fielen die goldenen Früchte des achtzigjährigen Lebens auf das schönste auseinander , verbreiteten sich über das Ruhbett und fielen über dessen Rand auf den Boden , daß ich alle Hände voll zu tun hatte , den Reichtum zusammenzuhalten . Ich entfernte mich von selber Stunde an nicht mehr vom Lotterbettchen und las dreißig Tage lang , indessen es noch einmal strenger Winter und wieder Frühling wurde ; aber der weiße Schnee ging mir wie ein Traum vorüber , den ich unbeachtet von der Seite glänzen sah . Ich griff zuerst nach allem , was sich durch den Druck als dramatisch zeigte , dann las ich alles Gereimte , dann die Romane , dann die Italienische Reise , dann einige künstlerische Monographien , und als sich der Strom hierauf in die prosaischen Gefilde des täglichen Fleißes , der Einzelmühe verlief , ließ ich das Weitere liegen und fing von vorn an und entdeckte diesmal die einzelnen Sternbilder in ihren schönen Stellungen zueinander und dazwischen einzelne seltsam glänzende Sterne , wie den Reineke Fuchs oder den Benvenuto Cellini . So hatte ich noch einmal diesen Himmel durchschweift und vieles wieder doppelt gelesen und entdeckte zuletzt noch einen ganz neuen hellen Stern Dichtung und Wahrheit . Ich war eben mit diesem einmal zu Ende , als der Trödler hereintrat und sich erkundigte , ob ich die Werke behalten wolle , da sich sonst ein anderweitiger Käufer gezeigt habe . Unter diesen Umständen mußte der Schatz bar bezahlt werden , was weit über meine Kräfte ging ; die Mutter sah wohl , daß er mir etwas Wichtiges war , aber mein dreißigtägiges Liegen und Lesen machte sie unentschlossen , und darüber ergriff der Mann wieder seine Schnur , band die Bücher zusammen , schwang den Pack auf den Rücken und empfahl sich . Es war , als ob eine Schar glänzender und singender Geister die Stube verließen , so daß diese auf einmal still und leer schien ; ich sprang auf , sah mich um und würde mich wie in einem Grabe gedünkt haben , wenn nicht die Stricknadeln meiner Mutter ein freundliches Geräusch verursacht hätten . Ich machte mich ins Freie ; die alte Bergstadt , Felsen , Wald , Fluß und See und das formenreiche Gebirge lagen im milden Schein der Märzsonne , und indem meine Blicke alles umfaßten , empfand ich ein reines und nachhaltiges Vergnügen , das ich früher nicht gekannt . Es war die hingebende Liebe an alles Gewordene und Bestehende , welche das Recht und die Bedeutung jeglichen Dinges ehrt und den Zusammenhang und die Tiefe der Welt empfindet . Diese Liebe steht höher als das künstlerische Herausstehlen des einzelnen zu eigennützigem Zwecke , welches zuletzt immer zu Kleinlichkeit und Laune führt ; sie steht auch höher als das Genießen und Absondern nach Stimmungen und romantischen Liebhabereien , und nur sie allein vermag eine gleichmäßige und dauernde Glut zu geben . Es kam mir nun alles und immer neu , schön und merkwürdig vor , und ich begann , nicht nur die Form , sondern auch den Inhalt , das Wesen und die Geschichte der Dinge zu sehen und zu lieben . Obgleich ich nicht stracks mit einem solchen fix und fertigen Bewußtsein herumlief , so entsprang das nach und nach Erwachende doch durchaus aus jenen dreißig Tagen , so wie deren Gesamteindrucke noch folgende Ergebnisse ursprünglich zuzuschreiben sind . Nur die Ruhe in der Bewegung hält die Welt und macht den Mann ; die Welt ist innerlich ruhig und still , und so muß es auch der Mann sein , der sie verstehen und als ein wirkender Teil von ihr sich widerspiegeln will . Ruhe zieht das Leben an , Unruhe verscheucht es ; Gott hält sich mäuschenstill , darum bewegt sich die Welt um ihn . Für den künstlerischen Menschen nun wäre dies so anzuwenden , daß er sich eher leidend und zusehend verhalten und die Dinge an sich vorüberziehen lassen als ihnen nachjagen soll ; denn wer in einem festlichen Zuge mitzieht , kann denselben nicht so beschreiben wie der , welcher am Wege steht . Dieser ist darum nicht überflüssig oder müßig , und der Seher ist erst das ganze Leben des Gesehenen , und wenn er ein rechter Seher ist , so kommt der Augenblick , wo er sich dem Zuge anschließt mit seinem goldenen Spiegel , gleich dem achten Könige im Macbeth , der in seinem Spiegel noch viele Könige sehen ließ . Auch nicht ohne äußere Tat und Mühe ist das Sehen des ruhig Leidenden , gleichwie der Zuschauer eines Festzuges genug Mühe hat , einen guten Platz zu erringen oder zu behaupten . Dies ist die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit unserer Augen . Ferner ging eine Umwandlung vor in meiner Anschauung vom Poetischen . Ich hatte mir , ohne zu wissen wann und wie , angewöhnt , alles , was ich in Leben und Kunst als brauchbar , gut und schön befand , poetisch zu nennen , und selbst die Gegenstände meines erwählten Berufes , Farben wie Formen , nannte ich nicht malerisch , sondern immer poetisch , so gut wie alle menschlichen Ereignisse , welche mich anregend berührten . Dies war nun , wie ich glaube , ganz in der Ordnung , denn es ist das gleiche Gesetz , welches die verschiedenen Dinge poetisch oder der Widerspiegelung ihres Lebens wert macht ; aber in bezug auf manches , was ich bisher poetisch nannte , lernte ich nun , daß das Unbegreifliche und Unmögliche , das Abenteuerliche und Überschwengliche nicht poetisch sind und daß , wie dort die Ruhe und Stille in der Bewegung , hier nur Schlichtheit und Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gestalten herrschen müssen , um etwas Poetisches oder , was gleichbedeutend ist , etwas Lebendiges und Vernünftiges hervorzubringen , mit einem Wort , daß die sogenannte Zwecklosigkeit der Kunst nicht mit Grundlosigkeit verwechselt werden darf . Dies ist zwar eine alte Geschichte , indem man schon im Aristoteles ersehen kann , daß seine stofflichen Betrachtungen