Thekla nichts von einem Trachten nach Heiligkeit gespürt . Doch konnten zehn Jahre wohl den Sinn also umwandeln ; und solche Wandlung war meiner edlen Frau zuzutrauen , zumal sie die Schule des Leidens durchgemacht . Überdies gemahnte Agnetens Wuchs an Thekla . Freilich lebte diese in meiner Erinnerung als eine ebenso straffe wie schlanke Gestalt , während Agnete mich kleiner deuchte und in ihrer zusammengesunkenen Haltung körperliche Schwäche verriet . Doch auch diese Veränderung konnte sich ergeben haben aus alledem , was ihr inzwischen begegnet . In solchen Gedanken verbrachte ich den Abend , und nur durch strenges Meditieren und heißes Ringen um Seelenfrieden gelang es mir , etliche Ruhe zu finden . Die Sonne neigt sich abe Zum blauen Hügelgrabe . So leb denn wohl , du rotes Liebesfeuer ! Ich stehe ganz allein Auf ödem Berggestein . Wohl heime möcht ich gahn Und weiß doch nicht , wo Herberg han ... Schon dräun die Wolken schwarz wie Ungeheuer . Da mahnt die Sonn im Sinken : Sieh dort die Zinnen winken ! Den irren Wandrer laden sie , zu hausen . Des Burgherrn Trostlicht wacht Getreu die ganze Nacht . Entzünde dran dein Herze Als eine fromme Klausenkerze ! Ums Fenstergitter laß Unholde sausen ! Am Morgen allerdings kam ich mir verstört für , als hätten der Sorge Unholde die ganze Nacht mein Gehäus umraunt . Zur Vorbereitung auf Agnetens Eröffnung sammelte ich meinen Sinn und dachte an das Ewige , vor dem wie Spreu verwehen muß , womit die Zeit uns ängstigt . Wohlan , tritt nun über meine Schwelle , dunkles Schicksal , und enthülle dich ! Du findest mich gefaßt ! Und ich nahm das Packet aus meiner Tasche und tat seine Hülle ab . Papiere waren mit hastigen Schriftzügen bedeckt . Und ich las : » Mein Johannes ! « Mich durchzuckte ein freudiger Schrecken . Thekla ! Waren das nicht ihre Schriftzüge ? Fliegenden Blickes las ich weiter : » Durch meine Schwäherin hab ich Dich bitten lassen , Du mögest erst nach durchschlafener Nacht diesen Brief lesen . So tat ich , weil mir wohl bewußt , daß alle Deine Kraft beisammen sein muß , um Dein Herz in seiner Hoheit aufrecht zu erhalten vor dem , was ich Dir zu eröffnen habe . Das Märlein von der Königstochter hast Du vernommen und hast vielleicht vermeinet , es sei insonderheit an Heinrichs Ohr gerichtet . Dem ist nicht also ; es gilt vor allem Dir . Ich hab ' s ersonnen , um durch ein Gleichnis zu Dir zu sprechen . O daß sich doch mein Wunsch erfüllete , und Deiner Wahrheit Kraft auf den Wachtposten gerufen würde durch mein Märlein , wie durch unser Gespräch über die sieben Brüder , so dasselbe Weib geehelicht . Jener Friede , den die alte Hirtin ihrem Liebsten mitgeteilt hat , sei mit Dir , Herzliebster ! Hast Du wohl darüber nachgesonnen , wer die beiden sind , der Goldgräber und die Königstochter , so nach langer Trennung im Hirtenleben einander wiederfanden ? Das sind wir zwei , Du und ich ! Ja , Deine Thekla lebt ! Ich bin es , seit etlichen Jahren Agnete geheißen ... « Geblendet war mein Auge - konnte nicht weiter lesen . Um mich schwankte die Welt . Auf sprang ich und taumelte . Dann kam ein Schrei : » Thekla ! « Ich warf mich auf die Knie und krampfte die Hände zusammen : » Mein Gottesquell - du lebst - hast mich nicht verlassen ! « Aber wie denn ? Agnete ? Nicht mehr Thekla ? Eines anderen Weib ? - Hastig setzte ich mich wieder zur Schrift : » Für Dich bin ich noch immer Deine Thekla und will es bleiben in Ewigkeit . Für die anderen freilich bin ich Agnete ; so hab ich mich vor Heinrich benamset , da wir einander begegnet sind . Ich wollte meine Vergangenheit verhüllen - als Agnete Kiesewaldin bin ich ihm vom Priester angetraut ... « Das war nun die härteste Prüfung ! Auseinandergerissen fühlte sich mein Herz , zerspalten mein Wesen . Es trieb mich stürmisch zu Thekla , die Gattin zärtlich zu umarmen ; eine strenge Macht aber gebot mir Halt ... Heiß fielen Zähren auf meine Hand , o wie zitterte die Hand ! Endlich faßte ich mich und las weiter : » Kraft freilich ist vonnöten , so wir den Gipfel der Verklärung erreichen wollen . Du wirst sie zusammenbringen , da ja in Dir ein reicher Quell himmlischen Lebens strömt . Was mich betrifft , so bin ich Deine geistliche Tochter , und Du wirst mich emporführen . Nun aber laß uns unverzüglich beginnen mit dem Sammeln unserer Kraft . Sei denn stark , mein armer Liebling , bei dem Allertraurigsten , das ich jetzunder zu eröffnen habe ... « Neuer Schrecken fuhr mir in die Glieder . Wie denn ? Noch etwas Schlimmes kommt ? - Mein ganzer Körper bebte , als ich weiter las : » Es betrifft jenes Knäblein , so auf der Abendburg den Opfertod starb , und dessen Asche Du unter dem Kreuzlein beigesetzt hast . Wessen ist dies Kind ? Wer ist sein Vater ? Bleib aufrecht , wenn ich Dir jetzo sage : Da wir Hochzeit hielten im unterirdischen Gewölbe zu Magdeburg , ward uns beiden dies Kind geschenkt - - der kleine Johannes ... « Keuchend sank ich vornüber , gewaltsam aber richtete ich mich wieder auf . Laut hinausschreien wollte ich meinen Schmerz . Wie ich dann schluchzte , trat Tobias in die Balkenstube und legte die Hand auf meine Schulter , bang loderten die Augen in den düsteren Höhlen . » Tobias ! « rief ich verzweifelt . » Mein Kind war ' s ! Meins ! « Blöde starrte er und schüttelte das greise Haupt : » Nicht weinen ! « Zugleich begunnte mein Hund zu winseln . Ich griff mir an den Kopf und sammelte mich . Dem Oheim drückte