Witwersbett . Der Geächtete ging nach der einzigen Heimat , die er noch in seinem Vaterorte hatte , obwohl auch diese für ihn unzuverlässig geworden war . Er drückte den Riegel der Hintertüre , den Finger durch die Türspalte drängend , leise zurück , und nach wenigen Augenblicken stand er vor dem Bette seiner Schwiegermutter . Auch dieser drang ein eisiger Schreck durch die Gebeine , als sie , plötzlich erwachend , in ungewissem Sternenlichte eine geisterhafte Gestalt mit aufgehobenem Finger vor sich stehen sah und alsbald ihren verratenen Schwiegersohn erkannte . » Welchen Judaslohn habt Ihr für die Auslieferung gekriegt ? « fragte er . Sie vermaß sich mit den höchsten Schwüren , daß sie weder etwas bekommen noch etwas verdient habe und daß der Überfall ihr selbst ganz unversehens gekommen sei . Er ließ den Verdacht , der mehr in seinem Gemüt als an bestimmten Beweisen haftete , auf sich beruhen und weckte seinen Knaben . Der Kleine lächelte ihn mit halboffenen Augen wie im Traume an . » Da siehst , Friederle , daß dein Vater frei ist . Brauchst dich nicht zu grämen . Willst mit ? « » Er wird doch nicht das Kind durch die Wälder rumschleifen wollen ! « rief die Alte lebhaft . » Ein Vater kann sein ' Buben in dem Alter noch nicht pflegen . « » Er hat ja seine Mutter « , antwortete er . » Sie ist frei und wohl aufgehoben . « » Gott sei Lob und Dank ! « rief die Alte , sei es , daß eine menschliche Regung sie erfaßt hatte oder daß sie ihn in guter Laune zu erhalten trachtete . » Aber wenn auch ! « fuhr sie fort , » das ist kein Leben für ein Kind , und mein Hühneraug sagt mir , daß noch einmal Schnee fällt . Laß Er mir nur den Buben da , ich geb ihn nicht her . « Sie kannte ihn wohl und hatte die rechte Saite getroffen . » Wenn Ihr eine gute Ahne seid « , sagte er , » so will ich fünfe grad sein lassen . Aber fahret mir säuberlich mit den Kindern , das sag ich Euch . Wo ich auch bin , mein Aug zielt immer daher , und ich weiß immer , wie ' s bei Euch steht , so gut als wenn ich gegenwärtig wär . « Er küßte die Kinder , von welchen das kleinere ruhig fortschlief , und wandte sich zum Gehen . » Ich will noch einmal mit dem Sonnenwirt wegen der Auswanderung reden « , rief ihm die Alte nach . » Wo Er sich mit der Christine aufhält , will ich nicht fragen , damit Er nicht wieder mißtrauisch wird . Er kann sich ja von Zeit zu Zeit erkundigen oder durch vertraute Leut anfragen lassen . Und halt Er sich nicht hier auf , das Klima ist nicht gesund für Ihn . « » Schon recht , aber erst tu ich noch einen Tuck « , antwortete er und war verschwunden . Die Alte fuhr unter die Decke und murmelte ein langes Dankgebet für ihr glückliches Entrinnen . Am anderen Tage geriet der Flecken in eine unaussprechliche Aufregung , als man die Begebenheiten der verflossenen Nacht erfuhr . Außer dem Besuche bei dem Bäcker , der infolge der erlittenen Schrecknisse krank darniederlag , hatte der Sonnenwirtle noch ein weit tolleres Stück verübt . Er war auf unerklärliche Weise in das Haus seines Todfeindes , des Fischers , eingedrungen , hatte diesen nebst dessen Frau aus ihrem zweischläfrigen Bette aufgescheucht , sich ' s auf demselben bequem gemacht und das Ehepaar mit vorgehaltenem Gewehr gezwungen , ihm die ganze Nacht Gesellschaft zu leisten . Kochend vor Wut , hatte der Fischer es gleichwohl nicht wagen dürfen , einen Fuß zu rühren oder einen Laut von sich zu geben , und war der Gewehrmündung des schwergereizten Feindes , so wie einem bitter höhnenden Witze eine endlose Nacht hindurch preisgegeben gewesen , während nicht weit davon auf dem Rathause für die allgemeine Sicherheit gewacht wurde . Vor Tagesanbruch hatte der Eindringling das Haus unter den gräßlichsten Drohungen und mit feierlicher Wiederholung des Schwures , daß er den nächsten Angriff unnachsichtlich mit einer Kugel bestrafen werde , verlassen , ohne jedoch dem Fischer ein Haar gekrümmt zu haben , und zufrieden mit der Angst , die er ihn hatte ausstehen lassen . Im Fortgehen aus dem Flecken hatte er sich sodann noch dem oberen Müller ins Andenken geschrieben , indem er ihn mit einem Schuß durch das Fenster begrüßte , der aber , da er von unten nach oben ging und in die Decke schlug , nicht in gefährlicher Absicht versendet sein konnte . Von diesem Tage an wurde der ausgestoßene Sohn des Sonnenwirts von dem im Banne des tiefsten Aberglaubens befangenen Volk zum Helden einer Sage erhoben , welche sein wunderbares Entkommen aus Mauern und Banden dem Bunde mit der Hölle zuschrieb . Der Amtmann war in Verzweiflung , da dieser Hexenglaube vollends alle Tatkraft lähmte und den zur Rache entflammten Flüchtling , dessen hellem Geiste sich hier ein neues Schreckmittel darbot , zum unumschränkten Herrn des Fleckens zu machen drohte . Der Fischer und der Müller , dem sein Knecht blindlings folgte , erholten sich zuerst von den Schrecken jener Nacht , indem bei ihnen die Wut über den Aberglauben siegte . Besonders wurde der Fischer durch die Spöttereien des von ihm herausgeforderten Invaliden aufgestachelt , welcher keine Gelegenheit vorüberließ , auf die heimlichen Gastfreunde , die der Sonnenwirtle im Flecken habe , anzuspielen ; und er beteuerte sich zu wiederholten Malen , daß er einen Schuß an die ausgesetzten hundert Gulden rücken wolle , verschwor sich auch förmlich mit den beiden anderen Teilhabern seiner Rache , dem Verhaßten aufzupassen und ihn lieber tot als lebendig dem Amte zu überliefern . Die übrigen Bürger aber fühlten wenig Lust , es mit einem Zauberer aufzunehmen , der vor seinen Verfolgern sich in