und schon nahe an achtzig , ihren schwarzen Scheitel , der sich etwas verschoben hatte , wieder gerade rückte , dabei Lepel und mich verschmitzt ansehend , wie wenn sie sagen wollte : » Kinder , was soll das alles ? Als ich jung war , waren ganz andere Dinge Mode . « Sie stammte nämlich aus den Gräfin-Lichtenau-Tagen und hatte manches erlebt . Endlich nahm Herr von Hünecke das Wort : » Es muß schwer sein « , sagte er , worauf Frau von Hünecke fast einen Lachanfall kriegte und gutmütig hinzusetzte : » Ja , Hünecke , du könntest es nicht . « Durch diesen Zwischenfall war das Eis gebrochen , und nun griff auch die alte Häseler ein und sagte : » Schwer . Ja was heißt schwer . Ich glaube nicht , daß es so sehr schwer ist , und Improvisieren zum Beispiel ist viel schwerer . Da war hier vor zwanzig Jahren ein Improvisator Langenschwarz , ein jüdischer , aber ziemlich distinguiert aussehender Mann , und hatten wir damals eine Matinee im Konzertsaal , es war das letzte Jahr unter des hochseligen Königs Majestät . Und das Thema war › Alexanders des Großen Tod ‹ und jeder , der anwesend war , hatte das Recht , ihm ein Reimwort zuzurufen . Und da war ja nun dieser schreckliche Mensch , der Glasbrenner , d.h. eigentlich war er gar nicht so schrecklich und konnte nur , wenn er wollte , der rief Langenschwarzen , weil er eine Pike gegen ihn hatte , das Wort › Blutwurst ‹ zu , so daß einige lachten , während wir andern alle zusammenschraken . Aber was denken Sie , was geschah ? Ohne daß dieser Langenschwarz sich verfärbte , nahm er das furchtbare Wort in seine Dichtung auf und ich weiß auch noch , daß er mit › Glutdurst ‹ darauf reimte , was damals jeder bewunderte , so daß Glasbrenner eigentlich geschlagen war , und wenn ich mir das alles vergegenwärtige – Hülsen war damals noch Leutnant und hatte die Plätze besorgt – , so muß ich doch sagen , das war schwerer . « Lepel und ich stimmten vollkommen ein , Fräulein von Rohr aber fand diesen plötzlichen Einwurf in eine Debatte , die sich doch mit einer ernsten Dichtung zu beschäftigen habe , ziemlich unangemessen und sagte : » Frau von Häseler , ich muß Ihnen doch bemerken , daß ich das Gedicht der beiden Herren seit vorigem Sonntag abschriftlich besitze und daß ich es sowohl der Gräfin Schwerin wie dem Prinzen Georg vorgelegt habe , die beide von der besonderen Schwierigkeit sprachen . Es wird also wohl auch schwer sein . Der Prinz ist selbst Dichter , wie Sie wissen , und ein Mann von Urteil . « So waren die Abende bei Fräulein von Rohr , deren ich von nun ab , durch mehr als zehn Jahre hin , zahllose verlebte . Der Charakter war immer derselbe , immer sechs , acht Personen , immer Mustertee , immer » Götterspeise « , immer Dichtungen vor einem Publikum , das durch Vortrag derselben grenzenlos gelangweilt wurde . Nur Fräulein von Rohr strahlte . Sie war nach wie vor Lepels Egeria und bald auch meine . Vielleicht , daß ich mich dagegen doch mehr oder weniger gesträubt hätte , wenn das Wesen des Fräuleins lediglich darin zum Ausdruck gekommen wäre . Glücklicherweise war dies nicht der Fall . Wie der berühmte Böckh nicht stolz auf seine klassische Philologie , sondern auf sein Englisch war , das er in einem fragwürdigen Jargon vorbrachte , so war Mathilde von Rohr stolz auf ihre » Dichter « und das dichterische Interesse , das sie mit ihnen verband , während ihre wirklichen Werte nach einer ganz anderen Seite hin lagen , derart , daß man füglich von ihr sagen konnte , erst wenn sie das Flitterideal abtat , war sie ein wirkliches Ideal : gut , treu , praktisch , hilfebereit , immer das Herz auf dem rechten Fleck , immer voll gutem Menschenverstand , immer gerecht . Alles Gewöhnliche , namentlich alles Unhumane war ihr in tiefster Seele verhaßt , und ihr schönster Zug war ihre jedesmalige Empörung , wenn sich Adlige unwürdig benahmen und dabei wohl gar noch bis zu dem Glauben gingen : » sie dürften sich ' s erlauben , weil sie Adlige seien « . Dann war nicht mit ihr zu spaßen und es kamen Szenen vor , wo mir ' s innerlich nicht genug war , daß ich ihr gerührt die Hand küßte , nein , wo ich der guten alten Dame recte hätte um den Hals fallen mögen . Da waren damals zwei Grafen in ihrer Nachbarschaft , beide Unter den Linden . Nun , den einen , einen notorischen Geizhals , hatte sie aufgegeben , sprach nur mit Achselzucken von ihm und vermied ihn , wenn sie ihm in Gesellschaften begegnete . Den andern aber , einen in seinen Formen sehr liebenswürdigen und höfisch verbindlichen Herrn , konnte sie eigentlich sehr gut leiden und trat für ihn ein , wenn er angegriffen wurde , bis ihr eines Tages zu Ohren kam , er habe das Prinzip , Handwerker nie aus freien Stücken zu bezahlen , sondern – um vom Kapital so viel und so lange Zins zu haben wie möglich – immer erst die Klage der armen Leute abzuwarten . Einer hatte ihr das unter Tränen erzählt und hinzugesetzt , er könne nicht mal klagen , denn dann verlöre er die Kundschaft vieler anderer dazu . Da ging sie zu dem Grafen und machte ihm Vorstellungen und es half auch ; als er aber immer wieder rückfällig wurde , gab sie auch ihn auf und sorgte dafür , daß sein Leumund in der Wilhelm- und Behrenstraße nicht besser wurde . Denn ihr heroischer Mut ließ sie jeden Kampf aufnehmen , wenn es ihr nötig schien . Sie hatte etwas Männliches , aber darin war sie doch auch wieder ganz weiblich , daß sie