gegen sich selbst , nach Art der Heiligen , unerbittliche Bußstrenge , und gegen andere , welche bei ihm Rat und Trost in ihren Drangsalen suchten , liebevolle Barmherzigkeit . Himmlische Erleuchtungen wurden ihm zu teil ; er wendete sie an , um das Reich Gottes in den Seelen zu fördern . Böse Buben haben zu keiner Zeit , nicht im ersten , nicht im neunten , nicht im neunzehnten Jahrhundert , die Heiligen geliebt . Böse Buben erschlugen Meinrad , der sie gastfreundlich beherbergt hatte . Die Legende - diese poetische Arabeske um ein historisches Gemälde - berichtet : zwei Raben , die Gefährten Meinrad ' s in der Einöde , wären den Mördern auf Schritt und Tritt mit wütendem Geschrei und wilden Flügelschlägen durch Berg und Tal , über den See bis in ein Gasthaus der Stadt Zürich nachgeflogen ; und dadurch sei die Missetat entdeckt worden . Das Gasthaus heißt bis zur Stunde zu den beiden Raben , und die Abtei hat sie in ihr Wappen aufgenommen . Meinrad ' s Zelle mit dem Muttergottesbilde blieben in hoher Verehrung und andächtige Menschen kamen von nah und fern , um auf der Stätte zu beten , wo er so viel gebetet hatte , und um in geistiger Gemeinschaft mit ihm und mit allen Seligen , unter denen die allerseligste Jungfrau Maria obenan steht , um Gottes Gnade zu weinen und zu flehen , und für Gottes Barmherzigkeit zu preisen und zu danken . So wurde die Meinradszelle ein vielbesuchter Wallfahrtsort , wo auf Fürbitte des Heiligen und der Muttergottes große Gebetserhörungen stattfanden . Bald fand sich ein frommer und reicher Mann , der sein ganzes Vermögen dazu verwendete , den geistigen Bedürfnissen der Pilger entgegen zu kommen . Er kaufte diesen Landstrich , baute Meinrad ' s Zelle zum Kloster , Meinrad ' s Oratorium mit dem Muttergottesbild zu einer Kirche aus , fand gottselige Genossen , welche bereit waren , den Seelen zu dienen , nahm mit ihnen die Benediktinerordensregel an , und nannte das Kloster von Unserer Lieben Frau zu Einsiedeln , woraus denn der gegenwärtige Name entstanden ist . Dieser Mann hieß Eberhard und wurde der erste Abt des Klosters . Als der Bau vollendet war , bat Eberhard den Bischof Konrad von Konstanz , die feierliche Einweihung der Kirche vorzunehmen und die Stätte zu segnen , wo fortan die göttlichen Geheimnisse des Glaubens vollzogen werden sollten . Bischof Konrad kam und brachte die Nacht vor der großen Zeremonie mit Gebet und Wachen hin . Plötzlich hört er einen wundersüßen Psalmengesang , der aus der Kirche zu kommen scheint . Er horcht , er verläßt seine Zelle ; der Gesang dauert fort . Er eilt zur Kirche , öffnet die Türe - ein Meer von Licht flutet ihm entgegen und in diesem Licht sieht er Gestalten , welche freilich unsere trüben , von irdischen Bildern verdunkelten Augen nicht wahrnehmen können . Auf dem festlich erleuchteten Altar steht die Mutter Gottes von Strahlen umflossen , und vor dem Altare , bekleidet mit den hohenpriesterlichen Gewändern , bringt Christus der Herr das heilige Opfer dar . Die vier Evangelisten assistieren ; St. Petrus hält den bischöflichen Hirtenstab , St. Gregorius die Mitra , St. Ambrosius bringt den Opferwein dar und St. Augustinus den Weihrauch ; St. Stephanus liest die Epistel , St. Laurentius das Evangelium und Erzengel Michael , der Anführer der himmlischen Heerscharen , singt mit allen Engeln , welche Palmenzweige und Rauchfässer schwingen , das Offizium der Kirchweihe . « » Das ist ja wunderschön , Lelio ! das sieht ja aus wie eine jener himmlischen Visionen , die Fra Angeliko gemalt hat ! « rief Judith . » Nur schade , daß diese Arabeske die historische Wahrheit überwuchert ! « » Ich erfinde nichts ! ich berichte nur die Tradition , « erwiderte Lelio ; » aber die Tradition bildet ein großes und wahrhaftes Stück Welthistorie , denn sie faßt immer den Zusammenhang der natürlichen Weltordnung mit der übernatürlichen auf , ohne welchen Zusammenhang alle Wahrheit aus der Weltgeschichte verschwindet und sie zu einem öden Schattenspiel herabsinkt . - Bischof Konrad teilte dem Abt Eberhard am anderen Morgen die nächtliche Feierlichkeit mit und weigerte sich , die Einweihung der Kirche vorzunehmen . Aber man hielt ihn für einen frommen Visionär und bestand auf die Einweihung . Nachdem er lange umsonst Widerstand geleistet hatte , mußte Konrad nachgeben und die Zeremonie sollte beginnen , als plötzlich eine Stimme , die alle hörten und die allen unbekannt war , ihm zurief : Halt ein ! sie ist geweiht . Diese wunderbare Begebenheit erlebten tausende ; die Zeitgenossen glaubten sie , die Tradition bewahrte sie , päpstliche Bullen bestätigten sie - und Einsiedeln wurde mehr und mehr eine Stätte , auf der es Gott gefiel , große Gnaden und ungewöhnliche Gebetserhörungen an die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria zu knüpfen . Kein Tag verging , der nicht Pilger nach Einsiedeln geführt hätte . In ungeheuren Massen strömten sie herbei am Jahrestage des wunderbaren Ereignisses , das die Benennung die Engelweihe empfing . Ohne recht zu wissen wie , war ich am Vorabend dieses festlichen Tages , der auf den 14 September fällt , zwischen Scharen von Wallfahrern nach Einsiedeln gelangt - ich , ein feuriger Jünger und Apostel der Offenbarung des neunzehnten Jahrhunderts , deren Glaubensbekenntnis für jeden einzelnen lautet : Es ist kein anderer Gott als Gott - und der bin Ich ! Glänzender Fortschritt gegen das Glaubensbekenntnis des Islams , welches auch sagt : Es ist kein anderer Gott , als Gott ; aber dann ganz bescheiden hinzusetzt : Und Muhamed ist sein Prophet ! also noch eine andere Autorität festsetzt , als die des Selbstherrschers Ich Aber Fortschritt muß sein , und da das erste Jahrhundert zum siebenten und das siebente zum neunzehnten fortgeschritten ist , kann die Menschheit doch unmöglich beim Glaubensbekenntnis der Apostel Christi und der Anhänger Muhamed ' s stehen bleiben . Darin sind wir ja längst übereingekommen , nicht wahr