französischen Truppen mit ihren Veteranenoffizieren waren technisch überlegen . Aber diesmal war die preußische Oberleitung eine glänzende , und das innige moralische Zusammenwirken der Gemeinen und Offiziere ergab sich aus dem gleichmäßig alle durchlohenden Patriotismus . Es ist also immer der moralische Faktor , die Idee , die siegt - falls sie nur einigermaßen praktisch unterstützt wird . Wie aber soll in gewöhnlichen Zeitläuften durch Militärerziehung dies moralische Element erzielt werden , da weder Offiziere noch Unteroffiziere darauf ausgehen , sich die Liebe ihrer Untergebenen zu erringen ? Nach dieser Theorie würden ja die Chancen des nächsten deutsch-französischen Krieges ungünstig für uns stehen . Denn wie 1870 die technisch ebenbürtige , besser bewaffnete Streitmacht Frankreichs zertrümmert wurde , weil man ein einmüthiges Zusammenwirken der Deutschen durch begeisterte Vaterlandsliebe erreichte - so scheinen die Franzosen diesmal diejenigen , welche ein einmüthiges bestimmtes Ziel haben , während in Deutschland kein Mensch einen ersehnbaren Wunsch und Zweck dabei im Auge hat . Aus diesem Grunde siegen ja oft schlecht bewaffnete ungeübte Haufen in Revolutionskriegen über die ältesten Truppen . Denn wer siegen will und das Leben für nichts achtet , der muß siegen . Diesen Geist kann aber wahrlich keine Erziehung und am wenigsten die militärische , wie sie bei uns getrieben wird , erzeugen ! Wir haben aber oben noch einen andern Punkt berührt , wir sprachen von der Oberleitung . Und da ergiebt sich denn für den Kundigen wiederum die Lächerlichkeit des Offiziersdünkels an sich . Denn nicht die Tüchtigkeit des Offizierskorps entscheidet im Kriege , sondern lediglich die geistige Beschaffenheit des Oberkommandos . Mit schlechten Truppen und Offizieren siegt ein guter Feldherr über gute Truppen und Offiziere unter einem schlechten Feldherrn . Das ist beinahe selbstverständlich . In Anerkennung dieser Thatsache gehen die heutigen Offiziere sogar so weit , daß sie schon die bloße Energie ohne Talent im Oberbefehl für genügend achten , mit schlechten Truppen Gewaltiges zu leisten . Sie verehren Gambetta , dessen Organisationstalent einfach auf rücksichtslos durchgreifende Brutalität sich beschränkt . Goltz und York erklären geradezu , Gambetta habe in seiner Art wenigstens die Hälfte eines großen Feldherrn repräsentirt - Gambetta , der prahlende Charlatan , der schwatzhafte Advokat , dem notorisch selbst die Anfangsgründe militärischen Wissens fehlten , der nicht mal ein Dilettant , sondern ein einfacher Laie genannt werden muß ! So leicht ist es nach Ansicht von Fachmilitärs , ein genügend großer Heerführer eines großen Volkes zu werden , falls man nur überhaupt über das Durchschnittsmaß der Intellekte hinwegragt ! Wie viele Gambettas unter Parlamentarien verborgen schlummern , die nur der Zufall nicht begünstigt - wer weiß es ! Wirklich meint ja auch Carlyle , daß im Grunde alles wahre Genie eins und untheilbar sei , daß Shakespeare der größte Staatsmann , Burns der größte Redner und Reformer u.s.w. geworden wären . Und jedenfalls steht fest , daß die wenigen großen Feldherrn , welche uns die Geschichte zeigt - Cäsar , Napoleon , Cromwell , Friedrich der Große , - nicht durch Selbstbestimmung , sondern durch die Gewalt der Umstände Feldherrn wurden und in allen möglichen andern Gebieten sich zugleich versuchten , wie denn nach Napoleons und Friedrichs Vorgange auch unser Moltke stark litterarische Neigungen aufweist . Alle großen Feldherrn , ohne jede Ausnahme , wurden große Feldherrn , weil sie überhaupt große Männer waren , und jeder bildete sich selbst ohne alle Schule durch eigene Denkthätigkeit und Initiative zum Feldherrn aus . Die » militärische Erziehung « hat also auf das wichtigste Moment des militärischen Erfolges : die Feldherrnerzeugung , nicht den geringsten Einfluß . Sie könnte hier höchstens schädlich wirken , da ihr Grundprinzip , das Nivelliren , die Eigenart niederdrückt und das Prinzip der geduldigen Unterordnung , des Avancements nach Anciennität , das Aufkommen des Genies ohnehin hindert . Daher sind Revolutionszeiten ( siehe die französische Revolution , den amerikanischen Befreiungskrieg und später den Secessionskrieg ) die wahren Pflanzstätten militärischer Begabung , während die berühmte » militärische Erziehung « nur entweder Theoretiker oder Gamaschenhelden erzeugen kann . Wir fragen also nochmals zum Schluß : hat der Größenwahn des neudeutschen Militarismus das Recht , sich mit solcher Wichtigthuerei als Hauptfaktor der Volkserziehung aufzuspielen ? Wir antworten mit einem kräftigen : Nein . Das Soldatenthum ist auf lange Zeit hin ein nothwendiges Uebel und wir nehmen den Offizier mit stiller Resignation als ein unabänderliches Utensil der sittlichen Weltordnung mit in den Kauf . Doch dem Offizier zu den großen äußern Vorrechten seiner Stellung auch noch ein ideales Piedestal zu errichten - diese Zumuthung lehnen wir ruhig , aber entschieden ab . Leonhart machte hier eine kurze Pause , trank ruhig ein Glas Wasser , indem er seinen Blick gleichmüthig über die offenbar mißgestimmte , sich räuspernde und unruhige Versammlung hingleiten ließ und fuhr fort : Wer seine Nation verachtet und das Fremde vergöttert , wie der Deutsche es früher that , verdient , daß er gar kein Vaterland habe . Wer hingegen seine Nation plötzlich als Ausbund aller Tugenden feiert , wie das jetzt nach dem Muster der Franzosen und Engländer in Deutschland beliebt wird , mag für seine Thorheit selber büßen . Denn nicht Patriotismus ist der Grund solch chauvinistischen Selbstgefühls , sondern jene uranfängliche Philisterfaulheit , die sich in dem Unrath ihrer eignen Dummheit ganz behaglich fühlt . Es lebe die Bärenhaut ! Alle Institutionen Deutschlands sind musterhaft . Wer dagegen schwatzt , ist ein Skandalmacher . Ruhe ist die erste Bürgerpflicht . Ueber die zwei Cardinallaster , die zwei Hauptpuppen des speciell preußischen Größenwahns möchte ich hier ein wenig unehrerbietig freveln . Es ist schon gut gesagt worden , angesichts der unglaublichen Phrase , die an Phantastik eines V. Hugo würdig : » Der Schulmeister hat die Schlachten von Königgrätz und Sedan gewonnen « - : » Larifari , der Unteroffizier hat sie gewonnen . « Ja wohl , das klingt wenigstens nach gesundem Menschenverstand . Und dennoch ist auch dies eine ganz vague Behauptung , die sich ins Unendliche fortsetzen ließe . Denn sicher war es weit mehr die