Kindes von Eschenbach trauerten , sagten , wenn es Eva wirklich sei , die diese Zeilen geschrieben hatte , so sei sie eben von den Räubern dazu genötigt worden . Der Brief trug den Poststempel einer rheinpfälzischen Stadt . Ein Telegramm ging hinüber , die Antwort lautete , es habe vor kurzem eine Gesellschaft von Gauklern dorten gastiert , aber sie seien längst abgereist ; auf welcher Straße sei nicht bekannt , wahrscheinlich nach Frankreich hinüber . Marianne war gebrochen . Sie hatte keine Lebenslust mehr , sogar über die Ankunft Daniels bekundete sie keine Freude . Und Daniel war es , wie wenn der hellste Stern an seinem Himmel untergegangen sei . Als er das Furchtbare aufgefaßt hatte , schlich er in die Dachstube , warf sich auf das verlassene Bett seiner Tochter und schluchzte . Weinst du , Mann , weinst du endlich ? schien eine Stimme zu rufen . An vielen Abenden saß er bei der Mutter , und sie grübelten beide vor sich hin . Einmal fing Marianne an zu sprechen , und sie erzählte von Eva . Die Vorliebe des Kindes für Schaustellungen aller Art habe sie stets beunruhigt ; vor Jahren sei eins Truppe wandernder Komödianten im Ort gewesen , da habe die damals erst Achtjährige eine leidenschaftliche Erregung gezeigt und sich vom Morgen bis zum Abend vor der Bude herumgetrieben , in welcher die Leute gespielt . Auch habe sie Bekanntschaft mit einigen von ihnen geschlossen , und eine junge Person habe sie dann zu der Aufführung eines Stückes mitgenommen . So oft ein Zirkus auf dem Jahrmarkt gewesen , hätte man sie kaum bändigen können ; » bisweilen dacht ich mir , es muß Zigeunerblut in dem Kind sein , « sagte Marianne traurig , » aber es war ein so gutes und folgsames Kind sonst . « Ein andermal erzählte sie folgendes . An einem Sonntag im Frühjahr habe sie einen Spaziergang mit Eva gemacht . Es sei spät geworden , auf dem Rückweg sei die Nacht eingebrochen , sie hätten durch den Wald gehen gemußt , da habe sie sich müde auf einen Baumstumpf gesetzt , um ein bißchen zu rasten . Der Mond habe geschienen , es war eine kleine Lichtung da , plötzlich sei Eva aufgesprungen und habe zu tanzen begonnen . » Das war wunderlich anzusehen , « schloß Marianne ihren Bericht , » das schlanke , zarte Figürchen , wie es sich im Mondschein und auf dem Moose lautlos um sich selbst gedreht hat . Aber mir hat ' s das Herz zusammengeschnürt , und mir war , als sollte sie nicht mehr lange bei mir bleiben . « Daniel schwieg . O , zauberisches Ding du , dachte er , Erbteil und Geschick . Drei Wochen blieb er bei der Mutter , dann engte ihn das Gewohnte zu sehr ein , Haus und Städtchen , und er nahm Abschied . Er fuhr nach Wien ; dort hatte der Kustode an einem kaiserlichen Institut wichtige alte Handschriften für ihn liegen . Anderthalb Monate später bekam er einen Brief , der ihn erst nach allerlei Irrfahrten erreicht hatte . Er meldete ihm den Tod seiner Mutter . Der Lehrer von Eschenbach schrieb ihm dieses mit dem Hinzufügen , daß die Greisin in der Nacht friedlich und schnell verschieden sei . Ein zweiter Brief folgte , darin wurde er um Anweisungen gebeten , was mit dem Häuschen geschehen solle , und ob es zum Verkauf auszuschreiben sei ; ein Nachbar , der Getreidehändler Merk , habe sich freiwillig angeboten , Daniels Interessen zu vertreten . Daniel antwortete , sie möchten tun , was ihnen am besten schiene . Es lasteten Schulden auf dem Häuschen , und der Verkauf konnte keinen großen Ertrag bringen . Er verkroch sich in eine Einöde . 10 In kleinen Städten und Dörfern an der Donau brachte er endlich den dritten Satz der prometheischen Symphonie zu Ende . Als er wie aus Fieberdelirien erwachte , war es Herbst geworden . An einem Morgen im Oktober hörte er einen Heiligen die Orgel spielen . Es war in Sankt Florian bei Enns . Der große Künstler , einst hatte er im Stift gelebt , kam jetzt nur zuweilen , um Zwiesprache mit seinem Gott zu halten . Hingenommen bis ins Innerste , war es Daniel zumut , als sitze sein gekrönter Bruder oben an der Orgel ; demütig und erschüttert lauschte er in einem Winkel . Als dann ein Mensch an ihm vorüberging , ein gebückter , hagerer , etwas wunderlicher Greis mit einem sorgendurchfurchten Gesicht und in einem schlechten Anzug , da überwältigte ihn das Grauen vor der Körperlichkeit des Genies , und er erschien sich selber gespensterhaft . Die Schwalbe schrieb : » Uns kann nur einer erlösen , der Musiker . Die Zeit der Religionsstifter , der Staatengründer , der Waffenhelden und der Entdecker ist vorüber . Vielleicht sogar die Zeit der Dichter . Die Dichter haben nur Worte , und unsere Ohren sind müde von Worten ; sie haben nur Bilder und Gestalten , und unsere Augen sind müde vom Sehen . Der letzte Trost der Seele liegt in der Musik , dessen bin ich gewiß . Wenn etwas die verlorenen Illusionen des Glaubens zu ersetzen vermag , wenn etwas uns beschwingen und verwandeln kann , wenn es noch eine Rettung vor dem Abgrund gibt , dem die Menschheit mit verwilderten Sinnen zurast , ist es die Musik . Wo bist du , Erlöser ? Heimatlos ziehst du über die Erde , der ärmste , der entbehrendste , der schuldigste , der verlassenste Mensch . Wann bezahlst du deine Schuld , Daniel Nothafft ? « Sieben Monate brachte Daniel in Ravenna , Ferrara , Florenz und Pisa zu . Er suchte nach Handschriften von Frescobaldi , Borghesi und Ercole Pasquini . Als er die wichtigsten gefunden hatte , durfte er das Sammelwerk als abgeschlossen betrachten . Die Menschen erschienen ihm wie Spielfiguren , die Landschaften wie Malerei auf Glas , er sehnte