sich nach Wäldern , und seine Träume wurden wüst . Von Genua wanderte er zu Fuß durch die Lombardei und über die Alpen . Er schlief in harten Betten , um die Erhitzungen des Blutes zu mindern und nährte sich von Brot und Käse . Die Anfälle von Erschöpfung , denen er ausgesetzt war , beachtete er zuerst nicht , aber in Augsburg stürzte er auf der Straße zusammen . Er wurde in ein Spital geschafft und lag dort drei Monate lang am Typhus . Von seinem Fenster aus sah er Fabrikschlöte und ewig ziehende Wolken . Es war Winter geworden , und der Schnee fiel . Zwei Jahre nach seinem letzten Abschied betrat er wieder das Haus am Egydienplatz . Als ihn Philippine gewahrte , so abgezehrt und bleich , stieß sie einen Schreckensschrei aus . Agnes war noch länger , noch dürrer , noch ernsthafter geworden . Bisweilen , wenn sie ihren Vater anschaute , hätte er ihr zornig zurufen mögen : Was soll dein Gefrage ? Dabei war kein Wort über ihre Lippen gekommen . Da Philippine sah , daß Daniel so einsam zurückgekehrt war , wie er ausgezogen war , legte sie in ihrem Benehmen gegen ihn eine eigentümliche Sanftheit an den Tag . Der alte Jordan lebte unverändert dahin . Alles ging seinen vorgeschriebenen Weg , alles war , wie wenn Daniel nicht sechs Jahre , sondern sechs Tage fortgewesen wäre . Er fühlte sich noch nicht ganz gesund , trotzdem arbeitete er Nacht für Nacht . Der vierte Satz versprach ein Wunder an Polyphonie zu werden . Ursein , Ursehnsucht , Urschmerz tönten in ihm . Der ewige Wanderer gelangte an die Himmelspforte und wurde nicht eingelassen . Überirdisch bewegte Harmonien hatten ihn emporgetragen ; dumpfe Paukenschläge bezeichneten sein stehendes Pochen an verschlossenen Toren ; drinnen erklang das schauerliche Nein der Posaunen . Umsonst war das Bitten der Geigen , umsonst der Fürspruch des Engels , der zur Rechten stand , auf eine Harfe ohne Saiten gelehnt , umsonst die süße Beschwörung des andern , blumenbekränzten , zur Linken , umsonst der Elfenchor der oberen Stimmen , umsonst die aufschäumende Klage der unteren ; hie führt kein Pfad , hieß es , hie ist für ihn kein Raum . Eines Abends erblickte Daniel am Fenster seiner Stube ein fremdes Mädchen . Sie war schön . Betroffen erhob er sich , um sich ihr zu nähern . Da war sie verschwunden . Es war eine Halluzination gewesen . Er fürchtete sich vor sich selbst , verließ das Haus und wanderte wie in vergangenen Zeiten durch die Gassen . 11 Es war Faschingstag , und die Bürger waren wieder einmal lustig . Maskierte Knaben und Mädchen zogen in lärmenden Scharen umher . Als Daniel durch die Füll ging , stutzte er ; die Fenster in der Bendaschen Wohnung waren erleuchtet . Da erinnerte er sich , daß ihm der Provisor Seelenfromm gesagt , Frau Benda sei schon vor langer Zeit aus Worms zurückgekehrt ; sie lebe mit einer Nichte , denn sie sei völlig erblindet . Er stieg die Treppe hinauf und läutete . Eine grauhaarige , vergrämt aussehende Frau öffnete ihm ; es mußte wohl die Nichte sein . Daniel sagte seinen Namen , die Frau hatte von ihm gehört . » Sie wissen ja wahrscheinlich , daß Friedrich verschollen ist , « sagte sie in schläfrig singendem Ton . » Acht Jahre sind vergangen , seit er den letzten Brief aus Innerafrika geschickt hat . Wir haben schon auf alle Hoffnung verzichtet ; auch in den Zeitungen ist es schon ganz still geworden . « » Ich habe nie was gelesen , « murmelte Daniel . » Aber Friedrich kann nicht tot sein , « fuhr er kopfschüttelnd fort , » daran glaub ich nun und nimmer . « Er heftete seine Augen mit einem zugleich zerstreuten und intensiven Blick auf die Frau , die gebannt auf seine Brillengläser starrte . » Wir haben alles versucht , was menschenmöglich ist , « erwiderte sie ; » haben uns an die Konsulate , die militärischen Stationen und die Missionsvorstände gewandt , es hatte gar keinen Erfolg . « Nach einer Pause sagte sie ein wenig lebhafter : » Sie werden nicht wollen , daß ich Sie ins Zimmer führe . Es ist qualvoll für die Tante , wenn sie eine fremde Stimme hört , und daß Sie mit ihr reden , könnt ich nicht zulassen , da würde der ganze Schmerz von neuem in ihr aufgewühlt . « Daniel nickte und ging . Vom Flur herauf drang ein übermütiges Gelächter , das peinigend in seine dunkle Stimmung fiel . Sein Herzschlag dünkte ihm matt ; er empfand ein wehtuendes Verlangen nach etwas , wofür er keinen Namen wußte , nach etwas Süßem und Strahlendem . Auf dem letzten Treppenabsatz blieb er verwundert stehen und schaute in den Flur hinunter . Herr Carovius tänzelte wie ein Bajazzo vor seiner Wohnungstür herum . Er hatte eine silberpapierene Krone auf dem Kopf und suchte sich mit einem greisenhaften und zärtlichen Grinsen der mutwilligen Zudringlichkeit eines jungen Mädchens zu erwehren . Das Mädchen befand sich in einem Karnevalsaufzug . Das dunkelblaue Sammetkleid , welches die üppige Gestalt fast schlank erscheinen ließ , war über und über von Silberfäden behangen . Von ihren Schultern bis auf den Boden , wo es noch drei Schritte hinter ihr schleppte , hing ein schleierartiges , schwarzes Tuch herab , das mit glitzerndem Flitterwerk besät war . In der Hand hielt sie eine scheußliche Wachsmaske , das Gesicht eines Saufbolds mit einer roten Nase darstellend , und ihre Bemühungen zielten darauf hin , das Gesicht des Herrn Carovius mit der Maske zu bedecken . Sie wollte , daß er sich ihr füge , sie versicherte , sie werde nicht eher vom Fleck gehen , als bis Herr Carovius die Maske aufgesetzt habe . Herr Carovius rüttelte an der Tür , die zugefallen war , er kramte in seinen Taschen nach dem Schlüssel , aber