gar nichts weiter , als ihr alle seid , aber heut muß ich doch bitten , mich als Respektsperson zu betrachten ! Er trug Sandalen und hatte seine Spinnenmütze durch ein buntes , malerisch um den Kopf geschlungenes Tuch ersetzt . Man grüßte ihn heut anders als wohl sonst . Warum auch nicht ? Dünken nicht auch wir uns , ganz andere Menschen zu sein , sobald wir unsere Lenden durch den Frack entblößt und unsere gesellschaftliche Bedeutung in dunkelcylinderhafter Weise » behauptet « haben ? Das Festkleid stimmt den Menschen feierlich , und in feierlicher Weise geschah alles , was » unser Kind « am heutigen Tage that . Indem wir quer durch das Dorf kamen , sah ich die Bewohner desselben erwartungsvoll vor den Thüren stehen . Sie hatten ihre besten Sachen angelegt und trugen Blumen in der Hand oder auf der Brust . Jederman hatte Gäste , die von auswärts angekommen waren . Die Männer waren unbeschäftigt ; die Frauen und Mädchen aber hatten mit allerlei Vorbereitungen zu thun , welche darauf schließen ließen , daß man heut nicht hier unten sondern oben auf dem Berge speisen werde . Der Weg , welcher jenseits hinaufführte , war ebenso in Serpentinen angelegt wie der , den wir von unserm Hause herabgekommen waren . Auch seine Einfassung zeugte von denselben sorgfältig pflegenden Händen . Aber ich achtete weniger auf ihn selbst , als vielmehr auf die Aussicht , welche er nach der Seite des » hohen Hauses « bot . Ich sah es heute zum ersten Male liegen . Seine ganze Fronte lag vor meinen Augen . Sie wuchs immer deutlicher aus dem jenseitigen Berge heraus , je höher ich auf den diesseitigen hinaufgetragen wurde . Was von da drüben zu mir herüberschaute , war mir ein Rätsel , ein großes , großes baustilistisches Rätsel . Es zog meine Blicke förmlich zu sich hinüber , und es kostete mich eine Art von Selbstüberwindung , sie schließlich davon abzuwenden , weil ich den Anblick nicht langsam , nach und nach entstehen , sondern plötzlich , auf einmal , in seiner ganzen Ungeteiltheit auf mich wirken lassen wollte . Und sonderbar : Kaum hatte ich diesen Entschluß gefaßt , so drehte der auch jetzt noch immer voranschreitende Tifl sich um und sagte : » Ich bitte dich , Effendi , jetzt nicht zum hohen Hause hinüberzuschauen ! « » Warum « fragte ich . » Unser guter Ustad gebot mir , dich darum zu bitten . « » Hat er dir einen Grund mitgeteilt ? « » Er sagte etwas , was ich nicht verstehe . Er sprach von einer langen , langen Zeit . « » Von welcher Zeit ? « » Von der , die noch vor der großen Flut gewesen ist , die einst über die ganze Erde ging . Seitdem sind viele tausend Jahre vergangen . « » Was hat das aber mit deiner Bitte zu thun ? « » Das ist es ja , was ich nicht begreife . Du sollst diese vielen tausend Jahre nicht nach und nach mit deinen Augen durchleben , indem du unterwegs unausgesetzt hinüberschaust . Sondern du sollst warten , bis du oben angekommen bist und unter unsern Säulen sitzest . Dann wirst du staunend diese ganze , lange Zeit mit einem Male vor dir liegen sehen und sie vielleicht vom ersten bis zum letzten Augenblick begreifen . « » Ich werde diesem deinem Rate folgen , mein lieber Tifl . « » Ja , thue es ! Und noch etwas habe ich dir zu sagen . Darf ich gleich jetzt , damit ich es nicht vergesse ? « » Gewiß ! « » Du sollst bemerken , daß der Berg der Vater dieses Hauses ist . Es tritt nur vorn aus ihm heraus . Die innere Seite liegt in ihm verborgen . Rechts und links am Berge siehst du die Brüche , aus denen die Steine zum Bau des Hauses stammen . Sie liegen so verschiedenartig übereinander wie die Stockwerke des Gebäudes . Unten dunkel , nach oben immer heller werdend . Nie ist ein fremder Stein zu diesem Bau verwendet worden . Nur die Menschen , welche die verschiedenen Stockwerke aufeinander gesetzt haben , sind aus fremden Ländern gekommen und nach ihrer Zeit wieder in der Fremde verschwunden . Unser Ustad sagte , das sei so Erdenbrauch . « Wir waren jetzt an eine Biegung gekommen , welche wie ein Altan aus dem Berge hervortrat . Hier ließ Tifl halten , um mich die sich hier bietende , herrliche Aussicht genießen zu lassen . Er hob die Hand gegen das » hohe Haus « und sagte : » Ich zeige zwar hinüber , doch schaue nicht hin . Hier , wo wir uns befinden , stand unser Ustad einst mit einem fremden Mann , welcher gekommen war , uns seine Religion zu bringen . Er behauptete , die unsere werde uns nicht in den Himmel , sondern in die Hölle führen . Als er aber einige Zeit bei uns gewohnt hatte , erkannten wir , daß sein Himmel , wenn alle Seligen darin ihm glichen , für uns eine Hölle sein würde . Er mußte wieder gehen . Am Tage , bevor er uns verließ , ging der Ustad mit ihm hier herauf . Sie blieben hier , wo wir uns jetzt befinden , stehen . Der Fremde schüttelte den Kopf über unser hohes Haus . Er meinte , daß es ein ganz gedankenloses , häßliches Gebäude sei . Sie hatten mich mitgenommen . Ich befand mich bei ihnen und hörte also , was ihm der Ustad antwortete . « » Nun , was ? « » Das kann ich nicht so schnell sagen . Ich muß in die Erinnerung hinabsteigen , um es dir heraufzuholen . « Er sann eine Weile nach ; dann sprach er weiter : » Ihr fremden Gäste seid doch sonderbare Leute ! Ihr kommt hierher und tretet mit Forderungen und Aenderungen an uns