heran , als ob dies Land nicht uns , sondern euch gehöre und wir eure Gäste seien . Ein Gast kommt heut , verweilt einige Zeit und geht dann wieder fort . Er wird Spuren seines kurzen Besuches zurücklassen ; aber wenn er ein verständiger Mann ist , wird er darauf verzichten , unsere Berge umzustürzen und unsere Thäler auszufüllen . Die Erde ist diesem Thale gleich ; der Mensch kommt als ihr Gast . Auch die Völker sind nur Gäste . Sie lassen Spuren davon zurück , daß sie dagewesen sind ; aber die Berge in die Thäler stürzen und die ganze Erde in ein einziges großes Feld verwandeln , auf dem es nichts als allgemeine Gleichheit geben würde , das wird kein noch so großer Mann und kein noch so mächtiges Volk fertig bringen . Und das ist ein Glück . Durch diese Ausgleichung würde alles Leben auf der Erde bald vernichtet werden . - So lautete der eine Gedanke des Ustad . « Er dachte wieder nach und fuhr dann fort : » Du kommst zu uns , um uns diese Gleichheit aufzuzwingen . Du forderst die Vernichtung des Bestehenden . Du sprichst von einer anderen , höheren Kultur . Grad so wie du hat bisher noch jeder Mensch und jedes Volk von der seinigen gesprochen . Und die nach uns kommen , werden von der ihrigen ganz dasselbe sagen ! Du hast das Bauwerk da drüben als häßlich , als sinnlos bezeichnet ; ich aber sage dir , es hat nicht nur Sinn , und zwar einen tiefen , tiefen Sinn , sondern es ist eine ganze , ganze Predigt , eine so gewaltige Predigt , wie du mir wohl keine halten kannst ! Wer hat diesen Bau errichtet ? Etwa ein einziger Meister ? Während kurzer Lebenszeit ? Die Jahrtausende kamen und gingen ; die Völker sind gekommen und gegangen ; die Zeit war mit der Menschheit Gast auf Erden , und jeder Gast hat die Spur von dem zurückgelassen , was er hier in dieser seiner Fremde wollte . Die Menschen , welche hier erschienen und verschwanden , haben einst , da sie noch lebten , hörbare Worte gesprochen ; ein höherer Wille aber trieb sie an , dem vergänglich Hörbaren steinerne Gestalt zu verleihen , um es bleibend sichtbar zu machen . Jeder von ihnen hat geglaubt , daß nur er allein der Weise , der Erleuchtete sei , daß nur er allein das Richtige getroffen habe . Aber nur einer von ihnen , der Erste , baute auf den eigentlichen Grund . Auf was aber setzten die anderen ihre Steine ? Auf das , was sie verwarfen ! Könntest du es anders machen , wenn du bei uns bleiben und da drüben bauen wolltest ? Die Gedanken wären wohl vielleicht von einem anderen Orte ; die Steine aber müßtest du von diesem unserm Berge nehmen , und die Arbeit müßte dir von uns geliefert werden . Nun frage ich dich , welchen Einfluß wohl dieses Material und diese unsere Arbeit auf deine Gedanken haben würden . Zeige mir in den Stockwerken da drüben einen reinen , einheitlichen Stil ! Er fehlt , und darum hast du dieses Haus häßlich genannt . Giebt es überhaupt einen allein echten , einen allein wahren Stil ? Bist du es , der ihn bringt ? Wird in deiner Heimat ganz ausschließlich nur nach ihm gebaut ? Du schweigst . Ich will dasselbe thun ! « Es ist ganz selbstverständlich , daß der gute Tifl nicht so sprach , wie ich seine Aeußerungen hier niederschreibe . Er gab sich alle Mühe , die Ausdrucksweise seines Herrn nachzuahmen , und es war wohl rührend , zu hören , daß ihm das Unmögliche so ganz und gar nicht gelingen wollte . Aber ich hatte da wieder einen hochinteressanten Beweis von dem Einflusse jenes wohlthätigen Geistes , der mit dem geheimnisvollen Herrn des » hohen Hauses « hier bei den Dschamikun eingezogen war . Ich mußte zwar vieles erraten und manches ergänzen , aber die Hauptsache war doch die , daß Tifl den Ustad verstanden hatte und mit mir nun hierüber sprechen konnte . Auf diesem bescheidenen Wege hatte wohl manches tiefe und schöne Wort des greisen , ehrwürdigen Denkers nicht nur im Duar , sondern auch noch weit über ihn hinaus die beabsichtigte Verbreitung gefunden . Der Mund des » Unmündigen « spricht oft wirkungsvoller als die Lippe der Gelehrsamkeit . Als wir den Weg nun fortsetzten , führte er uns aus den Gärten heraus auf eine grüne Alm , die sich bis hinauf zu den Blumensäulen des Beit-y-Chodeh ausbreitete , hinter welchem dann der hohe , von zahlreichen Pfaden durchzogene Wald begann . Der Tempel selbst war , wie bereits längst gesagt , von einem umfangreichen Strauch- und Rosenpark umgeben , den des Schattens und der Winde wegen breitkronige Bäume flankierten . Als wir durch diese Anlage kamen , hätte ich am liebsten anhalten lassen , um aus der Sänfte zu steigen und bewundernd von Strauch zu Strauch , von Busch zu Busch zu gehen . Was für herrliche Rosen waren da zu sehen ! Wie verschieden die Sorten , und wie schön jede einzelne in ihrer Art ! Und zwar in dieser Höhe des Gebirges ! Welche Mühe und Arbeit , welche Liebe und Geduld war nötig gewesen , um alle die duftenden Kinder des Tieflandes und der windesstillen Thäler hier oben zu akklimatisieren ! Mit welchem Verständnisse war der Park angelegt , und wie viel fleißige » Blumenhände « gehörten dazu , ihn so zu erhalten , wie er jetzt vor mir lag ! Ich sah , daß man noch bis in die letzten Stunden mit dem Messer thätig gewesen war , um alles zu entfernen , was sich als unschön oder auch nur überflüssig zeigte . Das Beit-y-Chodeh lag mitten in dieser Herrlichkeit auf einer breiten , weit hervorstehenden und festgegründeten Felsenplatte ; die aus der kompakten Masse des Berges nur zu dem Zwecke hervorgesprungen