ging mir durch den Sinn . Dachte mir wohl , Agnete werde die Geschichte ihrer Schwäherin erzählt haben mit dem Auftrage , sie uns Männern mitzuteilen . Rätselhaft aber deuchte mich Sibyllens Wort , von der Königstochter selber habe sie alles vernommen . Wie konnte denn Agnete sich mit der Königstochter vergleichen , da doch Agnetens Lebensgang kein Recht hiezu begründete ? Hier wob ein Geheimnis . Und welche Bewandtnis hatte es mit der mir anvertrauten Schrift ? Warum ward sie verstohlen mir übergeben ? Durfte Heinrich von dem Inhalt nichts erfahren ? Und was sollte mir die Bitte , nicht heute noch die Schrift zu lesen ? Daß mich Agnete heute gemieden , mußte wohl noch einen andern Grund haben , als ihre mütterliche Fürsorge für die Petersdorfer Kinder . » Erzählet von Eurer Frau , Heinrich . Was hat sie denn veranlaßt , ihr mütterlich Amt bei den Petersdorfern zu übernehmen ? « » Sie kann es nur schwer verwinden , daß ihr das eigene Kind geraubt und Klein-Anneliesel , der Sprößling meiner ersten Ehe , durch den Tod entrissen worden ist . Da sucht nun ihr liebreich Herz sich in fremden Kindern und in allerlei hilfsbedürftigen Menschen Ersatz zu schaffen . Mir ist es recht , daß ihr Sinn heiter wird bei der Jugend drunten im Tale . Nur werd ich die Sorge nicht los , daß der schwierige Weg ihrem Körper zum Schaden gereichen könne . Denn ihre Brust ist schwach von jenem Unfall her , der sie mir zugesellte . « » Was war das für ein Unfall ? « » Haben wir das noch nicht erzählt ? Ein Messerstich hatte ihr von der Schulter her die Lunge verletzt , und wiewohl die Wunde geheilt ist , blieb doch eine Schwäche zurück , und einmal hat sich Blutspeien eingestellt . Deshalb bin ich nicht ohne Sorge , wenn sie an jedem Sonntag sich den Weg zu Tal und wieder herauf zumutet . « » Warum ist sie denn aber neulich sogar bis zur Abendburg gegangen , und warum habt Ihr sie nicht davon zurückgehalten ? Es hätte ja genügt , wenn Ihr bei Eurem ersten Besuche mich zu Eurer Baude eingeladen hättet . « » Ich weiß nicht , warum Agnete also begierig war , mit eigenen Augen Eure Klause zu schauen . Genung , sie hat gebeten , den Gang mitmachen zu dürfen , und wenn sie ernstlich bittet , kann ich nicht widerstreben . Bin auch gewohnt , nicht mit ihr zu feilschen und zu rechten . « Nun verfielen wir in sinnendes Schweigen . Zum Kochelgrund gelangt , überschritten wir das Flüßlein mittels einer quer darübergestürzten Fichte und klommen jenseits auf rauhem Pfade die Felsenhöhe hinan , bis wir aus dichtem Tann auf eine kleine Wiese traten und nun freien Blick ins Tal des Zacken hatten . Der brausete drunten über Felsenblöcke , und drüben ging es wieder steil empor . » Hier ist der Schwarze Wog , « sagte Heinrich , » und dieser geschlängelte Pfad führt Euch hinüber . Gebt mir nun Urlaub , denn ich möchte zurück , um meiner Frau nach Petersdorf entgegenzugehen . « Dankend schüttelte ich Heinrich die Hand und verfolgte meinen Weg , indem ich den Spieß als Stütze gebrauchte . Bald ward mir klar , daß allerdings hier der nächste Weg zwischen meinem Heim und der Kiesewaldbaude gehe , wiewohl der Abstieg zum Zacken und noch mehr der Aufstieg zur jenseitigen Felsenhöhe also beschwerlich war , daß ich mit lächelnder Zustimmung Heinrichs Wunsch bedachte , auf Engelsfittichen über diese Kluft zu schweben . Wie ich am Zackenberge oberhalb des Baches , Böhmischer Furt geheißen , durch den Tann schritt , neigten sich die Wipfel mit Brausen und kündeten , daß der Sturm beginne . Wiederum gedachte ich des Märleins von der Königstochter und versetzte mich in ihren Liebsten hinein , wie er als alter Mann die Braut seiner Jugend endlich wiedergefunden , jedoch zu spät , als daß die heiße Sehnsucht junger Jahre sich jetzo erfüllen konnte . Mein Träumen verlieh der Königstochter Theklas Züge , und ich legte mir die Frage vor , wie wohl mir zu Sinn sein möchte , so auf einmal jetzt , nach zwölfjähriger Trennung von einer lieben Frau , ein Weib vor mich hinträte , sprechend : » Ich bin deine Thekla ! « Von jähem Schrecken fühlt ' ich mich betroffen , da mir der Einfall kam , Agnete , von der das Märlein ausging , könne Thekla sein . Aber nein , Thekla war ja tot , erdolcht von der eifersüchtigen Berthulde ! Oder war das ein falscher Bericht ? Lebte Thekla vielleicht ? War denn nicht auch Agnete , trotz des Stiches , so ihre Lunge getroffen , wieder genesen ? Und was ist das ? Agnete ist gestochen , Thekla desgleichen ! Und Agneten ward ein Kind geraubt ? Brausend wie die Luft flatterten mir die Gefühle , und mein Schritt stürmte dahin . Dann blieb ich stehen und nahm aus meiner Tasche das Päcklein , so Agnete mir vermacht . Mein brennender Blick hätte die Hülle durchdringen mögen ; doch ihr Wunsch , daß ich vor morgen nicht lesen solle , zügelte meine Ungeduld . Daheim angelangt , sah ich meines Oheims Auge erschrocken auf mich gerichtet , da er aus seiner Geistesverwirrung heraus die Worte stammelte : » Was ist ? Geht ' s wieder los mit den Dämonen ? Ja , ja ich habe mir ' s gedacht ; es hat sich wieder was angemeldet . O Jesus und Vater ! « Wie ich am prasselnden Ofen saß , und ein Krug Beerenwein mein bänglich Herz ermunterte , ward ich geneigt , mich einen Träumer zu schelten , der an wilder Phantasei schier dem verstörten Oheim gleichkomme . Wie denn ? Agnete sollte Thekla sein ? Unsinnige Einbildung ! Und doch ! und doch ! Die Art , wie Agnete sich gab , paßte auf Thekla . Zwar hatte ich in