aufführen läßt ? Sie ist nicht fromm , Anna von Harder , aber sie liebt alles Das , was zur Frömmigkeit gehört . Diese Akademieen ... Bitte ! bitte ! unterbrach Dankmar die Mittheilung des schönen neckenden Mädchens , das sich , wie wir hören , auch nöthigenfalls selbst persifliren konnte . Sie sagen da ein Wort , das wiederholt zu werden verdient . Nicht selbst fromm sein , aber Alles lieben , was zur Frömmigkeit gehört ? Ich weiß es kaum anders auszudrücken ... Sie bezeichnen damit eine Geistesrichtung , die ziemlich allgemein verbreitet ist und mir sehr gefährlich erscheint ... Es ist die der Schwanenjungfrauen und Diakonissen , sagte Melanie . Allein spotten wir nicht ! Anna von Harder ist keine Mäuseburg , keine Trompetta ... Sie hat in ihrer Jugend die tiefsten Herzensprüfungen bestanden ... ergänzte die Mutter . Und weiß noch jetzt , was ein Herz ist ! fiel Melanie ein , sich vielleicht irgend einer vergangenen Scene mit ihr entsinnend . Aber die Musiken in Tempelheide sind darum doch lächerlich ! meinte Lasally . Wer sagt Das ? fragte Melanie . Hauptmann Thielo sagt ' s , Rittmeister Konnewitz ... fragen Sie , wen Sie wollen . Diese competenten Richter ! Sie sind komisch , diese Musiken , aber Thielo und Konnewitz sind die ernsthaften Menschen nicht , die sie komisch finden dürfen . Fräulein , Sie überbieten sich in geistreichen Aperçus , fiel Dankmar ein . Sie sagten eben wieder ein Wort , das ich bewundere . Es kann Etwas lächerlich sein , aber nicht Jeder hat das Recht , es lächerlich zu finden . Wie erscheinen denn Ihnen diese Musiken ? Im Grunde , sagte Melanie mit den Augen blinzelnd und schelmisch , im Grunde ganz ebenso wie dem Thielo und Konnewitz ... aber ... Man wollte dies » Aber « nicht hören . Man wollte wissen , warum Melanie diese Musiken komisch fände . Nun ... Denken Sie sich nur die ewige alte classische Musik , sagte sie . Nie etwas Weltliches ! Ewig und ewig : Heil dir Israel ! und Jauchze , Juda ! und so Alles durch , was die alten Maestri und die Neuern nur in diesem Stil componirt haben . Mit Trompeten und Pauken in großen Kirchenräumen macht sich Das prächtig , aber so mit dünnem Klaviergeklimper begleitet und die oft achtstimmigen , ganz labyrinthisch verwickelten Fugen von zimperlichen Chören gesungen - ich gebe Ihnen mein Wort , man wird vom Zählen allein schon confus , wie sehr erst von dem Durcheinander , wo der Eine Juda ! der Andere Israel ! der Dritte Jerusalem ! jauchzt und das kleine quiekende Klavierchen dazwischen summt und summt und summt ... Mir ist manchmal in dem Chaos das Notenblatt vor Schreck aus der Hand gefallen , aber die Andern stürmten fort wie die Makkabäer , und die gute Anna , die das Ganze am Klavier dirigirte , verlor fast die Besinnung , bis wir zuletzt am Finale ankamen und wie ankamen ! Der Eine um acht Takte zu früh , der Andere um zwölf zu spät . Kurz es sind geistliche Charivaris ... Die aber doch sehr belustigend gewesen sein müssen , sagte Dankmar , über diese Schilderung lachend ; warum haben Sie sie aufgegeben ? Ja ! Sie waren drollig , fuhr Melanie fort . Denken Sie sich nur , wenn Sie sie kennen , die dicke kleine Trompetta ; denken Sie sich diese Frau mit glühender Andacht im Chor ihre Altstimmen zusammen halten und die Flottwitz immer wie in höhern Sphären und ihre blonden Tirebouchons wie eine Löwin vom Stamme Juda schüttelnd , als wollte sie die Demokratie radical zu Grunde singen ... Die Herren sind theils junge Assessoren , theils Lieutenants , drei Brüder der Flottwitz allein schon , und der Vierte , der noch in der Cadettenschule ist , würde sich auch schon angeschlossen haben , aber seine Stimme setzt sich eben ... Melanie lachte ausgelassen . Ich habe von diesen Akademieen gehört , besann sich Dankmar . Der alte Präsident soll sie sehr lieben ... Dankmarn wurde nämlich erinnerlich , daß sich Einige seiner juristischen Collegen der besondern Protection dieses ehrwürdigen Greises erfreuten , weil sie gute Stimmen hatten ... Gewiß liebt er diese Concerte , aber nicht der Musik wegen ! sagte Melanie . Weswegen denn ? Das sollen Sie erfahren und zugleich den Grund , warum ich ausgetreten bin . Ich fühlte nämlich allerdings , daß ich weltliches Kind den anwesenden Damen nicht begeistert genug für diese Art von Musik vorkam . Ich singe herzlich schlecht , aber Das weiß ich , ich zähle gut . Und eigentlich ist Das bei diesen Motetten und Oratorien die Hauptsache . Die Flottwitz gerieth nun beim Zählen immer ins Schwanken . Sie zerstreute sich , wenn 38 oder 49 über einem Pausenzeichen stand und wir blos von Anna von Harder ' s Blick abhängig waren , um uns wieder bis zu unserm Anfang zurechtzufinden . Die Flottwitz sah nämlich bei einer solchen großen runden Zahl gleich auf die Achselklappen ihrer Brüder und verlor sich in Betrachtungen über die Zahlen der Regimenter , die auf den Knöpfen derselben zu lesen stehen . Wahrhaftig , sie war weit mehr beim 38sten und 49sten Linien-Infanterieregiment , als bei dem Chor der Pharisäer und Schriftgelehrten , den wir mit 38 und 49 Taktpausen als Mädchen vom Stamme Benjamin oder Ruben ablösen mußten . Nein , nein , zählen konnt ' ich wirklich ganz allein , und Takt glaub ' ich immer zu haben . Aufrichtig , ich sehnte mich nach frischerer , lebendigerer Musik , so gering ich sie auch unterstützen konnte . Als ich einmal die » Jahreszeiten « zu singen vorschlug , kam ich gar übel an . Man erklärte die » Jahreszeiten « , besonders von Seiten eines widerlichen alten Ausschusses , der sich um die sanfte , treffliche Anna von Harder gruppirt hatte und sie tyrannisirte , für eine im Grunde frivole Musik , die