Waffen vielleicht leichter lehren , als die Hudelung des Unteroffiziers es bewerkstelligen kann . Doch halt , alle Unannehmlichkeiten des Soldatenleben sollen ja eben den Charakter stählen . Den Charakter ! Kann man von Charakter überhaupt noch reden , wo die Grundlage jeder Charakterfestigung , nämlich freier Entschluß und eigene Initiative , von vornherein ausgeschlossen sind ? Der » Dienst « soll die große Tugend des Gehorsams einpflanzen . Nun unterschätze ich diese Tugend nicht . Alle Vereinigungen , heißen sie nun Staat , Heer , Privatverein , können sich nur halten durch Gehorsam gegen das Höhere , den allgemeinen Zweck . Dieser Gehorsam aber ist das legitime Kind des freien Willens , der freien Erkenntniß , während der vom Militär geforderte Gehorsam der des Sklaven ist . Würde dieser Gehorsam wirklich als unauslöschliche Tugend durch die allgemeine Wehrpflicht eingeimpft , so könnte dies nur widerliche und traurige Folgen haben . Ein solcher Gehorsam fügt sich in keiner Hinsicht dem modernen Bürgerleben ein ; er wird dort nicht verlangt und wäre nur vom Uebel . Nur im sogenannten » Staatsdienst « kann er von Nutzen sein und wirklich blühen ja Streberei und Knechtssinn dort täglich herrlicher auf . Diese hohe Tugendlehre der militärischen Erziehung mag daher einem Absolutisten erhaben , einem modernen Menschen aber muß sie als verächtliche Untugend erscheinen . Ich leugne auch , daß diese zweifelhafte » Subordination « ( die nur im Armeewesen Berechtigung hat ) irgend Jemandem für sein späteres Civilverhältniß eingeprägt werde . Die Naturen sind eben verschieden . Der größte Militär ( Napoleon ) hat direkt gesagt : Nach seinen Erfahrungen sei der Satz » Wer herrschen will , der muß erst dienen lernen , « barer Unsinn . Gerade die , welche nie und nirgends Unterordnung verstünden , würden sich um so besser auf ' s Gebieten verstehen . Vergeblich wird man daher freien , selbstständigen und initiativen Naturen ( ich meine hier natürlich keine Herrschernaturen , sondern überhaupt alle energischen Impulsiven ) blinden Gehorsam predigen . Wer den militärischen Gehorsam aus der Dienstpflicht ins Leben nachschleppt , war einfach so angelegt und bedurfte einer solchen Erziehung gar nicht . Die Majorität der Menschheit besteht eben schon aus Lakaienseelen , diensteifrigen Naturen , Stimmvieh . Vor geraumer Zeit machte der Fall viel Aufsehen , daß vier Landwehrmänner bei einem Manöver sich geweigert hatten , in einem Viehwagen transportirt zu werden , darob an den Kaiser ein Beschwerdetelegramm richteten und dafür zu vielen Jahren Zuchthaus verurtheilt wurden . Die Höhe des Strafmaßes mag zu hart gewesen sein ; aber das Mordsgeschrei , das die liberalen Blätter darüber erhoben , war unberechtigt . Eine so beispiellose Dreistigkeit , wegen einer solchen Lapalie die Vorgesetzten beim obersten Kriegsherrn per Telegramm zu verklagen , verdiente exemplarische Züchtigung . Es liegt hier sogar eine Unverschämtheit vom rein menschlichen Standpunkte aus vor . Eine andere Frage ist es freilich , ob der betreffende Offizier , falls er wirklich etwas Gesetzwidriges - z.B. körperliche Mißhandlung - begangen hätte , ebenfalls wegen Ungehorsams gegen das Militärgesetz ähnlich hart bestraft worden wäre . Ich fürchte fast , hier hätte die Antwort gelautet : Ja Bauer , das ist ganz was anders ! - Jedenfalls aber zeigt die bloße Möglichkeit eines solchen naiven Aufbegehrens seitens vier beliebiger preußischer Landwehrleute , wie wenig der Sinn sklavischer Unterwürfigkeit - als » Gehorsam « ein nothwendiges berechtigtes Militärgebot - im späteren Civilisten wurzeln bleibt . So sind sie nun mal , die modernen Menschen ! Vom Militär-Standpunkte aus , der die Menschheit als eine Masse zu drillender Rekruten betrachtet , ist das beklagenswerth , aber leider unabänderlich ! Die weiteren segensreichen Einflüsse des » Dienens « machen sich bemerkbar in einer allgemeinen Zufahrigkeit und verstärkter Brutalität in den unteren Schichten , wie denn seit dem Kriege die Verbrechen gegen das Leben , das Messerstechen , die Roheit der Balgereien sich rapide steigerten . Bei den höheren Ständen ( Einjährig-Freiwilliger , Reserveoffizier , d.h. ein Geschöpf mit den Pflichten ohne die Rechte des Offiziers ) bleibt eine vermehrte Vorliebe für alles Aeußerliche , Schein , Etikette und alles überreizte falsche Point d ' honneur -Gefühl zurück . Das sind die logischen Folgen - weiter nichts . Durch diesen Geschmack am Aeußerlichen wird oft für lange Zeit der wahre Ernst zur Arbeit untergraben . Die aus der Dienstpflicht Zurückkehrenden , seien sie Gelehrte oder Bauer , müssen sich erst mit Anstrengungen wieder an ihren wahren Beruf gewöhnen , aus dem sie plötzlich herausgerissen sind . Natürlich sind unsere geschätzten Militärpädagogen harmlos genug , den Hauptwerth der Erziehung auf Berücksichtigung der individuellen ursprünglichen Eigenschaften zu legen . Kann man sich das Lachen verbeißen , wenn man , einige Sätze des deutschen Ausbildungs-Reglements citirend , ernstlich davon redet , daß die Militärerziehung auf dies wichtigste Moment Rücksicht nehme ? ! Das ist des Spaßes , und der - Selbsttäuschung genug ! Ja , sehr richtig heißt es in den Vorschriften der Militärerziehungsmethode : » Eine äußere , wesentlich nur durch Uebungen im Ganzen erzielte Zusammenfügung der Truppe wird bei unerwarteten Ereignissen nicht vorhalten und die Disziplin nur dann ein festes dauerndes Band für das Ganze abgeben , wenn sie auf dem Bewußtsein basirt , daß im Ernstfall der Erfolg von der Erhaltung des durch den Führer geleiteten Zusammenwirkens abhängt . « Das sind goldene Worte und Erfahrung bestätigt sie . Die preußische Armee von 1806 besaß ein treffliches Offizierkorps in den subalternen Chargen und eine wohlgedrillte Armee , die mit ihrer veralteten Lineartaktik so lange wacker schlug , bis die elende Oberleitung jeden Widerstand gegen den besser geführten Feind unnütz machte . Hätte sie aber jene innere Einsicht , jenes feste dauernde Band des bewußten Zusammenwirkens besessen , so wäre von einer so beispiellosen Auflösung des gesammten Heergefüges keine Rede gewesen . Im Befreiungskriege aber leistete nachher die preußische Armee Unerhörtes , trotzdem sie zum größten Theil aus Landwehren und das Offizierkorps der Linie wesentlich aus denselben Elementen bestand , die früher bei Jena so schlecht bestanden hatten . Die