durch einen Anschein von Aehnlichkeit , die mit der widerlichsten Häßlichkeit verbunden ist , der menschlichen Gestalt zu spotten , und den höchsten Grad von Verunstaltung und Abwürdigung derselben darzustellen scheint . Es scheint mir nun ein Leichtes , die verschiedenen Meinungen deiner Symposiasten nach dieser Ansicht der Sache zu vereinbaren oder zu berichtigen . Wenn wir zwischen dem , was ich die Elemente des Schönen nenne , und den schönen Naturerzeugnissen oder Kunstwerken , die daraus zusammengesetzt sind , gehörig unterscheiden , so heben sich alle Schwierigkeiten von selbst . Wir können von jenen keinen andern Grund angeben warum sie uns gefallen , als weil sie einen angenehmen Eindruck auf unsre Organe machen ; bei diesen hingegen liegt der Grund tiefer , nämlich in der Natur unsrer Seele selbst , welcher das innigste Wohlgefallen an Ordnung , Harmonie und Vollkommenheit wesentlich ist . Indessen ist auch bei dieser zusammengesetzten und vielgestaltigen Schönheit nicht zu vergessen , daß das , wodurch sie uns wirklich als schön erscheint und gefällt , bloß die schnell auf Einen Blick oder in einem untheilbaren Moment gefühlte Einheit im Mannichfaltigen ist ; indem dieses Gefühl und mit ihm die Idee der Schönheit so bald verschwindet , als wir den Gegenstand zergliedern oder in seinen einzelnen Theilen und Elementen stückweise betrachten . Mit dem , was Euphranor über die Platonische Idee der Schönheit sagt , bin ich insofern einverstanden , als ich sie für die Frucht einer natürlichen Täuschung halte , die daher entsteht , daß uns selten ein Gegenstand , sey es ein Werk der Natur oder der Kunst , vor die Augen kommt , der , unsrer Einbildung nach , nicht schöner seyn könnte als er uns erscheint . Indem wir dieß zu fühlen glauben , erzeugt sich in unsrer Phantasie ein mehr oder weniger klares Bild dieser höhern Schönheit , welches wir ( dünkt uns ) sogleich darstellen könnten , wenn wir die dazu nöthige Kunstfertigkeit besäßen ; und daß es nichts anders ist , scheint mir daraus klar , daß sobald ein schöner Gegenstand uns gänzlich befriedigt , wir unser Ideal in ihm realisirt , ja wohl gar noch übertroffen zu sehen wähnen . Daß es solche Gegenstände gebe , kann wohl kein Unbefangener bezweifeln , der aus den Unsterblichen den Jupiter oder die Minerva des Phidias , und aus den Sterblichen die schöne Lais gesehen hat . Ich müßte mich sehr irren , oder meine Philosophie des Schönen ( wenn ich ihr anders einen so vornehmen Namen geben darf ) ist auch auf das , was wir in sittlichem Verstande schön nennen , anwendbar . Auch hier finde ich meinen Unterschied zwischen den Elementen desselben und dem , was unser Verstand daraus zusammensetzt , wieder . Aufrichtigkeit , Unschuld , Güte , Treue , Dankbarkeit , Bescheidenheit , Sanftheit , Großherzigkeit , Geduld , Seelenstärke , und alle aus diesen Eigenschaften oder Tugenden entspringenden Gefühle , Gesinnungen und Thaten nennen wir schön ; weil sie uns , vermöge einer in unsrer Natur gegründeten Nothwendigkeit , gefallen , anziehen , Achtung und Liebe einflößen , wo , wann , und an wem wir sie gewahr werden , ohne alle Rücksicht auf das Nützliche , das sie für uns haben oder haben könnten . Im Gegentheil eine schöne That erscheint uns desto schöner , je mehr Selbstüberwindung und Aufopferung eigener Vortheile sie erfordert , und unser besonderes Ich kommt dabei so wenig in Betrachtung , daß , wofern der Mond Einwohner hätte und man erzählte uns irgend eine schöne That , die ein Mann im Monde vor zehntausend Jahren gethan hätte , die Vorstellung derselben eben so auf uns wirken würde , als wenn sie vor wenig Tagen mitten unter uns geschehen wäre . Dieß erstreckt sich sogar auf die Thiere , an welchen wir etwas dieser oder jener Tugend Aehnliches zu sehen glauben , ja noch weiter hinab bis ins Pflanzenreich , wo es , z.B. Blumen gibt , die uns durch Gestalt , Farbe und Wohlgeruch zu natürlichen Symbolen gewisser sittlicher Eigenschaften werden , und aus diesem Grunde , öfters auch ohne daß wir uns dessen bewußt sind , Personen von zärterem Gefühl eine sonderbare Art von Anmuthung einzuflößen vermögen . Einen aus jenen Eigenschaften , als den Elementen oder Grundzügen des Sittlichschönen richtig zusammengesetzten Charakter nennen wir schön , weil und sofern er sich uns als ein mit sich selbst harmonisches und in sich selbst vollendetes Ganzes darstellt . Das Schönste in dieser Art wäre also unstreitig ein ganzes Leben , welches , aus lauter schönen Gesinnungen und Thaten zusammengesetzt , uns das Anschauen der reinsten Harmonie aller Triebe und Fähigkeiten eines Menschen zu Verfolgung des großen Zwecks der möglichsten Selbstveredlung und der ausgebreitetsten Mittheilung gewähren würde . Ein solcher Charakter in einem solchen Leben dargestellt , würde für die Formen und Proportionen des sittlichen Menschen eben das seyn , was der Kanon des Polykletus für die richtigsten Verhältnisse des menschlichen Körpers . Denn unläugbar gibt es in beiden ein Schönstes , über welches die Phantasie nicht hinausgehen darf , wenn sie des wahren Ebenmaßes nicht verfehlen , und statt schöner Gestalten schöne Ungeheuer hervorbringen will . Die Einbildung , daß sich immer noch etwas Schöneres denken lasse als das Schönste was uns die Natur wirklich darstellt , ist bloße Täuschung ; und ich bin auch über diesen Punkt gänzlich der Meinung deines Freundes Euphranor , der es zu verdienen scheint , daß du ihm hierin zur vollständigsten Ueberzeugung verhelfest . Deiner Einladung zur Feier der bevorstehenden Poseidonien in Aegina ( denn dafür darf ich doch wohl ohne mir zu viel zu schmeicheln die Frage am Schluß deines Briefes nehmen ? ) würde ich mit der lebhaftesten Dankbarkeit entgegen fliegen , wenn ich mich nicht gegen einen der angesehensten Rhodier verbindlich gemacht hätte , seinen Sohn auf einer Reise nach Cypern zu begleiten . So fern von Aegina als ich dann seyn werde , könnt ' ich mich um so leichter versucht fühlen , meine Wanderungen zu Wasser und zu