief , der sich mit der Frau von Jürgaß , einer Tochter des alten Zieten , beschäftigt . Aber bei solchen von den verschiedensten Seiten herrührenden Beiträgen blieb es nicht , sie war auch persönlich ein wahres Anekdotenbuch und eine brillante Erzählerin alter Geschichten aus Mark Brandenburg , besonders in bezug auf adlige Familien aus Havelland , Priegnitz und Ruppin . Den Stoff zu meinem kleinen Roman » Schach von Wuthenow « habe ich mit allen Details von ihr erhalten , und wo ich in dem langen Trieplatzkapitel von den verschiedensten Rohrs erzählt habe , sind es Mitteilungen aus ihrem Munde . Die mit ihr in dem Häselerschen Hause ( Behrenstraße ) verplauderten Stunden zählen zu meinen glücklichsten . II So gingen die Dinge bis zum Jahre 1869 . Zu dieser Zeit kam die Aufforderung an das Fräulein , ihren Klosterplatz in Dobbertin in Mecklenburg einzunehmen , wozu sie , so schwer ihr das Scheiden aus Berlin auch wurde , sogleich bereit war . Über diesen Klosterplatz muß ich hier ein Wort einschalten . Dobbertin ist eines jener adligen Fräuleinstifte , denen wir im protestantischen Norddeutschland an den verschiedensten Stellen begegnen ; in Brandenburg haben wir Kloster Heiligengrabe , in Pommern Schönfließ , in Mecklenburg verschiedene : Dobbertin , Malchow , Ribnitz . Dobbertin bei Goldberg ist unter diesen dreien das größte . Vordem , wie dies bei all diesen Stiften der Fall , war es ein Kloster und aus dieser Klosterzeit schreibt sich wahrscheinlich das Recht bestimmter adliger Familien – darunter auch einige nicht-mecklenburgische – her , » ihre Töchter ins Kloster einschreiben zu lassen « . Das geschieht , wenn sie noch Kinder sind . Verheiraten sie sich , so erlischt dies Recht , verheiraten sie sich nicht , so empfangen sie von einem bestimmten Zeitpunkt wahrscheinlich von der Zeit ihrer Großjährigkeit an , eine Rente , die sie zunächst verzehren können wo sie wollen , bis im Kloster selbst eine » Stelle « frei wird . Tritt dieser Zeitpunkt ein , so rücken sie nach der Anciennität oder wohl richtiger nach dem Datum der Einschreibung in die Stelle ein . Wenn ich nicht irre liegt hierzu kein Zwang vor , und ein Fernbleiben vom Kloster sogar unter fernerer Empfangnahme der Rente , ist durchaus zulässig ; dieser Fall tritt aber sehr selten ein , weil das Einrücken in die » Stellen « mit zu großen Vorteilen verknüpft ist . Geräumige Wohnung samt Obst- und Gemüsegarten , Holz , Fisch , Wildpret und wahrscheinlich vieles andere noch – gehört zu den Klosterpertinenzien , so daß den in die Stelle einrückenden Damen nicht nur Gelegenheit gegeben ist , die ihnen verbleibende Rente zu gutem Teile zu sparen , sondern sich auch durch Gastlichkeit und Einladungen an arme Verwandte zu wahren Freudenspendern für die ganze Familie zu machen . Könnte man zusammenrechnen , wieviel Gebrechliche , wieviel kranke junge Frauen und bleichsüchtige junge Mädchen in vielmonatlichem Sommeraufenthalt hier wieder genesen sind , so würde das eine Zahl von Tausenden ergeben . Man hat in Mecklenburg , und wahrscheinlich auch bei uns in Preußen , mit diesen » mittelalterlichen Resten « aufräumen und den Reichtum dieser Stifte dem Fiskus , dem gesamten Lande zugute kommen lassen wollen , ein Vorhaben , über das ich weder nach der Rechts- noch nach der Klugheits- und wahren Vorteilsseite hin ein Urteil habe . Diese » Klöster « mögen also fallen , wenn sie durchaus fallen müssen . Mein persönliches Gefühl aber ist für Fortbestand derselben und zwar deshalb , weil ich in ihnen einen bestimmten , wenn auch vergleichsweise nur kleinen Segen direkt und unzweifelhaft vor Augen habe , während sich alles , was in den » großen Pott « , genannt Fiskus , fließt , meiner Wahrnehmung entzieht . Es ist dasselbe wie mit den Wohltätigkeitsanstalten ; ich ziehe es vor , fünf bestimmten Personen jedesmal eine Mark zu geben , anstatt fünf Mark einer großen Wohltätigkeitskasse zugute kommen zu lassen , und keine nationalökonomische Gelehrsamkeit kann mir dies Gefühl nehmen . Allerdings gehöre ich auch zu den Ungebildeten , die die indirekten Steuern erträglicher finden als die direkten . Aller Stolz über eine erfüllte Bürgerpflicht » höheren Stils « ist mir fremd . Und nach diesem Exkurse kehren wir zu unserem Fräulein von Rohr zurück , die nun im Sommer oder Herbst 1869 – es hatte nicht an