solche Stimme ! Sollte - - ? « Ich antwortete ihm nicht , sondern ging zur Tür und schob sie vollends auf . Ja , sie war es - - Yin ! Sie kam allein ; niemand begleitete sie . War sie so schön , wie ihr Porträt uns hatte erwarten lassen ? Was soll ich sagen ! Das kam so schnell , so überraschend . Ich sah eine weißgekleidete , engelgleiche Frauengestalt , eine Rose im Haar und ein kleines , duftendes Veilchenbouquet an der Brust , welche nach einem kurzen Blick auf mich an mir vorüber in das Zimmer trat und dann so vor dem Uncle stehen blieb , daß ich nur die schöngezeichnete Wangenlinie ihres Profils sehen konnte . » Ja , du bist es , mein lieber , lieber Onkel ! « rief sie jubelnd aus . » Ich kenne dich aus dem Album meines John ! Komm , lege mir die Hände auf das Haupt , und sei mir gut ! Ich weiß von ihm , daß du so gerne gütig bist ! « Sie glitt vor ihm nieder , faltete die Hände und schaute bittend zu ihm auf . Er stand zunächst bewegungslos . Die Farbe kam und ging auf seinen Wangen . Ich sah , daß er zitterte . Sein weitgeöffnetes Auge war auf sie wie auf eine wunderbare , überirdische Erscheinung gerichtet . Dann bewegte er die Hände ; sie bebten . Indem sie sich langsam auf den Kopf der Knieenden niedersenkten , hob er den seinen empor , schlug die Augen wie zum Himmel auf und sagte , indem er mit den hervorbrechenden Tränen kämpfte : » Mein Herr und Gott - - - das habe ich nicht verdient ! Ich war so schlimm , so bös zu ihr , und sie bringt solche , solche , solche Liebe ! Mein Segen ist nichts wert , wenn du nicht selbst ihn gibst . O sende ihn ihr tausendfach und tausendfältig zu und - - - « Mehr hörte ich nicht , denn ich schlich mich hinaus , schloß möglichst leise die Tür und entfernte mich . Wenn England China in so aufrichtiger und reuevoller Weise segnet , ist Deutschlands Unterstützung überflüssig . Fünftes Kapitel Der Shen-Ta-Shi Die bisherigen Abschnitte des vorliegenden Buches sind , wenn auch in etwas anderer Fassung , bereits einmal im Druck erschienen , und zwar unter dem Titel » Et in terra pax . « Das war vor einigen Jahren , kurz nach der Rückkehr von meiner letzten großen , fast zwei Jahre dauernden Reise , die mich zuerst nach Afrika und dann durch das ganze südliche bis hinter nach dem östlichen Asien führte . Die hierbei gemachten Studien werden mehrere Bände füllen , deren erster hier mit » Und Friede auf Erden « beginnt . Damals frug ein rühmlichst bekannter , inzwischen verstorbener Bibliograph bei mir an , ob ich ihm ebenso wie zu früheren Unternehmungen nun auch zu einem großen Sammelwerk über China einen erzählenden Beitrag liefern könne . Diese Anfrage geschah telegraphisch , weil ihm die Sache eilte . Ich zögerte nicht , ihm ebenso telegraphisch eine bejahende Antwort zu senden , denn ich hatte vor kurzem » Und Friede auf Erden « zu schreiben begonnen , hoffte , es schnell zu beenden , und kannte diesen Herrn als einen Mann , dem ich diese eine , gelegentliche Ausgabe meiner Erzählung ganz gut und gern überlassen könne . Freilich , hätte er mir mitgeteilt , daß er mit diesem Sammelwerke eine ganz besondere , ausgesprochen » abendländische « Tendenz verfolge , so wäre ihm anstatt des Ja ganz unbedingt ein kurzes Nein geworden . Da mir nichts Gegenteiliges gesagt wurde , nahm ich als ganz selbstverständlich an , daß es sich um ein gewiß unbefangenes , rein geographisches Unternehmen handle , welches nicht von mir verlange , anstatt bisher nur für die Liebe und den Frieden , nun plötzlich für den Haß , den Krieg zu schreiben . So erzählte ich denn ganz unbesorgt , was ich zu erzählen hatte , bis mit einem Male ein Schrei des Entsetzens zu mir drang , der über mich , das literarische enfant terrible , ausgestoßen wurde . Ich hatte etwas geradezu Haarsträubendes geleistet , allerdings ganz ahnungslos : Das Werk war nämlich der » patriotischen « Verherrlichung des » Sieges « über China gewidmet , und während ganz Europa unter dem Donner der begeisterten Hipp , Hipp , Hurra und Vivat erzitterte , hatte ich mein armes , kleines , dünnes Stimmchen erhoben und voller Angst gebettelt : » Gebt Liebe nur , gebt Liebe nur allein ! « Das war lächerlich ; ja , das war mehr als lächerlich , das war albern . Ich hatte mich und das ganze Buch blamiert und wurde bedeutet , einzulenken . Ich tat dies aber nicht , sondern ich schloß ab , und zwar sofort , mit vollstem Rechte . Mit dieser Art von Gong habe ich nichts zu tun ! Nun ist es heute an der Zeit , den damals ausgelassenen Schluß hinzuzufügen . Das ist eine Arbeit , die mir Freude bereitet , eine Arbeit , die mir jeden Werktag zum Feiertag machen würde . Und es ist doch heut nicht Wochentag , sondern Sonntag . Die Fenster sind geöffnet , und auch meine Balkontür steht offen , grad so gegen Süden , wie damals die Fenstertür im Kratong zu Kota Radscha , als der malayische Priester von uns Abschied nahm . Es ist ein ebenso heller , sonniger Morgen , wie der damals auf Sumatra . Der Altan trägt ungezählte , blühende Pelargonien ; auf den Tischen stehen herrlich duftende Reseden und Nelken , denn meine Frau , die immer engelsähnliche , weiß ganz genau , wie lieb mir Blumen sind . Von unten herauf steigen die köstlichen Grüße der Marschall Niel- , La france- und Kaiserin Augusta Viktoria-Rosen . Die Blätter der Oelweide flüstern leise . Im leicht geaserten Baumschlag des Ahorn flötet ein