Luft ! « » Herr , ich hab mich selber verwundert . Zwei von den Einrössern , die zwei verläßlichsten , hab ich als Hüter bei dem gnädigsten Prinzen gelassen . Mit den anderen bin ich hinter dem flüchtigen Buben hergehetzt - « » Der verschwunden war ? « Kleinlaut nickte der Lautenspieler : » Wohl , Herr ! Und da hat mich der gnädigste Prinz in Zorn beschuldigt , mit dem Wasser in meiner Eisenschaller hätt ich den Vogel vergiftet - daß der Prinz sich ärgern müßt und mein gnädigster Herr was Lustigs zu lachen hätt . « » Nachtigall ? « Herr Ludwig faßte mit seiner wuchtigen Faust den blassen , zitternden Menschen an der Schulter . » Nachtigall ? Bist du falsch ? « » Jesus , Herr - « » Oder bist du bei deiner hundertmal erprobten Schläue doch so ein Rindvieh des Lebens wie viele Musikanten ? « Der Lautenspieler atmete erleichtert auf und sagte drollig : » Jetzt schimpft der gnädigste Herr , da zürnt er nimmer . « » Dir ? Nein ! Mit der Dummheit muß man gütiges Erbarmen haben . Nachtigall ? « Herr Ludwig nahm den Musikanten beim Ohr . » Hast du denn wirklich nicht gemerkt , daß diese ganze Sperbergeschichte ein abgeredetes Ding war ? Eine gut gespielte Komödie meines holden Herzkäfers ? Mit seinem Liebling Laitzinger ? Und daß da eine Botschaft fortging ? Welche ? Ich kann ' s nicht raten . Wohin ? Ich weiß es nicht . « Er lachte über das hilflos verblüffte Gesicht des Nachtigall . » Erschrick nit , mein guter Peter ! Laß ihn spinnen , was ihm taugt . Meine Faust ist stärker als seine kleinen , krummen Fäden sind . Er weiß nur immer das Halbe . Und das Beste dieser Tage - das kennen nur ich , der Gleslin und du ! « Der Herzog wurde ernst . » Das ist sicher vor den Fledermauszähnen meines lieben Kindleins . « Ein kurzes Besinnen in wühlendem Unbehagen . Dann wieder ein Lächeln . » Vielleicht nur eine Weibergeschichte ? Kann sein , er knappert in seines Leibes Armut an einem Kuchen , den ich beiseite schob ? Und will es verbergen vor mir ? « Rasch flüsterte der Lautenspieler : » Ob ' s nicht die rote Bärbel ist , die der gnädigste Herr nach Neuburg verschickt hat ? « » Die ? Nein ! « Herr Ludwig wurde heiter . » Die hatte die gradgewachsenen Tiere lieb und konnte nie eine Spinne sehen . « Dieses Wort schien ihn zu reuen , kaum es gesprochen war . In seinem Gesichte stritt der Ärger über sich selbst mit dem Mißtrauen gegen den Sohn . Einer väterlichen Regung des Augenblicks gehorchend , ließ er den Musikanten stehen und ging mit raschen Schritten durch den Korridor auf die Stube des Prinzen zu . Vor der Türe standen die verschüchterten Diener , die Prinz Höckerlein aus seinem Schlafzimmer verjagt hatte . Als der Herzog eintrat , lag der Bucklige halb entkleidet auf dem seidenen Bett und hielt wie ein Toter die blassen , durchsichtigen Lider geschlossen . Dicker , weißer Schaum quoll über die Lippen heraus , und ein heftiges Zucken lief über den mißgestalteten Körper hin , der in dieser halben Todesähnlichkeit von erschreckender Häßlichkeit war . Nein ! Das kann man nicht heucheln ! Ob diese Sperbergeschichte und die Flucht des geängstigten Falkners vor einem mörderischen Jähzorn nicht doch eine ehrliche Sache war ? Und im Zorne zittern die Hände , daß auch dem besten Schützen die Bolzen nicht fliegen , wie er will . Und dieser selige Sperber ? War er nicht das einzige Geschöpf , für das in dieser menschlichen Mißgestalt so etwas wie Liebe wohnte ? Man kann um törichter Dinge willen nicht das einzige töten , an dem man mit Liebe hängt . Das kann auch der da nicht ! Obwohl er sich auf üble Dinge versteht . Der Sperber starb . Und aus Kummer um den geliebten Vogel muß dieser Unglückliche leiden an allem Elend seines verkrümmten Körpers . Mit diesem Glauben erwachte in Herzog Ludwig das Erbarmen des Vaters . In Sorge , fast zärtlich , schob er den Arm unter den unförmigen Kopf des Prinzen und versuchte ihn aufzurichten . Die Gliederzuckungen des Buckligen erloschen . Er tat einen tiefen Atemzug . Doch er blinzelte erst vorsichtig unter den Lidern hervor , bevor er sie völlig aufschlug . Seine Augen gingen noch irr , während er klagend fragte : » Was war mit mir ? « » Ich mußte sehen , daß du leidest . Denk nimmer an den Sperber ! Ich schenke dir den schönsten von meinen Falken . Ist dir besser ? « » Ich glaube , ja ! « Ein seelenvoller Blick . » Viel Dank , lieber Vater ! « Der Prinz versuchte sich zu erheben . » Nein ! Bleib ruhig liegen ! Man soll dich pflegen , wie es nötig ist . Ich lasse dir meinen Leibarzt holen . « Herr Ludwig ging rasch zur Türe . Während draußen des Herzogs laute , befehlende Stimme klang , spuckte Prinz Höckerlein den weißen Seifenschaum , den er noch reichlich im Munde hatte , hinter das seidene Bett , huschelte sich in gekrümmter Lage auf die Kissen nieder und kicherte spöttisch gegen die Türe hin : » Matthäi ? Dein Heiliger , glaubst du ? Ob ' s nicht der meine wird ? « 6 Der Falkner Laitzinger , der sich bei Tag verstecken mußte , hetzte in den kurzen Sommernächten das gute Roß des Peter Nachtigall zuschanden . Dreimal war er auf diesem flinken Sattel den Straßenräubern entronnen . Zu Ende der fünften Nacht , zwischen Ampfing und Mühldorf , brach der erschöpfte Gaul zu Boden und stand nimmer auf . Laitzinger mußte laufen . Immer hielt er sich in den Wäldern , den ganzen Tag , schlug sich durch Dickungen und watete durch Moor und Sumpf