rauhen Kehlen das Hofgesinde . Die Böller krachten , die Hunde bellten - der Leutnant Rudolf Götz hielt sein Kind in den Armen und hätte es fast erdrückt und erstickt ; Ehrn Josias Tillenius hatte sich des Kandidaten Unwirrsch bemächtigt und flüsterte ihm ins Ohr : » Eheu , eheu , sudores et cruces Johannis Unwirrschii ! Ei , ei - ei , ei , das ist sie ? Gott segne dich , Hans - das ist sie ? « » Jaja , das ist sie ! « rief Hans Unwirrsch , und der Leutnant Rudolf wiederholte dasselbe und legte das Fränzchen in die Arme des alten Pfarrherrn von Grunzenow . Der Oberst schritt von einem zum andern und schüttelte sich und den Freunden fast die Hand ab . Grips zog grinsend den Mund bis zu beiden Ohren auseinander und beleuchtete die Gruppe als gerührter Statist . Da war der große , alte Saal des Hauses Grunzenow ! Die beiden riesenhaften holländischen Kachelöfen glühten - ein riesenhafter Christbaum glänzte im Schein von hundert Wachslichtern - Weihnacht , Weihnacht ! Ein solches Weihnachtsfest hätte das Haus Grunzenow seit hundert Jahren nicht erlebt . Unter der Weihnachtstanne saß Fränzchen Götz , umgeben von den drei greisen Männern , und ein liebliches Bild war ' s. Die altersschwarzen Jägerbilder auf den Tapeten schienen zu lächeln , es lächelten aus ihren dunkeln Rahmen die grimmigen Herren und die zierlichen Frauen von Bullau , und Hans Unwirrsch lächelte auch , aber durch Tränen . Viel war nun zu bereden - Vergangenes und Zukünftiges - , doch jetzt mußte sich ja eine Zeit für alles finden , für Leben und Tod , wie der Oberst von Bullau sagte ! Weihnacht , Weihnacht - das Fränzchen unter dem Christbaum zu Grunzenow an der Ostsee ! Wenn der Kandidat Unwirrsch am nächsten Morgen nicht in der Grinsegasse vier Treppen hoch unter dem Dach erwachte , so hatte sich der Ring seines Glückes geschlossen . Vierunddreißigstes Kapitel Das Meer und nicht die große Stadt bewegte sich rauschend am andern Morgen vor den Fenstern Hans Unwirrschs ; doch wollte er es anfangs nicht glauben . Lange vor seinem Erwachen redete das Meer in seine Träume hinein , und ihm träumten wunderliche Dinge . Die ganze Nacht hindurch hatte er sich gegen das rätselhafte Sausen und Brausen zu wehren , das in der Ferne sich erhob und heran- und heraufschwellend ihn zu ersticken drohte . Die ganze Nacht hindurch kämpfte er gegen dieses geheimnisvolle Etwas , dieses Gewirr von tausend und aber tausend Stimmen , in dem seine eigene Stimme so machtlos verklang wie der Hülferuf eines Kindes im wildesten Orkan . Es war wie eine Erlösung , als er endlich erwachte und nicht mehr zweifeln durfte , daß er die See höre und nicht das Geräusch der Welt , durch die ihn sein Lebensweg geführt hatte . Nachdem es ihm zur Gewißheit geworden war , daß er sich unter dem Dach der Hungerpfarre zu Grunzenow und nicht in der Grinsegasse oder gar in dem Hause in der Parkstraße befinde , lag er noch eine geraume Zeit mit halbgeschlossenen Augen und überließ sich dem wonnigen Gefühl des sichern Glückes und den süß-wehmütigen Gedanken und Erinnerungen , die immer und immer so unauflöslich mit diesem Gefühl verbunden sind . Der Augenblick , der dem Menschen seinen Gewinn zeigt , lehrt ihn auch seinen Verlust am deutlichsten erkennen . Wie viele treue Herzen und warme Hände fehlen uns immer in der besten Stunde ! Es war noch ganz dunkel , als Hans erwachte , nur der Schnee erhellte ein wenig die Nacht ; Hans brauchte nicht die Schatten der Toten mit Blut zu tränken , um ihnen Stimme zu geben , er brauchte sie nicht zu rufen , sie kamen freiwillig ; - er aber legte ihnen Rechenschaft ab an diesem Christmorgen . Ein gebeugter hagerer Mann , mit mildem , ernst-heiterm Gesicht , stand vor seinem geistigen Auge - der Meister Anton Unwirrsch , der so großen Hunger nach dem Licht gehabt hatte und der in seinem Sohne sein Dasein , seine Wünsche und Hoffnungen vollenden wollte » O Vater « , sagte Johannes , » ich bin den Weg gegangen , den du mir gewiesen hast , und habe mich in harter Arbeit abgemüht , die Wahrheit zu erfassen . Viel habe ich geirrt , und Ratlosigkeit und Kleinmut haben mich oft erfaßt - ich habe nicht mit stetigem Schritte vorwärts schreiten können . Die Welt war mir ein zu großes Wunder , als daß ich so keck und kühn wie andere nach ihren Schleiern und Hüllen greifen konnte ; - sie erschien mir zu ernst und feierlich , als daß ich ihr gleich andern mit Lächeln entgegentreten konnte . Vater , wer aus so armen , niedern Häusern kommt wie wir , dem darf man es nicht vorwerfen , wenn er die erste Strecke seines Weges nur scheu und zögernd zurücklegt , wenn ihn Nichtigkeiten blenden , wenn ihn falsche Trugbilder verwirren , wenn ihn Irrlichter verlocken . Vater , wer unter so niederm Dach hervortritt wie wir , der muß im Guten oder im Bösen ein starkes Herz haben , um nicht , nach , den ersten Schritten aufwärts , wieder umzukehren und in der Tiefe sein dunkles Leben weiterzuführen . Selbst die ersten Kenntnisse und Erfahrungen , die er erwirkt , dienen nur dazu , den Einklang seines Wesens zu zerstören ; sie machen ihn nicht glücklich . Zu allen andern Zweifeln erwecken sie ihm noch den Zweifel an sich selber . O Vater , Vater , es ist schwer , ein rechter Mensch zu sein und jedem Dinge sein rechtes Maß zu geben ; wer aber mit der Sehnsucht danach in der Tiefe geboren wird , der wird doch eher dazu kommen als jene , die zwischen Gipfel und Niederung erwachen und denen das Oben wie das Unten gleich unbekannt und gleichgültig bleibt . Aus der Tiefe steigen die Befreier der Menschheit ; und wie die Quellen