schöner und menschlich richtiger - so schien es mir wenigstens - , als sie jetzt vorkommen . Die Stirnen , die Nasen , die Lippen waren strenger , ungekünstelter , und schienen der Ursprünglichkeit der menschlichen Gestalt näher . Dies war selbst bei den Abbildungen der Greise der Fall , und sogar da , wo man vermuten durfte , das abgebildete Haupt sei das Bildnis eines Menschen , der wirklich gelebt hat . Es konnte diese Gestaltung nicht Eingebung des Künstlers sein , da offenbar die Steine verschiedenen Zeiten und verschiedenen Meistern angehörten ; sie mußte also Eigentum jener Vergangenheit gewesen sein . Die Köpfe der Frauen waren auch schön , oft überraschend schön ; sie hatten aber auch etwas Eigentümliches , das sich von unsern gewohnten Vorstellungen entfernte , sei es in der Art , das Haupthaar aufzustecken und es zu tragen , sei es , wie sich Stirne und Nase zeigten , sei es im Nacken , im Halse , im Beginne der Brust oder der Arme , wenn diese feile noch auf dem Bilde waren , sei es in dem uns fernliegenden Ganzen . Allgemein aber waren diese Köpfe kräftiger und erinnerten mehr an die Männlichkeit als die unserer heutigen Frauen . Sie erschienen dadurch reizender und ehrfurchterweckender . Die Ausführung dieser Abbildungen zeigte sich so rein , so entwickelt und folgerichtig , daß man nirgends , auch nicht im Kleinsten , versucht wurde , zu denken , daß etwas fehle , ja daß man im Gegenteile die Gebilde wie Naturnotwendigkeiten ansah , und daß einem in der Erinnerung an spätere Werke war , diese seien kindliche Anfänge und Versuche . Die Künstler haben also große und einfache Schönheitsbegriffe gehabt , sie haben sich diese aus der Schönheit ihrer Umgebung genommen , und diese Schönheit der Umgebung durch ihre Schönheitsbegriffe wieder verschönert . So sehr mir die Bilder des Vaters gefielen , so sehr mir die Bilder meines Gastfreundes gefallen hatten , so sehr wurde ich , wie ich durch die Marmorgestalt meines Gastfreundes ernster und höher gestimmt worden war als durch seine Bilder , auch durch die geschnittnen Steine meines Vaters ernster und höher gestimmt als durch seine Bilder . Er mußte das fühlen . Er sagte nach einer Weile , da wir die Steine angeschaut hatten , da ich mich in dieselben vertieft und manchen mehrere Male in meine Hände genommen hatte : » Das , was die Griechen in der Bildnerei geschaffen haben , ist das Schönste , welches auf der Welt besteht , nichts kann ihm in andern Künsten und in späteren Zeiten an Einfachheit , Größe und Richtigkeit an die Seite gesetzt werden , es wäre denn in der Musik , in der wir in der Tat einzelne Satzstücke und vielleicht ganze Werke haben , die der antiken Schlichtheit und Größe verglichen werden können . Das haben aber Menschen hervorgebracht , deren Lebensbildung auch einfach und antik gewesen ist , ich will nur Bach , Händel , Haydn , Mozart nennen . Es ist sehr schade , daß von der griechischen Malerei nichts übrig geblieben ist als Teile von dem , was in dieser Kunst immer als ein untergeordneter Zweig betrachtet worden ist , von der Wandmalerei und Gebäudeverzierung . Da die griechische Dichtkunst das Höchste ist , was in dieser Kunstabteilung besteht , da ihre Baukunst als Muster einfacher Schönheit besonders für die Gestaltungen ihres Landes gilt , da ihre Geschichtschreiber und Redner kaum ihres Gleichen haben , so ist anzunehmen , daß ihre Malerei auch diesen Dingen gleichgeartet gewesen sein müsse . Sie sprechen in Schriften , die bis auf unsere Tage gekommen sind , von ihren Bauwerken , von ihrer Weltweisheit , Geschichtschreibung , Dichtkunst und Bildnerkunst nicht höher als von ihrer Malerei , ja nicht selten scheint es , als zögen sie diese noch vor , also muß auch sie vom höchsten Belange gewesen sein ; denn es ist nicht anzunehmen , daß Schriftsteller , die doch endlich der Ausdruck , wenn auch der gehobene , ihrer Zeit und ihres Volkes sind , so feine Kenntnisse und so feines Gefühl in andern Künsten gehabt haben und für Fehler der Malerei blind gewesen wären . Wahrscheinlich würden wir uns an Strenge und Rundung in ihrer Malerei ergötzen und sie bewundern , wie wir es mit ihren Bildsäulen tun . Ob wir an ihnen für unsere Malerei etwas lernen könnten , weiß ich nicht , so wie ich nicht weiß , wie viel es ist , was wir an ihrer Bildhauerei gelernt haben . Diese Steine sind durch viele Jahre mein Vergnügen gewesen . Oft in trüben Stunden , wenn Sorgen und Zweifel das Leben seines Duftes beraubten und es dürr vor mich hinzubreiten schienen , bin ich zu dieser Sammlung gegangen , habe diese Gestalten angeschaut , bin in eine andere Zeit und in eine andere Welt versetzt worden , und bin ein anderer Mensch geworden . « Ich sah meinen Vater an . Hatte ich früher schon oft Gelegenheit gehabt , ihn hoch zu achten , und hatte ich zu verschiedenen Zeiten entdeckt , daß er bedeutendere Eigenschaften besitze , als ich geahnt hatte , so war ich doch nie in der Lage , ihn beurteilen zu können , wie ich ihn jetzt beurteilte . In Geschäfte der eintönigsten Art gezwungen , oder vielleicht selber und freiwillig in diese Geschäfte gegangen - denn er führte sie mit einer Ordnung , mit einer Rechtlichkeit , mit einer Ausdauer , mit einer Anhänglichkeit an sie , daß man staunen mußte - , hatte er , der unscheinbar seinen bürgerlichen Obliegenheiten nachkam , und von dem viele nur glauben mochten , daß er in seinem Hause einige Spielereien von alten Geräten , Bildern und Büchern habe , vielleicht einen tieferen und einsameren Kreis um sich gezogen , als ich jetzt noch erkennen konnte , und hatte ohne Anspruch an diesem Kreise fort gebaut . Ich empfand Ehrfurcht vor ihm , und fragte ihn , ob er die Schriftsteller , von denen