Ruhe . Im Verlaufe von drei Wochen brachte er neunzehn Hirsche auf die Decke . Den letzten erlegte er am Morgen des 16. Oktober , obwohl mit dem Tage vorher die Schußzeit schon zu Ende gegangen war . Vom aufgebrochenen Hirsch weg trat er den Abstieg an und ließ , in Schloß Hubertus angekommen , den Doktor holen . Dieser riet ihm eine Luftveränderung , den Besuch eines milden Klimas . Unverzüglich befolgte Graf Egge diesen Rat , schien aber dabei die Himmelsgegenden zu verwechseln , denn er reiste am folgenden Morgen zu den Elchjagden nach Finnland ab . Zu seiner Bedienung und Pflege nahm er Schipper mit , der in der Brunftzeit wieder zu Gnaden gekommen war , da er seinen Herrn auf zwölf Hirsche zu Schuß gebracht hatte . Franzl atmete auf . Sein erstes war , daß er sich im Palais Dippel einen Tag und eine Nacht ins Heu vergrub , um in einem bleiernen Schlaf seine zerriebenen Knochen rasten zu lassen . Als er erwachte und vor die stille Hütte trat , lag ein schimmernder Herbstmorgen über den Bergen , deren höchste Zinnen schon die erste Schneekoppe trugen . Franzl kam sich vor wie eine aus dem Fegfeuer erlöste Seele . In dieser einsamen Ruhe fühlte er sich selbst wieder , empfand , daß er lebte . Nach dem Frühstück , das ihm seit Wochen zum erstenmal wieder mundete , nahm er seine Büchse und wanderte den ganzen Tag in seinem Bezirk umher . Er ruhte im rauschenden Wald , rastete auf sonnbeschienenen Gehängen , sah träumend die ragenden Wände an und beobachtete , wie das versprengte Wild sich wieder sammelte . Die Freude an seinem Beruf begann in seiner Seele wieder warm zu werden . Und noch etwas anderes fand er in dieser Stille , bei diesem erquickenden Aufatmen : der wirre Sorgenknoten seines Herzens löste sich wie von selbst . Jetzt zum erstenmal konnte er ruhig überdenken , was er mit Mali erlebt hatte , und da wurde der schwarze Rabe , als der ihm das Mädel erschienen war , immer weißer und weißer . Wohl fand er die Sache jetzt nicht weniger unbegreiflich als früher . Aber der Gedanke an Malis offene Herzlichkeit , die Erinnerung an ihr vergrämtes Gesicht , an den angstvollen Klang der Stimme , mit der sie ihm jene Warnung vor Schipper zugerufen hatte - das waren stärkere Trümpfe als die verriegelte Haustür und der Besuch des Mädels in der Dippelhütte . Hinter der Sache mußte was stecken , was er nicht erraten , nicht ahnen konnte . Um darüber ins klare zu kommen , wußte er keinen besseren Weg , als mit einer offenen Frage vor das Mädel hinzutreten . Getröstet und von neuer Hoffnung erfüllt , kehrte Franzl mit diesem Entschluß am Abend ins Palais Dippel zurück . Am folgenden Tage hielt ihn noch die Pflicht auf den Bergen fest : mit Hilfe zweier Holzknechte mußte er einen Spießhirsch , den Graf Egge niedergebrannt hatte , als Köder für die beiden Adler auf die Höhe der Felswand schaffen . Um zwei Uhr mittags kehrte er von dieser Arbeit zurück , schloß am Palais Dippel die Fensterläden , versperrte die Tür , und nun rannte er wie ein Narr , um noch vor Einbruch der Dämmerung das Dorf zu erreichen . Als er am Seehof vorübersauste , wurde in der Wirtsstube schon die Lampe angezündet . Über der Straße lag noch ein fahles Zwielicht , und ehe Franzl den Zaun des Brucknerhauses erreichte , konnte er schon die Gestalt des Mädels gewahren , das zwischen Tür und Brunnen umherwanderte und das in einen Lodenmantel gewickelte Netterl auf den Armen trug . Das Herz schlug ihm wie ein Hammer . Doch als er in den Hof trat , sah er das ihm fremde , grobknochige Frauenzimmer ratlos an . » Um Gotts willen ! Wer bist denndu ? « » ' s Kindsmadl bin ich , beim Bruckner . « » Kindsmadl ? Zu was braucht denn der Bruckner fremde Leut im Haus ? Is doch d ' Schwester da ! « » So ? Bist du außer der Welt daheim ? Weißt denn gar nix ? D ' Mali is schon lang nimmer im Ort . « Franzl verfärbte sich . » Die is zu ihrer Schwester aussi uns Unterland . Jetzt bin ich da ! « Franzl stand eine Weile auf den vorgestreckten Bergstock gestützt . » Da wünsch ich gut Nacht ! « Langsam , immer den Kopf schüttelnd , ging er der Straße zu . » Mir scheint , bei dem rappelt ' s ! « brummte die Magd . Vor dem Zaun blieb Franzl stehen , schob den Hut in die Stirn und rieb den Nacken . » Aus und gar ! Jetzt mach an Schnapper , Herzl , daß dich wieder derfangst ! « Schon am folgenden Morgen stieg er wieder zur Dippelhütte hinauf , obwohl er für diesen Tag zur Hochzeit des feinen Lieserls und des Pointner-Andres geladen war . Seine Mutter hatte ihm zugeredet , die » Gaudi « mitzumachen , weil sie hoffte , daß Franzls aschfarbene Stimmung sich beim Klang der Geigen und Klarinetten ein bißchen aufheitern möchte . Am Abend aber dankte sie dem lieben Herrgott mit aufgehobenen Händen , daß ihr Bub nicht » dabei « war - denn der Hochzeitsjubel hatte ein sonderbares Ende genommen . Die Braut , die neben dem Ehering einen Reif mit funkelndem Rubin am Finger trug und gleich einer » stadtischen Hochzeiterin « in ein weißes Atlaskleid mit langer Schleppe gekleidet war , tanzte fleißig mit den zur Hochzeit geladenen Burschen und besonders mit dem jungen Postpraktikanten . Der Bräutigam wurde unruhig , ließ sich aber vorerst noch durch die Einsicht beschwichtigen , daß er wirklich ein schlechter und schrecklich ungeschickter Tänzer war , dessen floßförmige Hochzeitsstiefel jede zierliche Fußspitze schwer bedrohten . Aber was der Andres an Temperament in den Beinen ersparen mußte , das sammelte sich langsam in den